Unwissen

Ich Ich Ich

Die Buchstabenfolge "ich" kommt in den folgenden 1036 Wörtern 157 Mal vor. Das wird – neben der üblichen Geschwindigkeit – ein guter Grund sein, das alles nicht allzu ernst zu nehmen.


Ich fühle mich als wäre ich "aus der Übung", dabei hat die Frequenz gar nicht so stark abgenommen – obwohl es natürlich schon einen Unterschied macht, für jeden Tag 1000 Wörter zu schreiben oder eben nur alle zwei oder drei. Aber es ist interessant, dass es nicht einfacher wird, wenn ich seltener schreibe, sondern schwerer. Ich dachte am Anfang, dass ich schnell zu persönlicheren Themen übergehen würde, weil mir das Material ausgeht. Aber irgendwie habe ich es bisher weitgehend geschafft, das Über-mich-selbst-schreiben zu vermeiden. Obwohl ja jedes Schreiben irgendwie ein Über-sich-selbst-schreiben ist, vielleicht.

Warum klingt es wie eine Errungenschaft, dass ich noch nichts über mich selbst geschrieben habe? Was heißt es überhaupt, über sich selbst zu schreiben? Worüber würde ich schreiben, wenn ich über mich selbst schreiben müsste? Warum fühlt es sich nicht an, als würde ich über mich selbst schreiben, wenn ich über meine Interessen nachdenke, dafür umso mehr, wenn ich über den Galgenberg schreibe?

Schon dass ich permanent ICH schreibe, wenn es um mich geht, ist mir wahnsinnig unangenehm. Wahrscheinlich ist das einfach eine Angst (oder Furcht, es gibt ja einen relativ konkreten Gegenstand) davor, über Privates zu schreiben, etwas also, dass nur mich betrifft. Meine Interessen betreffen ja – sofern ich Texte über sie schreibe – auch andere (die drei Leute mindestens, die dass hier lesen). Aber es gibt eben einen Bereich meiner Erfahrungen, der nur mich zu betreffen scheint.

In einem dieser englischen Posts – die, finde ich, deutlich persönlicher daher kommen als die deutschen – schreibe ich, dass sich das Lesen von "personal stories that feel very intimate and earnest" sich häufig anfühlt wie eine "intrusion". Und in einem anderen teile ich mein Unverständnis darüber, dass Menschen Texte im Internet teilen, von denen sie nicht wollen, dass sie gelesen werden. Aber ich habe selbst gar kein Problem damit, persönliche Texte von anderen zu lesen.

Das hilft alles nicht weiter in Bezug auf die oben gestellten Fragen. Vielleicht hilft ein anderes Vorgehen. Ich ignoriere die erste Frage (die Antwort darauf wird wahrscheinlich in den Antworten auf die anderen impliziert) und beantworte die Fragen einzelner.

  1. Was heißt es überhaupt, über sich selbst zu schreiben? Worüber würde ich schreiben, wenn ich über mich selbst schreiben müsste?

Wenigstens auf die zweite Frage zu Antworten ist leicht. Natürlich muss ich gerade nicht über mich selbst schreiben, aber die Pflicht, zu Ende zu bringen, was ich anfange, lässt sich schon als müssen konzipieren. Was hier jedenfalls passiert ist, dass ich sofort auf eine Metaebene wechsle, also nicht direkt über mich selbst schreibe, sondern über mich selbst schreibe insofern ich darüber schreibe, wie ich über mich selbst schreibe. Und während sich eine Philosophin vielleicht an diesem Sprung zur Reflexivität erfreuen könnte, würde ein Psychoanalytiker (ich habe schon befürchtet, dass das hier in so eine Richtung laufen würde) schon darin eine Substitution sehen, so eine Art Ausweichmanöver.

Die Frage ist nur, wem oder was ich ausweiche. Ich weiß nicht, ob man sich einer Selbstanalyse unterziehen kann? Wenn, dann funktioniert das wahrscheinlich am besten im Schreiben. Die Frage ist natürlich auch ein bisschen lächerlich, ich weiß ja sehr genau, dass es Orte in meinem Bewusstsein gibt, an die ich nicht gehen möchte (ich wusste gar nicht, dass es Orte in meinem Bewusstsein gibt), die ich bewusst vermeide – eben weil dort Erinnerungen lagern, die man mit Freud als Lustmindernd beschreiben könnte. Schuld- und Schamgefühle, Schmerzen und Dinge die man (interessant natürlich auch, dass ich hier man schreibe und nicht ich) nicht besuchen möchte, die sich nicht verdrängen lassen und gerade deswegen weh tun.

Ich war – das ist natürlich ein lächerliches Beispiel – ein Kind das viel gelogen hat, ich neige, glaube ich, immer noch zur Lüge oder wenigstens zur Übertreibung. Einmal habe ich 50€ aus meiner Spardose genommen und allen erzählt, ich hätte sie an der Bushaltestelle gefunden, und diese Geschichte hat sich so sehr in mein Gehirn eingebrannt, dass ich sie manchmal selbst glaube, vergesse, dass ich mir das mit sieben oder acht ausgedacht habe, und noch einmal erzähle. Natürlich ist das ein lächerliches Beispiel, es ist aber eben bei weitem nicht das Einzige. Bei vielen von diesen Erinnerungen, wenn man sie so nennen kann, werde ich vollkommen vergessen haben, "wie es wirklich war", aber dieses Bewusstsein darüber, dass ich sogar mich selbst belüge, ist … schmerzhaft?

Und ich finde es auch nicht angenehm, darüber zu schreiben. Bis jetzt fühle ich nichts von der Katharsis, die mir die Psychologie dafür verspricht, dass ich mich mit meinen Problemen auseinandersetze.

  1. Warum fühlt es sich manchmal weniger persönlich an, wenn ich über mich selbst schreibe?

Die Antwort darauf wird – das klang oben ja schon an – vermutlich sein, dass die persönlicheren Texte, die sich nicht seltsam anfühlen, Objekte haben, die mich nicht direkt betreffen. Der Galgenberg meiner Erinnerungen ist eben der Galgenberg MEINER Erinnerung, irgendwelche Begriffe oder Theorien sind in erster Linie sie selbst?

Lässt sich sagen, dass jeder Text, den Ich schreibe, meine Einheit und Kontinuität vorausgesetzt, irgendwie ein Text über mich ist? Ich tendiere zu einem nein. Erstens tauche ICH im Text nur als Autor, als ich eben auf – und dieses Ich bin, aller Bemühung um Authentizität zum Trotz, nicht ICH wie ICH mich beim schreiben erlebe, sondern ich, wie ich im Text erscheine. Und zweitens kann sich das Ich eines Textes – wenn es eins geben muss (ich würde sagen, dass ein aufgeklärter Umgang mit LLMs genau diese These in Frage stellt) – ja auf verschiedene Weisen zum Text verhalten. Ein Text, der sich als Text über seine Autorin versteht hat einen anderen Status als ein Text, der sich als Text über etwas anderes versteht. Dass Texte immer auch etwas über ihre Autoren verraten (müssen) ist klar, die Frage ist nur, was und vor allem wie sie es tun.

Ich möchte nicht, meine Sätze durch mich erklärt werden, sondern dass sie sich selbst – gegenseitig erklären, und zwar ohne dass auf etwas zurückgegriffen wird, dass den Texten vorausgeht. Was von Relevanz für mich ist – also für mich, wie ich im Text erscheine – ist das, was im Text (oder in anderen Texten) steht. Im Text ein anderes ich sein zu können, ein kleineres, auf 1000 Wörter konzentriertes ich, hat ja auch etwas befreiendes.

#1000x1000