Ontologische Wenden
1000 wirre Wörter, wie immer. [28/1000]
Habe schon ein paar Tage nicht mehr geschrieben und habe ein bisschen Angst, dass ich vergessen habe wie das geht. Nicht das man vergessen würde zu schreiben, aber wenn man eine Woche jeden Abend 1000 Wörter kotzt kommt man eben doch in einen Zustand, in dem das deutlich leichter fällt.
Ich habe ein paar Bücher erworben, das habe ich wahrscheinlich schon erwähnt. Mit Nosthoffs Kybernetik und Kritik bin ich noch nicht soweit, über den Band zur Ontologischen Wende hatte ich mir schon eine Meinung gebildet, bevor ich das Buch (die Einleitung und zwei Aufsätze daraus) gelesen habe. Diese Meinung ist vor allem, dass Ontologische Wende keine gute Bezeichnung für das ist, worum es in dem Band geht. Was ich sonst daraus gelesen habe ist ganz fantastisch, darum geht es mir aber gar nicht.
M. hat in ihrem Seminar über den Pragmatismus immer wiederholt, dass die Pragmatisten glauben, dass jeder seine eigene Ontologie hat, als wäre eine Ontologie so ein Kleidungsstück – das man dementsprechend auch Wechseln kann. Dagegen habe ich prinzipiell nichts Einzuwenden, meine Frage ist nur, ob die Verwendung des Begriffs der Ontologie in diesem Sinn konsistent ist mit dem Sinn, in dem Ontologie normalerweise verwendet wird.
Wie wird Ontologie normalerweise verwendet? Ganz naiv würde ich vorschlagen als Lehre vom Seienden, also als Lehre von allem, was ist. Oder man nennt (so macht es Luhmann) diese Lehre Metaphysik und reserviert das Adjektiv ontologisch für solche Metaphysiken, die an erste Stelle die Unterscheidung von sein und nicht-sein stellen (das funktioniert – das kann man von Heidegger lernen – auch ganz gut ohne zu Wissen, was "sein" überhaupt bedeutet). Am Ende läuft das auf dasselbe hinaus (die zweite Option rettet vielleicht den Begriff der Metaphysik, die ja auch nicht-ontologisch sein kann).
Aber Ontologie ist nicht nur bestimmbar in sachlicher Hinsicht. Die zentrale Einsicht von Sein und Zeit ist die historische Gebundenheit oder Bedingtheit des Seinsbegriffs, und spätestens mit Descola (das wird auch eher mal jemandem eingefallen sein, wahrscheinlich kann man das auch Heidegger zuschreiben) kommt dann der Gedanke, dass Ontologie auch sozial zurechenbar ist.
Die Lehre vom Seinenden, das Sein selbst, verliert damit jeden Anspruch auf Allgemeinheit. Aus irgendeinem Grund (man ahnt es: dem Buchdruck) ist es in der Moderne nicht mehr möglich, so über das Seiende (oder das Sein) zu schreiben, dass es für alle dasselbe Sein ist. Denn offensichtlich – und das ja auch der Punkt dieses Suhrkamp-Bandes – stimmt die Vermutung der Pragmatisten. Verschiedene Menschen – verschiedene Kulturen – haben verschiedene Ontologien, und es stellt sich als Irrsinnig heraus davon auszugehen, dass die eigene Ontologie die richtige ist.
Dass die ontologischen Wender den Grund für die Falschheit außerhalb der Philosophie zu finden scheinen ist mir natürlich sympathisch (es ist der Klimawandel), die Idee, dass die Ontologie in Form einer Bifurkation irgendwie aus der Philosophie (oder von Physikern, die auch Philosophie machen) kommt, finde ich diskutabel. Es gibt – das ist heute jedenfalls völlig offensichtlich – nicht eine richtige Lehre vom Seienden, unsere Ontologie wird kontingent.
