Unwissen

Sich mit Luhmann interessieren

Diesen Post habe ich deutlich schneller geschrieben als die vorher, es geht aber auch deutlich mehr um mich. Wie immer ist er mit Vorsicht zu genießen. [18/1000]


Ich frage mich in den letzten Tagen kurz bevor ich schreibe immer, ob ich heute noch 1000 Wörter in mir habe. Als wäre Wörter etwas, das man in sich hat … Ich glaube das kommt von einem Text (ich denke es war ein Substack-Post), in dem jemand darüber nachgedacht hat, ob jeder einen Roman "in sich" hat. Aber wie gesagt glaube ich nicht, dass man Wörter "in sich hat", und ich glaube auch nicht, dass man Romane in sich hat. Als würde es wirklich darum gehen, die Wörter nur noch aufs Papier oder in die Tastatur zu kotzen. Es geht – und jetzt wiederhole ich mich – um die Konditionierung des Schreibprozesses, also darum, Gedanken in Worte zu fassen, oder – und auch das habe ich schon geschrieben – darum, überhaupt ins Denken zu kommen. Obwohl ich schon dazu tendiere zu denken, dass Denken und das, was hier passiert, nicht ganz kongruent sind.

Die Frage der Wiederholung ist auch nicht uninteressant, unter 1000x1000 Wörtern werden früher oder später welche auftauchen, die es schon mal gab. Aber wenn ich glaube, eins von Deleuze gelernt zu haben, dann dass es die Differenz in der Wiederholung zu sehen gilt, das Neue oder jedenfalls das Potential für Neues, das in jeder Umdrehung dieses nietzscheanischen Rades auftaucht. Und dass es dieses Neue zu bejahen gilt – und zwar nicht nur wie ein Esel, sondern wirklich und ernst gemeint. Außerdem muss man in die selbe Kerbe schlagen, bis ein Baum fällt.

Jedenfalls, dahin wollte ich eigentlich, weiß ich natürlich vor dem Schreiben nicht, ob ich tatsächlich 1000 Wörter in mir habe, und offensichtlich – das merkt man, finde ich, den Posts auch an – sind 1000 Wörter ein ziemlich arbiträres Ziel. Heute zum Beispiel weiß ich gar nicht worüber ich schreiben soll, so erklären sich vielleicht die beiden zuvorstehenden Absätze.

Ich musste, gestern schon und heute wieder, ein bisschen über mein Verhältnis zu Luhmann nachdenken. Ich weiß gar nicht, ob Verhältnis das richtige Wort ist? Wie schreibt man überhaupt über das Verhältnis, das man zu seiner ersten Theorie hat? Das an sich wird ja schon keine normale Erfahrung sein, eine Theorie "zu haben". Zorn oder Hoegl hat sich irgendwo mal über die "Auskenner" lustig gemacht, das ging mir sehr nahe. Und N. hat mich irgendwann mal einen orthodoxen Luhmanianer genannt, das habe ich damals als Spaß verstanden, inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher.

Natürlich will ich mich auskennen mit der Theorie Luhmanns, genau so wie ich mich mit dem Werk von Latour auskennen will. Von einer Theorie kann man bei ihm erst recht nicht sprechen – dass ich von der Theorie Luhmanns spreche, zeigt aber vielleicht schon mein fragwürdiges Verhältnis zu seinen Schriften. Denn auch sein Werk ist ja nicht einheitlich, es gibt Entwicklungen und Änderungen, es gibt Phasen und Themen und Zuschnitte, und von der Theorie zu sprechen erzeugt in historischer Hinsicht ziemliche Probleme. Der frühe Luhmann erklärt sich – historisch gesehen – ja nicht durch den späteren. Vielleicht hat das Theoretisieren (um nicht zu sagen, das Philosophieren) in dieser Hinsicht etwas unzeitgemäßes an sich?

Die Frage nach diesem Verhältnis jedenfalls hat SICH mir eigentlich gestellt, weil H. wissen wollte, was mich wirklich interessiert. Mir fällt keine Antwort auf diese Frage ein, die ich nicht sofort wieder revidieren wollen würde … Im Anschluss an die Posts der letzten Tage könnte ich vielleicht versuchen, diese Frage nach einem WAS mit einem WIE zu beantworten?

Natürlich interessiere ich mich für die Theorie von Luhmann, aber ich interessiere mich auch für ihren Gegenstand – nicht nur Systeme, sondern auch die Gesellschaft. Dass alle anderen Interessen aus der Systemtheorie zu folgen scheinen, ist ja schon aufgefallen, als ich das letzte Mal über meine Interessen geschrieben habe.

Das Problem ist vielleicht, dass "sich für (eine) Theorie interessieren" eben nicht nur heißt, sich für ihre Geschichte oder ihre Begriffe zu interessieren, sondern auch, sich für ihren Weltstimmungehalt interessieren, sich für die Theorie als Zugang zur Welt, als "lure for feeling", um mit Whitehead zu sprechen, zu interessieren. Und wenn die Theorie "lure for feeling" ist, dann geht das Interesse an ihr ganz schnell, deutlich schneller, als einem Lieb ist, über in ein sich interessieren mit.

Denn natürlich interessiere ich mich für mehr als für Systemtheorie, Gesellschaft, Medien und Technik und Poststrukturalismus und Theorie. Das alles sind eher Hinsichten auf die Dinge, die mich interessieren. Und dass ich mich für Theorie interessiere muss dann eben auch heißen, dass ich mich dafür interessiere, mir neue Hinsichten anzueigenen.

Das Interesse an der Systemtheorie ist dann, mit Fink gesprochen (oder geschrieben), eben sowohl ein Inhaltliches als auch ein Operatives, und das Problem ist es, dass die operative Ebene in der Auseinandersetzung mit Theorie oder Philosophie die ganze Zeit thematisch wird.

Ich halte das nicht für eine große Erkenntnis, dass man Theorien benutzen kann wie Brillen, durch die man dann die Welt sieht. Aber ich finde es eine große Erleichterung, mir darüber im klaren zu sein, dass ich mich nicht nur für Luhmann interessiere, sondern – aus völlig kontigenten Gründen – mit Luhmanns Theorie, ob man von ihr als Einheit sprechen kann oder nicht – für anderes. Und natürlich ist der Luhmann, den ich mir aufsetze ein ganz anderer, als der, den sich andere Aufsetzen.

Und offensichtlich geht diese Brillen-Metapher nicht wirklich auf, denn meine Gläser bestehen nicht mehr, bestanden nie nur aus Luhmann. Wie ich beim Lesen von Tilly feststellen konnte, habe ich zum Beispiel nicht vergessen, dass ich mich mit 14 oder 15 einen Anarchisten genannt habe (weil Regeln blöd oder ausgedacht waren und ich meine staatlich verordneten Hausaufgaben nicht machen wollte, und weil alle coolen Leute sich Anarchisten genannt haben). Ein bisschen Aufmerksamkeit darauf zu verschwenden, wie Texte (und Menschen und Videos oder Filme und Musik und so weiter) einen prägen, welche Perspektiven, welche Scherben von welchen Brillengläsern man wo (und warum?) mitnimmt, wird nicht schaden.

Obwohl ich glaube, dass die Frage nach dem "warum" einer mit- oder übernahme häufig sehr unbefriedigend ausfallen wird. Nicht, weil die Antwort immer pragmatisch wäre (es passt eben, Deleuze und Luhmann zu verbinden), sondern weil sie nicht einmal pragmatisch wäre.

#1000x1000