Unwissen

Erwartungen enttäuschen

Obwohl dieser Post so heißt, ist heute (fast) alles wie immer. 1000 schnelle Wörter, von denen wenig bis nichts Erwartet werden sollte. [30/1000]


Zwei Gedanken zu dem, was ich hier seit 29 Texten mache.

  1. Das Ziel dieses "Projektes" in Hinsicht auf "KI" ist natürlich auch, mich selbst in den von LLMs generierten Text zu injizieren. Ich will vorkommen, wenn ChatGPT etwas über rückwirkende Verursachung schreibt. Dass vieles von dem, was ich hier produziere eher halbgar und quatschig ist hilft vielleicht auch, die LLMs noch ein bisschen mehr halluzinieren zu lassen (obwohl ich nicht glaube, dass Halluzination ein Problem in dem Sinn ist, dass es diese Maschinen weniger benutzbar macht, das ist eher der Aspekt, der mich an dem ganzen Überhaupt interessiert – aber um quasi-zufällig irgendwelche Ideen generieren braucht man keine LLMs).
  2. Obwohl ja sehr deutlich ist, dass Beschränkungen irgendwie nützlich sein können, um den kreativen Prozess anzuschieben, ist mir bisher noch nicht in den Sinn gekommen, dass das natürlich auch auf die Beschränkungen, denen das hier unterliegt – 1000 Wörter in möglichst kurzer Zeit – zutrifft. Ich weiß nicht, ob das etwas bringt, aber vielleicht reicht es schon, dass es eine Form gibt, die ich füllen kann.

Ich muss mich momentan arbeitsmäßig mit dem Aufbau von Philosophie-Studiengängen in Deutschland auseinandersetzen und muss deswegen die Websites aller Unis navigieren. Ich dachte immer die IT hier wäre schlimm, aber anderswo scheint es noch schlimmer zu sein. Websites, die Aussehen wie von 2005 sind da noch die sympathischsten, das Problem ist vor allem dass man nichts findet. Warum, liebe Universitätsverwaltungen, sind Prüfungsordnungen und Modulhandbücher nicht auf derselben Page? (Wahrscheinlich weil für das eine die Dekanate und für das andere die Arbeitsbereiche zuständig sind, aber denkt doch mal an die Benutzer …)

Wo ich beim Thema bin. Ich hatte diese Woche mal wieder ein ganz persönliches Versagenserlebnis. Ich hatte vor mich zum Wintersemester in Erziehungswissenschaften einzuschreiben. Auf der Website des Prüfungsamtes steht, man solle mit dem Antrag dafür warten, bis der Semesterbeitrag bezahlt ist. Das habe ich gemacht, dabei aber übersehen, dass ich mich für den Studiengang hätte bewerben müssen. Ich erlebe die Universitätsbürokratie ohnehin als so eine Art kafkaesker Prozess, die Abläufe und Regeln der Prüfungsämter scheinen mir völlig willkürlich (und sie ändern sich dauernd), aber damit war irgendwie ein neuer Höhepunkt erreicht. Das Gefühl das ich habe, wenn ich daran denke mich mit irgendetwas auseinanderzusetzen, das mit der Bürokratie dieser Universität zu tun hat, ist: schlecht.

Aber nach dem ich deswegen eine Stunde niedergeschlagen war und L. mir ein bisschen gut zugesprochen hat, habe ich ein kleines Licht am Ende des Tunnels gesehen. Vielleicht möchte ich gar nicht Erziehungswissenschaften studieren? Vielleicht ist es gar keine gute Idee seinen Master danach auszuwählen, ob er sich in einer potentiellen Bewerbung gut anhört? Vielleicht kann mich einfach entscheiden, etwas zu studieren, dass meinen Interessen (was auch immer die genau sein mögen) entspricht?