Nur so ist verständlich, warum es am Anfang des 20. Jahrhundert eine "Rückkehr zu ontologischen Fragestellungen" gibt. Die Rückkehr ist keine Rückkehr (Rückkehr wohin? Vor Kant?), sondern ein Aufwerfen von Fragen, die zu stellen nur deswegen möglich ist, weil die Ontologie oder ontologische Metaphysik, weil das Sein irgendwann zwischen 1600 und 1900 zerbricht.
Es wird, um das noch einmal ganz deutlich zu machen, unmöglich, die Beobachtungen aller Beobachter unter dasselbe Seins-Schema zu unterwerfen. Es tauchen BeobachterInnen auf, die nicht nur die Welt anders sehen, sondern die in einer völlig anderen Welt zu leben scheinen. Das sorgt natürlich für Panik und ständige Angst vor dem Zer- oder Verfall (eine Gesellschaft, die auf moralischen Prinzipen zu basieren schien kann ja nicht stabil bleiben, wenn die moralischen Prinzipen nicht für alle gleich sind). Aber die Gesellschaft differenziert sich fröhlich in Funktionssysteme und kümmert sich nicht groß um den Weltverlust.
Worauf ich eigentlich hinaus wollte: es ist irreführend, von einer ontologischen Wende zu sprechen, wenn es nicht mehr eine Lehre vom Sein gehen kann. Denn das Ziel eines Bandes, der sich vornimmt, indigene Kosmologien zu untersuchen und das Sein zu Dekolonisieren, kann ja nicht sein eine eigene Ontologie zu produzieren. Stattdessen geht es – ganz Pragmatisch – um die Beobachtung der Ontologien der anderen, um die Beobachtung von Beobachtung(sweisen) also.
Betrachtet man die Unterscheidungen von Kultur und Natur oder Geist und Welt oder Bewusstsein und Körper usw., Unterscheidungen also, die sich mit Whitehead als Bifurkativ beschreiben lassen, fällt auf dass sich die Selbstbeschreibung als Ontologie auf einer Seite – der Seite der Welt, der Natur, des Körpers positioniert und sich von dem Abgrenzt, was man gemeinhin als Epistemeologie oder Erkenntistheorie bezeichnet.
Aber es stellt sich die Frage, was damit – außer der Abgrenzung, die mindestens Theoriepolitisch einen Nutzen haben wird – gewonnen wird. Wenn sich die Unterscheidung von Ontologie und Epistemeologie wirklich auflösen lässt (und zwar in beide Richtungen, die Beschreibung von Ontologien als Beobachtungsweise kann man ja auch umdrehen und Beobachtunsweisen als Ontologien beobachten (oder man operiert pluralistischer und unterscheidet in einer Ontologie verschiedene Existenzweisen (Latour), die sich auch als Beobachtungsweisen verstehen lassen)), kann man sie dann nicht gänzlich aufgeben? Sind materialistische Erkenntnistheorien eher Erkenntnistheorie oder Ontologie?
Ist die Frage vielleicht immer noch eine Frage des Vorrangs? Muss man von Ontologie oder Erkenntnistheorie sprechen, weil man Innen oder Außen (Bewusstsein oder Körper) für wichtiger hält als das andere? Selbst Latour, der ja nicht an die Unterscheidung von Innen und Außen glauben möchte, legt mit den Existenzweisen eine Ontologie vor – die aber doch genauso gut eine Anleitung zum differenzierten Beobachten sein könnte.
Die Unterscheidung und ihre Asymmetrie kann dann nur durch zirkuläres Argumentieren umgangen werden. Eine Epistemontologie müsste so argumentieren, dass sie an jeder Stelle gleichzeitig begonnen und – nach dem einmal im Kreis argumentiert wurde – beendet werden könnte.
In einem hinreichend radikalen Konstruktivismus, damit kann ich das hier vielleicht beenden, stimmen die Begriffe von Erkenntnis und Existenz überein, sie können nicht unterschieden werden. Es gibt keine Realität ohne Beobachter, und es gibt keinen Beobachter ohne Realität. Ein System ist die Einheit der Unterscheidung von Innen und Außen, es ist ein Innen und ein Außen.