Unwissen

Drei Tage Berlin

Fahren für drei Tage nach Berlin. Fühlt sich ein bisschen seltsam an darüber 1000 Wörter zu schreiben (es ist halt Berlin) aber für mich ist das vor allem eine Möglichkeit zwei Dinge auszuprobieren. Erstens am Handy und zweitens die 1000 Wörter nicht auf einmal, sondern in (trotzdem nicht langsamer verfassten) Fragmenten zu schreiben.


Und Berlin ist ja nicht irgendeine Stadt, sondern eine Stadt mit Geschichte oder eher mit Mythos, die diesen Ort umgebenden Sagen sind ja nicht nur historisch (sondern auch ganz aktuell).

Die Reise fängt gut an, nämlich gar nicht, weil der Zug nicht kommt. Aber man hat sowas ja schon erwartet und weiß, was von der DB zu erwarten ist. Außerdem kommt in zwei Stunden der nächste ICE.

Im ICE gibt es natürlich ein Kind das vier Stunden lang durchschreit, zum Glück habe ich Kopfhörer und einen Podcast. Schach spielen ist wegen dem schlechten Netz an der Strecke leider unmöglich, deswegen schlafe ich irgendwann ein (jedenfalls schließe ich die Augen und öffne sie nach einer Stunde wieder) … Dann ein bisschen Deleuze, dann ein Buch über die Franzosen ("The Frechmen" von Eakin) dann noch ein bisschen Podcast, dann der Hauptbahnhof, der in meiner Erinnerung irgendwie größer war.

Ich erzähle L. davon wie ich mit 16 beim Jugendpressetag mit einem Freund zum ersten Mal allein in Berlin war und komplett überfordert von ÖPNV. Vielleicht kommt die Erinnerung an einen größeren Hauptbahnhof von damals. Der ÖPNV überfordert jetzt jedenfalls auch nicht mehr.

An der Rezeption vom Hotel trage ich meinen Namen im selben Schema vor wie James Bond, das ist ein bisschen unangenehm (ich bin Nachname, Vorname Nachname). Kurz die Tasche abstellen und sich einsonnencremen und danach zum Alexanderplatz, die Weltzeituhr begutachten und den Fernsehturm.

Dann den Bundestag anschauen und das Brandenburger Tor. Beim letzten Mal war das alles beeindruckender (vor allem das Brandenburger Tor scheint mit jedem Besuch zu schrumpfen) L. sagt das ist ihr alles zu nationalistisch.

Vor dem Brandenburger Tor wurde eine Gedenkstätte für den Anschlag beim CSD improvisiert, die Blumen sind schon vertrocknet, ich habe trotzdem eine Träne im Auge.

Dann wird zum Potsdamer Platz gewandert. L. freut sich dass sie so viele besondere Kennzeichen findet, wir laufen Umwege um an möglichst vielen Botschaften vorbei zu kommen. Leider scheinen die Botschafter alle im Urlaub zu sein. Ich überlege wie lustig es wäre wenn Merz zurück tritt während wir in Berlin sind.

Nach der Wanderung gibt es einen Burger bei Five Guys (das ist der beste Fastfood-Burgerladen und es ist nicht knapp) das ist sowas wie ein Ritual. Ich verpflichte L. einen Milkshake zu trinken damit ich meine Pommes eintunken kann. Danach mit dem Bus zurück ins Hotel, weil man beim Busfahren besser Kennzeichen sammeln kann als in der U-Bahn.

Im Hotel stelle ich die Klimaanlage ein bisschen niedriger ein, sodass man fast friert und sich zudecken kann. Das natürlich ein großer Luxus, wenn draußen um 21 Uhr noch 30 Grad (wo ist auf der Handytastatur das Gradsymbol versteckt?) sind. Tag eins ist vorbei und ich habe schon fast 500 Wörter geschrieben, irgendwie geht das nicht ganz auf.