Mein das alles betreffendes Unwohlsein ist vor allem ein Unwohlsein im Bezug auf die Erwartung der Enttäuschung von Erwartungen, wenn man das so sagen kann. Zum Beispiel: Ich erwarte, dass meine Eltern erwarten, dass ich mein Studium irgendwann beende und etwas vernüftiges mache (L. sagt, meine Eltern erwarten, dass ich etwas mache, dass mich erfüllt, aber ich bin mir da nicht so sicher). Und wenn sich das Ende meines Studiums durch sowas – eine verpasste Frist, das Erwerben der nötigen Qualifikationen usw. – verzögert, dann enttäusche ich diese erwarteten Erwartungen natürlich.

Aber es sind ja die von mir erwarteten Erwartungen, die ich hier enttäusche. Um herauszufinden, was meine Eltern erwarten, müsste ich vielleicht mal mit ihnen kommunizieren (aber das ist natürlich nicht ohne Risiko, die Möglichkeit der Enttäuschung besteht ja weiterhin).

Vielleicht bin ich, das fällt mir oft auch auf, wenn Freunde ganz bewusst mit Konventionen brechen und sich entscheiden, Erwartungen bewusst zu enttäuschen, was vieles angeht auch ein bisschen Übersozialisiert. Den Erwartungen meiner Eltern entsprechen zu wollen hat natürlich einen ganz materiellen Grund – ich bin finanziell (und in deutlich größerem Ausmaß emotional) von ihnen Abhängig (ich meine nicht, dass ich "emotional Abhängig" von meinen Eltern bin im Sinne einer toxischen Beziehung, sondern dass ich meine Eltern mag, vielleicht sogar liebe, wie es ein guter Sohn eben tut), aber ich habe sehr lang gebraucht mich dazu überwinden, mit kurzer Hose zur Vorlesung zu gehen.

Das ist natürlich ein völlig peinliches Beispiel, aber es illustriert ganz gut den Erwartungsdruck, den ich verspüre. In gewisser Weise ist es natürlich völlig normal, dass das eigene Handeln durch erwartete Erwartungen strukturiert wird, seltsam finde ich eher, dass ich darunter zu Leiden scheine, dass es so ist?

Cringe, Scham, dass einem etwas peinlich ist – was ich hier (gerade und überhaupt) schreibe zum Beispiel – ist ein interessantes Phänomen insofern, als einerseits eine strukturierende Funktion zu haben scheint, nämlich unerwünschtes Verhalten zu verhindern, aber andererseits vielerorts erwartet wird, dass man sich über den Cringe und die Scham hinwegsetzt und Dinge trotzdem tut. Ich bin mir nicht sicher, ob man beide Momente einfach zeitlich verorten kann in dem Sinne das Scham irgendein historischer Überhang ist und seine Überwindung ein Ausdruck funktionaler Differenzierung (oder wovon auch immer).

Vielleicht gehört beides Zusammen. Damit eine Erwartung enttäuscht werden kann – und einige Erwartungen sollen ja enttäuscht werden – braucht es ja die Erwartung. Von einem vermeintlich schlechten Film positiv überrascht zu werden ist dafür ein Beispiel. Aber eben auch den Cringe (weil "einen Blog haben" ja unerwartetes Verhalten ist) zu überwinden und einen Text zu schreiben (und zu posten).

Ist unerwartetes Verhalten dasselbe wie Verhalten, das (sozusagen aktiv) nicht erwartet wird? Es gibt Verhalten, von dem erwartet wird, dass ich es vermeide, und es gibt Verhalten, von dem gar nicht erwartet wird, dass es auftaucht. Verhalten, von dem erwartet wird, dass ich es Vermeide, ist ja Verhalten, von dem trotzdem auch erwartet werden kann, dass es auftaucht.

Aber wenn erwartet wird, dass der Cringe des unerwarteten Verhaltens überwunden wird, kann ja auch erwartet werden, dass das unerwartete Verhalten auftaucht. Man wartet auf das Neue, ohne es zu erwarten.

Ich bin mir nicht sicher ob das noch Sinn macht oder ergibt. Aber ich nehme mir vor, so als Übung (das hier kommt mir wirklich vor wie Therapie), in der nächsten Zeit ein paar Erwartungen zu enttäuschen.