Unwissen

Die Ränder des Kanonischen

Ich bin gerade aus einer Trance erwacht und hatte 1000 Wörter im Computer stehen. [31/1000]


Ich fühle mich nicht als hätte ich heute was zu sagen, aber nichts zu sagen haben hat noch nie jemanden wie mich (weiß, männlich) davon abgehalten trotzdem zu sprechen. Heute wurde ein bisschen gearbeitet, an der Arbeit geschrieben, ich habe auf are.na schöne Websites angeschaut und hier diesen Rahmen entfernt, ich weiß noch nicht ob mir das gefällt.

Und ich habe darüber nachgedacht, ob es sowas wie einen persönlichen Kanon gibt. Ich glaube eigentlich nicht an einen Kanon im normativen Sinn, also dass es Texte gibt, die man unbedingt kennen muss, weil man ohne irgendwie nicht Lebensfähig wäre. Aber ich glaube, dass es Texte gibt, die Einflussreich waren, die es sich lohnt zu kennen, weil sie in irgendeiner Form (meistens einfach, weil sie rezipiert werden) relevant sind. Die Odyssee ist kanonisch, weil sich auf sie Bezogen wird – egal ob in der Aeneis oder bei Adorno und Horkheimer oder bei Findet Nemo.

Nur so macht ja auch die Idee eines persönlichen Kanons Sinn – die Idee ist, dass es Werke gibt, die irgendwie Einfluss auf mich (oder irgendjemanden) haben. Man könnte das für einen Autor machen, in dem man zählt, was er zitiert. Aber die ganzen impliziten Beeinflussungen würde man mit so einem Ansatz nicht finden. Wenn man das Bild eines musischen Kanons benutzen will, könnte man vielleicht danach fragen, in wessen Gesang ein Autor sich einreiht, in welchen Diskurs er spricht …

Die offensichtliche Frage ist natürlich, welche Werke, welche Medieninhalte für mich kanonisch sind, also in welchen Diskurs ich spreche, was ich rezipiere, was mich beeinflusst hat. Ich bin mir nicht sicher ob ich mit dem, was ich hier schreibe überhaupt in einen Diskurs spreche (die Hoffnung auf die Kontamination irgendwelcher Archive ist natürlich ein bisschen illusorisch), was ich rezipiere kann ich sagen, was mich beeinflusst hat ist eine schwierigere Frage. Denn wie gesagt wurde ich – wird ein Autor – ja nicht nur von dem Beeinflusst, was er explizit nennt. Nach seinem eigenen Kanon zu fragen heißt also auch ehrlich mit sich selbst zu sein, und das kann nicht einfach sein.

Ich habe als Kind zum Beispiel viel KiKa geschaut und viel Deutschlandfunk gehört. Gehört das Sandmännchen zu meinem Kanon? An die Reportagen im DLF, die beim Lego bauen liefen, kann ich mich gar nicht mehr richtig erinnern. Einmal ging es um Sibirien, da war ich beeindruckt von den Häusern die auf dem Permafrost gebaut werden. Was das Sandmännchen angeht kann ich mich an Plumps erinnern, und an Pittiplatsch natürlich. Keine Ahnung was das für einen Einfluss auf mich hatte.

Ich hatte lange ein großes Interesse am Weltraum, ein Buch über die Geschichte der Raumfahrt habe ich sehr gut in Erinnerung wegen seiner seltsamen Form (ungefähr ein Halbkreis?), und ein paar Bilder (die kommen, wenn ich mich richtig erinnere aber aus einem anderen Buch) sind mir richtig ins Gehirn eingebrannt.

Von den Texten, die wir in der Schule lesen mussten hat, soweit ich das Beurteilen kann, vor allem Tschick einen Eindruck hinterlassen (wie es das bei so 13 Jährigen eben tut), die Räuber waren das erste alte Buch, das ich mit Begeisterung gelesen habe. Hamlet, das war aber kurz vor dem Abitur, fand ich auch toll.

Das führt nicht zu viel, glaube ich. Die Erinnerungen an all das sind zu blass, um irgendwelche Erkenntnisse aus ihnen zu gewinnen, mir reicht es zu wissen, dass ich erinnere was ich erinnere.

H.'s Idee des Lebens an den Rändern des Kanonischen erfordert natürlich einen unpersönlichen Begriff von Kanon.

seit ich mich an den rändern des kanonischen bewege, ist es nur noch ein halbes leben. ein gutes und glückliches, redliches und reines leben, aber eben nur ein halbes.

Das ist natürlich sympathisch, wenn man es als eine Beschreibung der Rezeption von wenig gelesenen, vielleicht von unterschätzten Texten versteht. Aber es ist natürlich schwierig, überhaupt an die Ränder des Kanonischen zu gelangen, man ließt ja meistens das, was Andere auch lesen. Wie findet man Texte, die nirgends erwähnt werden? Wie findet man Websites, die fast gar nicht verlinkt sind? Man gräbt. Es ist ja die Aufgabe des Archäologen, nach einer anderen Geschichte zu suchen, also auch nach anderen Geschichten.

Warum das Leben an den Rändern des Kanonischen nur ein halbes Leben ist, erschließt sich mir nicht ganz. Foucault – der sich ja durchaus an den Rändern des Kanonischen aufgehalten hat – ist zwar ziemlich früh gestorben, aber an HIV und nicht an seinen Forschungen. Was man aber – gerade im Bezug auf Foucault – überlegen kann, ist ob die Ränder des Kanonischen die Ränder bleiben, wenn man sich an ihnen aufhält. Die Funde Foucaults werden ja durch ihn bekannt, weiter rezipiert, sozusagen in den Mainstream gezogen.

Die Ränder des Kanonischen können insofern vorgestellt werden wie die Edgelands. Einen unbeobachteten Raum zu beobachten verändert diesen Raum in einen beobachteten Raum. In diesem Post referiere ich Gus aus Lonesome Dove. Die Ranger dringen vor an die Ränder des Kanonischen, dürfen seine Wildheit erleben, aber immer nur ein letztes Mal, denn mit sich bringen sie die Rezeption, sie sind die Rezeption und nehmen dem Rand seine Randheit, in dem sie ihn rezipieren.

Der (unpersönliche) Kanon wirkt hier ein bisschen wie ein Fluss, der alles mitreißt, was es wagt sich rezipieren zu lassen, aber ein Fluss, dessen Strömung an seinen Rändern stärker ist als in der Mitte. Oder ist der Kanon selbst eine Strömung und der Fluss ist die Semantik insgesamt? Und in diesem semantischen Fluss wird es nicht nur eine Strömung geben, sondern viele verschiedene, an manchen Stellen gibt es Wirbel, Strömungen verbinden sich oder lösen sich auf. Überall wird Text in die Semantik geworfen, an manchen Stellen werden kleine Dämme errichtet.

Was heißt es dann, die Semantik zu Pflegen? Den Fluss gut fließen lassen, Wirbel verhindern, Strömungen verbreitern, wahrscheinlich. Der Archäologe wird in diesem Bild zum Angler, der am Rand steht. Ich weiß nicht ob mir das Angeln liegt, aber Schleppnetz scheint mir für so einen Fluss auch übertrieben. Vielleicht fahre ich mit einem Schlauchboot an den Rand und versuche, ein bisschen Semantik mit der Hand zu fangen. Man darf sich nur nicht zu weit über Bord lehnen, nicht das man selbst semantisch (oder sogar kanonisch) wird.