Die Semantik pflegen
Gestern Abend habe gesagt ich gehe jetzt nach Hause um meine 1000 Wörter zu schreiben und dann bin ich auf der Couch eingeschlafen … [8/1000]
Wie gesagt bin ich mir nicht sicher, ob das mit der Abgrenzungsarbeit auch auf Plattformen und im Verhältnis von Journalismus und Influencertum funktioniert.
Denn die Zurechnung von Kommunikationen zu dem einen oder anderen System wird auf Plattformen extrem schwierig. Natürlich folgt auch im Fernsehen schon der Tatort auf die Tagesschau, aber die Folge selbst ist viel langsamer. Auf Instagram oder auf Tiktok oder auf Twitter wird die Zurechnung schon deswegen schwerer, weil alles in einer Timeline – die wenn sie von einem Algorithmus kuratiert wird gar nicht mehr Timeline genannt werden kann – zusammenfließt.
Und dazu kommt dann noch die Frage, welcher Logik so ein Beitrag, eine Content-Einheit, dann folgt. Der alten Logik journalistischer Medien? Oder der Logik der Plattformen? Vielleicht kann man zeigen, dass JournalistInnen auf solchen Plattformen versuchen, Journalismus unter neuen Bedingungen zu machen. Aber was hat ein Journalismus, der nicht der Ökonomie des Informationswerts folgt (oder folgen kann), sondern der Aufmerksamkeitsökonomie der Plattformen, noch mit Journalismus zu tun?
Sicher lassen sich dann lustige neue Phänomene beobachten. Journalismus wird spezifischer und es differenzieren sich Zielgruppen aus, die von bestimmten Outlets versorgt werden. Gleichzeitig geht klassischen Medien und Einzelpersonen (die nicht zufällig Elon Musk heißen) jede Kontrolle darüber verloren, wen Inhalte tatsächlich erreichen. Und einerseits steigt die Bedeutung der Interessen der Empfänger, andererseits ist gar nicht klar, ob diese Interessen wirklich eigene Interessen sind, oder nicht gerade erst die Plattform erzeugt werden. Obwohl dort ja eher von Präferenzen gesprochen wird als von Interessen. Aber auch so: was meine Präferenzen sind weiß ich ja gar nicht, bevor mir der Algorithmus zu meinen Präferenzen passende Videos anzeigt.
Ich glaube jedenfalls weder, dass der Journalismus sich einfach an neue Bedingungen anpasst, ohne sich selbst radikal zu verändern, und ich glaube auch nicht, dass – und das war die These in der Masterarbeit, die ich gelesen habe – dass zwischen InfluencerIn und JournalistIn eine dritte Rolle entsteht, die beides kombiniert. Alle, die auf einer Plattform posten, sind zunächst erstmal der Logik der Plattform unterworfen, umso mehr, wenn es nicht nur um Posts geht, die aus der Freude an der Sache selbst (am posten sozusagen) gepostet werden, sondern darum, mit diesen Posts irgendwie seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Das heißt natürlich nicht, dass alle auf Instagram "Influencer" sind (und von dieser identifikatorischen Logik muss man sich, das habe ich schon ausgeführt, ja sowieso lösen), aber das heißt, dass alle auf Instagram das machen müssen, was "Influencer" machen – sich dem Algorithmus und den Trends der Plattform unterwerfen, um irgendwie gesehen zu werden.
Journalismus, wie er früher mal war, hat in den neuen Verbreitungsmedien keine Chance in Inhalt oder Form unverändert weiterzubestehen. Er wird anders, er ist anders geworden. Vielleicht sollte mal jemand die Realität der Massenmedien im 21. Jahrhundert schreiben. Oder im dritten Jahrtausend.
Ich habe gerade den großen Fehler begangen meinen Schreibschwall zu unterbrechen und etwas zu lesen über das Verhältnis von Gesellschaftsstruktur und Semantik bei Luhmann, weil ich der Meinung war das würde ganz gut passen. Tut es natürlich auch irgendwie, denn diese Selbstbeschreibungen (JournalistIn oder InfluencerIn oder halt journalistic creator) sind ja Semantik, also "situationsunabhängig verfügbarer Sinn".
