Unwissen

Arrival, oder rückwirkende Verursachung

Heute mit Spoilern für Arrival (2016)1, und wie immer eine Warnung vor Geschwindigkeit. [29/1000]


Habe heute mit L. zwei Filme geschaut. Zuerst Project Hail Mary (2026), obwohl ich das Buch schon schlimm fand (ich bin großer Fan vom Marisaner, der ist ja auch von Weir), und dann – weil wir beide noch einen guten Film über das Kommunizieren mit Außerirdischen schauen wollten – Arrival. Habe dann festgestellt, dass ich den Film beim ersten Mal schauen (das wird acht oder neun Jahre her sein) gar nicht verstanden habe. Weiß nicht ob es dazu fünf Jahre Philosophiestudium gebraucht hat oder ob ich mit 15 einfach blöder war als heute.

Was mich an Arrival interessiert ist weniger dieser Übersetzungsvorgang (immerhin gibt es hier einen Übersetzungsvorgang – bei Hail Mary scheint das ja ohne größere Anstrengungen zu funktionieren) und die Sprache der Aliens (die aber sehr cool aussieht, die Zeichen sind Rund und sehen aus wie die Abdrücke von Kaffeetassen auf Papier, wenn der Kaffee sehr tintig wäre), sondern eher der Aspekt der Zeit.

Im Film wird die Sapir-Whorf-Hypothese erwähnt, also die Idee, dass Sprache irgendwie das Denken bestimmt. Whorf schreibt:

We cut nature up, organize it into concepts, and ascribe significances as we do, largely because we are parties to an agreement to organize it in this ways – an agreement that holds throughout our speech community and is codified in the patterns of language.

Ich halte das im großen und ganzen für richtig (nicht dass ich eine Ahnung von Sprache oder Linguistik hätte). Was mir auch gefällt ist die Rede vom "cutting up", also die Vorstellung, dass im Sprechen Unterscheidungen getroffen werden. Wenn man seinen Konstruktivismus ernst meint kann man aber nicht nur davon ausgehen, dass Sprachen Karten sind, die über die Wirklichkeit geworfen werden (da ist Wikipedia schon fast poetisch). Man (ich weiß nicht, ob ich hier von mir spreche) könnte das noch radikalisieren und davon ausgehen, dass die Sprache selbst die Wirklichkeit bestimmt (wenn Denken und Sein sind ununterscheidbar sind und Sprache das Denken bestimmt, das hatte ich ja gestern schon).

Das jedenfalls passiert in Arrival. Die Linguistin lernt die Sprache der Aliens, die nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft unterscheidet. Ob die Zeit dieser Sprache simultan ist oder palindromisch oder zirkulär wird nicht ganz klar, man bekommt nur den Effekt zu sehen. Die Zukunft der Linguistin erscheint im Film gleichzeitig als ihre Vergangenheit, insbesondere am Ende des Films wird deutlich, dass Ereignisse der Gegenwart ihre Ursachen in der Zukunft haben (von der Erzählstruktur her könnte man den Film vielleicht mit Nolans Tenet (2020) vergleichen, dieses palindromische Element gibt es dort auch).

Ich glaube natürlich (ich glaube auch, dass es natürlich ist, das zu glauben), dass es Zukunft und Vergangenheit nicht in einem ontologischen Sinn gibt (es gab die Vergangenheit und es wird die Zukunft geben), sondern dass sie Horizonte sind die sozusagen um die Gegenwart (ich möchte mich für die Raummetapher entschuldigen) projiziert werden. Und ich glaube dass die Zukunft auf die Vergangenheit folgt, dass das Nachher nach dem Vorher kommt. Aber ich weiß eben nicht, ob das ein Glaube ist, der mir von meiner Sprache vorgegeben wird, der durch ihre Linearität, dadurch, dass ein Wort auf ein anderes folgen muss, entsteht. Ist die Linearität der Zeit nur ein Effekt der Sprache, des Sprechens?

Ist das ein Phonozentrismus? Im Schreiben wird es ja durchaus möglich, nichtlinear vorzugehen. So wie hier (ich schreibe diesen Satz nach dem ich den Satz geschrieben habe der auf ihn folgt). Ich kann im Schreiben zurückgehen, etwas weiter oben, hinten, früher einfügen. Und man könnte die lineare Form insgesamt aufheben, im Kreis schreiben etwa. Die Schrift diagrammatisieren.

Im (konventionellen) Film ist das nicht möglich. Hier muss ein Bild auf das nächste folgen, eine Szene nach der anderen kommen. Der Film zwingt zur Linearisierung einer Geschichte, die aber trotzdem – obwohl sie linear erzählt wird – als nicht linear erkannt werden kann. Im Schreiben ist das ja ganz ähnlich. Diese Sätze, die ich vor die Posts schreibe schreibe ich ja nicht vor den Posts, sondern nach ihnen. Für einE LeserIn ist diese Gleichzeitigkeit (ohje) des Satzes vor dem Text (gelesen) und nach dem Text (geschrieben) ganz offensichtlich. Ich weiß nicht, ob das im Bezug auf die Sapier-Whorf-Hypothese oder überhaupt irgendetwas weiterhilft.

Vielleicht noch dazu, dass es in Arrival Wirkungen gibt, die ihre Ursache vor sich haben (ich habe keine Lust mich mit irgendwelchen Zeitreise-Paradoxons und Fragen nach freiem Willen auseinanderzusetzen). Irgendwo bei Latour gibt es (soweit ich mich erinnern kann, vielleicht habe ich das auch geträumt oder weiß es noch nicht) den Begriff der rückwirkenden Verursachung, der als leicht ironische Antwort auf die Frage verstanden werden kann, was die Milchsäurebakterien waren, bevor sie von Pasteur entdeckt wurden. Heute wissen wir, das Käse durch Fermentation entsteht, die von Bakterien bewirkt wird, und dass es in roher Milch Streptokokken gibt, die Krankheiten verursachen können. Aber wenn im römischen Reich jemand Durchfall bekommt, weil er Streptokokken hat (spricht man bei Bakterien auch von Infektionen?), kann man dann tatsächlich davon sprechen, dass er Streptokokken hat? Wenn wir heute wissen, dass irgendein Pharao an Sichelzellenanämie gestorben ist, ist es wirklich Sinnvoll davon zu sprechen, dass er an Sichelzellenanämie gestorben ist?

Wie in Arrival die Ursachen nach den Wirkungen kommen, also zurück wirken, wirken auch die Milchsäurebakterien und die Sichelzellenanämie durch die Zeit zurück. Der Pharao hat, genau wie der römische Durchfallpatient, eine andere Erklärung für sein Leiden, für diese Menschen gibt (schon wieder das sein) es diese Phänomene nicht.

Das ist ein gutes Argument für die Spir-Whorf-Hypothese. Was das Ganze in Arrival so seltsam macht (nicht das der Gedanke auch so schon nicht seltsam wäre …), ist dass die Linguistin die zukünftige Ursache für ihr Handeln selbst zu erleben scheint. Wenn man über Erlebnisse in linguistischem Vokabular sprechen darf, dann könnte man vielleicht sagen, dass sich in ihrem erleben Futur II (also eine abgeschlossene Handlung in der Zukunft) und Perfekt (oder Plusquamperfekt?) zusammenfallen. Sie wird gewusst haben, sie hat gewusst.

  1. Dieses Jahreszahlen hinter Filmtitel schreiben obwohl alle Wissen welcher Film aus welchem Jahr gemeint ist in so eine Film-Bro-Angewohnheit, und ich bin nichtmal einer …

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