Unwissen

Spazierbericht

Vom Spaziergang zur Beobachtung zum Begriff zum Netzwerk. Ich bin heute besonders müde, deswegen gibt es auf diesen Text noch weniger Garantien als üblich. [17/1000]


Musste gerade erstmal nachschauen, ob ich heute nicht doch schon meine 1000 Wörter geschrieben habe – der Tag ist schon sehr lang. Ich weiß auch nicht, ob ich noch zu 1000 Wörtern in der Lage bin, vor drei Stunden hatte ich den Tag schon fast aufgegeben. Erst gegen die Proposition gekämpft – nach Butler ist jetzt Whitehead an der Reihe – dann aufgegeben und stattdessen Stengers gelesen und ein bisschen Deleuze über die Malerei, eher vielleicht über das Diagramm. Hängengeblieben ist nichts, aber das darf auch mal sein. Dann ein bisschen gammeln, ich hing sehr lang auf Instagram rum heute, obwohl das ein Ort ist den ich lieber meiden möchte. Dann etwas gegessen, und anschließend – das war eher eine Verzweiflungstat, weil ich nichts mit mir anzufangen wusste – eine Runde spazieren gegangen.

Ich vergesse immer, wie gut mir das gehen (nicht das laufen) tut, obwohl ich schon Phasen hatte, in denen der abendliche Spaziergang mehr oder weniger fest in meine Routine eingebaut war. Das Problem ist vielleicht, dass die Möglichkeit des Spazierens von den Wettern beschränkt wird, und die Wetter hier sind unbeständig.

Jedenfalls bin ich ein bisschen gegangen, und wie man es so tut, geht man durchs Industriegebiet und schaut den LKW-Fahrern beim Lagern zu und den Reinigungskräften beim Arbeitsweg, davon abgesehen ist um 20 Uhr an einem Wochentag fast niemand unterwegs.

Mitten im Gebiet steht eine große Garage, an deren Fassade ein Schild befestigt ist, auf dem "Kampfsportschule" steht. Vor der Garage ist ein kleiner Parkplatz (warum wechle ich hier die Zeitform?), auf dem ein Kampfring aufgebaut ist. Der Boden ist mit einem schwarzen Stoff überzogen, darunter scheinen Bretter zu liegen. Um den Ring stehen schwarze Monobloc-Stühle (ich wusste gar nicht, dass es die in schwarz gibt), ein Mann im Tanktop sitzt rauchend auf einer Mauer.

Ich würde den Ring gern von nahem sehen und den rauchenden Mann fragen, ob ich ein Foto machen dürfte, vielleicht auch von ihm, wie er rauchend auf der Mauer sitzt, aber ich traue mich nicht. Ich wüsste auch gar nicht, was ich zu ihm sagen sollte? Dass ich ein Foto machen möchte von ihm? Warum denn? Weil ich mich für Gewalt interessiere oder für Kampfsportschulen mit Ring auf dem Parkplatz in Industriegebieten?

Ich könnte ihm ja nicht mal – das machen diese Fotographen, die auf Instagram Videos davon teilen, wie sie fotographieren – Bilder zeigen, die ich gemacht habe, denn normalerweise mache ich keine Fotos von rauchenden Männern auf Mauern vor Kampfsportschulen im Industriegebiet.

Ein Stück weiter jedenfalls sehe ich eine rote Tür, neben der ein Schild hängt auf dem "Taxi, Pizza, Prostituierte" steht, und ich frage mich wie man sich das vorzustellen hat? Ist das Taxiunternehmen, Pizzaria und Bordell in einem? Nachdem ich ein Bild gemacht habe drehe ich mich um und sehe, dass im Auto hinter mir ein junger Mann sitzt, dem sichtlich unangenehm ist, dass ich ihn sehe.