Mir war bisher noch nicht klar, wie zentral diese Differenz für mein Denken ist, und ich glaube von hier erklärt sich mein Problem mit der Idee, dass bestimmte Wissensformen irgendwie die Gesellschaft strukturieren könnten.
Luhmann denkt das Verhältnis von Gesellschaftststruktur und Semantik so, dass die Semantik immer in Reaktion zu der in einer bestimmten Gesellschaftsform realisierten Komplexität entsteht. Semantik (das heißt Unterscheidungen, also Begriffe und Gegenbegriffe) entsteht als evolutionäre Anpassung an eine bestimmte Komplexitätslage, also als Reaktion auf das mentale Bedürfnis der BeobachterInnen der Gesellschaft, die (gesellschaftliche) Realität irgendwie erfahrbar zu machen.
Und auch die Gesellschaftstheorie bedient zunächst, nämlich solange es dafür noch keine ausdifferenzierte Fachwissenschaft gibt, nur diese mentalen Bedürfnisse. Sie prägt ihre Begriffe nach Maßgabe von Erfahrungen und stellt sie dann als Gußformen für mögliche Erfahrungen zur Verfügung.1
Das wird nicht heißen, dass Semantik nicht selbst komplex sein kann. Ich würde es eher so verstehen, dass Semantik nicht der maßgebliche Treiber von Komplexität ist – diese Funktion hat die Differenzierungsform der Gesellschaft, die ihrerseits abhängig ist von Verbreitungsmedien.
So eine Idee wie Whiteheads "Bifurkation der Natur", die irgendwann in einem Labor entsteht als Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten und wirkt auf die Differenzierung der Wissenschaften in Naturwissenschaft (befasst mit den primären Qualitäten der Dinge) und Geisteswissenschaften (befasst mit den sekundären Qualitäten der Dinge), funktioniert dann nicht, sondern verwechselt sozusagen Ursache und Wirkung. Der Begriff oder die Unterscheidung entsteht als Reaktion auf ein Bedürfnis, die Laborerfahrung – dass nämlich Gegenstände irgendwann ihre Farbe und ihren Geruch usw. (also ihre sekundären Qualitäten) verlieren, wenn man sie 1000 Mal zerteilt – zu verarbeiten, also ihr einen Sinn zu geben.
Die Begriffe gehen hier nicht den Erfahrungen voraus, sondern folgen ihnen. Sie ermöglichen aber – denn Reduktion von Komplexität ist immer auch Aufbau von Komplexität – auch neue Erfahrungen. Die Erfahrung der Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten bleibt, weil man sie begrifflich fassen kann, nicht an das Labor gebunden, sondern kann in anderen Kontexten (und vielleicht kann man hier dann die Geste finden, von der Debaise spricht) wiederholt werden. Und Wiederholung bedeutet bekanntlich Veränderung, das wird im Kontext von Unterscheidungen vor allem heißen, dass sie sich ein- oder abschleifen.
Vielleicht ist das ein anti-spekulativer Gedanke, denn Begriffe (ent)stehen dann eben nicht irgendwie ins Blaue hinein, sondern werden gebildet als Lösungen für spezifische Probleme. Obwohl ja auch hier die Figur des "window of opportunity" funktionieren könnte, also das Lösungen schon bereit stehen, obwohl das Problem noch gar nicht klar ist. Und auch was es dann noch heißen kann, Probleme zu schaffen, ist mir nicht klar. An die Grenzen möglicher Erfahrung zu gehen, und sich Begriffe für diese Möglichkeiten auszudenken?
Als Lösungen für Probleme werden die Begriffe aber ja auch selbst wieder problematisch, weil bestimmte Generalisierungen andere Erfahrungen ausschließen (das Problem der Pragmatisten). Aber mit Luhmann kann man sagen, dass das der Lauf der Dinge (oder eben Begriffe ist) und damit eine Aufgabe finden, an der zu arbeiten ist, bis die Gesellschaft sich nicht mehr differenziert oder die Notwendigkeit von Semantik verloren geht.
Luhmann, Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition (24)↩