Nach dem Frühstück wird zuerst der Dussmann besucht, als wir nach 40 Minuten wieder auftauchen regnet es ein bisschen. Dann der nächste Buchladen, Minoa im Prenzlauer Berg. Kleine Auswahl an englischen und türkischen Büchern. Inzwischen schüttet es, im DM werden Regenschirme erworben, die eine einigermaßen trockene Wanderung zur "thematischen Buchhandlung" qm am Rosa-Luxemburg-Platz ermöglichen. Ich sehe zum ersten Mal ein Buch meiner Chefin in freier Wildbahn und auch sonst bin ich ziemlich beeindruckt von der Mischung aus Bildbänden und Theorie. Was das Thema ist erschließt sich mir nicht ganz, aber es gibt einen Tisch mit Büchern über Akzelerationismus und Cyberpunk. Ich halte mich zurück und kaufe nur den Suhrkamp Band zur ontologischen Wende (mein Verdacht ist, dass es sich dabei nur um noch eine Entdeckung der Beobachtung zweiter Ordnung handelt) und Nosthoffs Kybernetik und Kritik. Als ich nach dem Buch über Althussers Femizid (der wird in dem Buch über die Franzosen ausführlich besprochen) frage schaut mich die Buchhändlerin ein bisschen skeptisch an und sagt, dass das hier ja auch nicht reinpasst.

Nachmittags wird das Deutsche Historische Museum besucht. Die Ausstellung über Natur und deutsche Geschichte ist erschreckend (nicht erschreckend, vielleicht – ich hatte sowas schon erwartet) oberflächlich. Ich hatte erwartet, dass die Ausstellung bisschen im Judith-Butler-Modus (oder Bruno-Latour oder Michel-Foucault) operiert oder wenigstens ein bisschen darüber reflektiert, wie etwas etwas als Natürlich konstruiert wird. Der Nationalsozialismus taucht dann auch einfach auf, ohne dass es Kontinuitäten zu einem Vorher (oder Nachher) geben würde (fande die Ausstellung narrativ insgesamt ziemlich schwach).

Abends finden wir nach einiger Suche einen kleinen Laden mit Schaukel und Bowls, der Kellner fragt mich ob ein bisschen Scharf ok ist und ich höre erst auf zu schwitzen, nachdem ich gegenüber (Katchi hieß der Laden) ein (hervorragendes) Schokoladeneis bekomme.

Jetzt sitzen wir wieder im ICE, heute wurde noch das Technikmuseum besucht (wir haben uns gegen das Naturkundemuseum entschieden, das auf seiner Website betont, nicht klimatisiert zu sein – das war das Technikmuseum natürlich auch nicht), das war ok? Wir hatten beide eine Museumseerfahrung ähnlich dem National Museum of Scotland erwartet (das ist meiner Meinung nach der absolute Maßstab für Museen die sich irgendwie mit Naturwissenschaften und Technologie befassen) und wurden in dieser Hinsicht ein bisschen enttäuscht. Dass man die Exponate in den meisten Museen nur anschauen darf ist ja eh ein Fehler, niemand kann mir erzählen dass ein Flugzeug irgendwie Schaden nimmt, weil tausend Personen im Monat (lass es 100000) sein seinen Flügel anfassen oder sich ins Cockpit setzen.

Danach gibt es Eggs Benedict bei "Someone loves you", ein ganz lieber Laden. Am Tisch neben uns sprechen zwei Werbefachfrauen über schwierige die Zusammenarbeit mit einem Militär. Warum ich in solchen Läden (in denen man um 14:00 noch Frühstück bestellen kann, was ja fantastisch ist) immer Eggs Benedict bestelle ist mir ein kleines Rätsel, ich mag zwar Sauce Hollondaise aber Spiegelei viel lieber. Vielleicht fühlen sich Eggs Benedict einfach besonderer (ich will nicht dekandenter schreiben, das ist ja leider sehr negativ konnotiert) an.

Jetzt sitze ich wieder im Zug und trinke eine Fanta Jasmin Peach, die L. im Rewe im Hauptbahnhof gefunden hat. Drei Tage sind zu kurz um sich ein abschließendes Urteil über Berlin zu bilden. Dass es groß ist, kann ich sagen. Aber das mythische an Berlin (die Macht, das Berghain) wird erstmal mythisch bleiben.