IMG_3927

Ich frage mich, ob ich diese Situationen auch so erlebt hätte – oder ob ich ihr erleben auch so beschreiben würde – wenn ich keinen Begriff der Beobachtung zweiter Ordnung hätte? Ermöglicht es erst dieser (oder überhaupt ein) Begriff, dass ich mir Gedanken machen kann darüber, dass ich beobachte, wie ein Anderer beobachtet, ich beobachte? Die "lure for feeling" Whiteheads kann man sich vielleicht genau so vorstellen – ein Begriff (oder eben eine Proposition), der ein bestimmtes Erleben – ein bestimmtes feeling – erst ermöglicht.

Später bin ich durch einen verwahrlosten Park neben der Autobahn gegangen und habe an die Edgelands gedacht, da finde ich dieses Phänomen fast noch offensichtlicher. Dass ich das Konzept – die Proposition – Edgeland kenne, ändert meine Wahrnehmung des verwahrlosten Parks neben der Autobahn. Aber ich würde sagen, das liegt nicht am Begriff selbst, sondern an dem, was mit ihm verbunden ist. Ich denke an die Fotographien von Robin Friend und Victor Hugos bastard countryside und frage mich, ob es eine bastard cityscape gibt (oder wie auch immer man einen Gegenbegriff zur countryside bilden würde). Dass die bastard countryside gerade die Zonen der Stadt meint, in denen sie amphibisch wird, fällt mir nicht ein.

Jetzt bin ich schon wieder beim Begriff gelandet, ich hoffe das lässt bald wieder nach. Ich habe nach dem Text von gestern überlegt, ob die Frage, WAS ein Begriff ist nicht gar nicht falsch gestellt ist. Natürlich kann man Fragen, WAS ein Begriff ist – nur muss die Antwort eben lauten, WIE der Begriff ist. Ich weiß natürlich nicht ob das erlaubt ist, auf WAS-Fragen mit einer WIE-Antwort zu antworten, aber verbieten kann es mir – hier jedenfalls – niemand. Und dann ist es ganz leicht zu sagen, dass ein Begriff IST, WIE er eingesetzt wird.

P. fragt oder sagt manchmal "haben oder sein", aber das ist die falsche Frage. Die Subjekt-Prädikat-Form des Satzes führt in die Irre, selbst wenn man sagt, dass Mann nicht ein Mann ist, sondern "nur" die Eigenschaft hat, "männlich" zu sein, bleibt man dem aristotelischen Paradigma, dem Substantialismus verhaftet. Es gibt ein X – dass ein Mann sein kann, oder männliche Eigenschaften haben kann, und das X ist und bleibt eine Substanz. Und jede Frage nach dem WAS wird immer ein Sein oder ein Haben zur Antwort bekommen, und damit aristotelisch bleiben.

Das WIE eröffnet – und auch das schließt an den Text von gestern an – die Möglichkeit, sich von der Sachdimension zu entfernen. Jedes WIE impliziert Zeit und Beobachter, und jedes WIE impliziert Kontingenz, natürlich. Als wäre ich verpflichtet, in jedem Post mindestens einmal das Wort "Kontingenz" zu schreiben. Ich glaube ich bin inkontingent.

Das Netzwerk als Darstellungsform oder Denkform oder Diagramm hat das Problem, dass es schnell in das substantialistische Schema fällt. Die Unterscheidung von Akteur und Relation kann – das heißt, sie muss nicht – fast immer verstanden werden als Unterscheidung von Sein und Haben. Der Akteur hat Relationen zu anderen Akteuren – was für ein langweiliges Netzwerk. Die Reflektionen Latours zur Relativität (im Sinne Einsteins) – erklären sich auch so, und auch nicht von Dingen (oder Objekten – obwohl?) zu sprechen oder Akteure als durch ihre Relationen bestimmt zu erklären, kann verstanden werden als Versuch, die Netzwerktheorie spannend und in Spannung zu halten.

Ich glaube – um wieder zurück zu gehen (…) zum Spaziergang – ich muss mich, ob ich will oder nicht, mal mit dem Flaneur auseinandersetzen.

#1000x1000