Was, wenn meine Wohnung verschwindet?
Ich muss wirklich dringend aufhören immer am Ende des Tages zu schreiben, da kann ja nichts gutes rauskommen … [21/1000]
Whiteheads Bergriff der Proposition – man könnte vielleicht auch von seinem Begriff des Begriffs oder wenigstens der Theorie sprechen – ist unlogisch in dem Sinn, dass er die Bedeutung des Urteils über die Proposition (vorerst) suspendiert. Propositionen haben Bedeutung nicht sofern sie wahr oder falsch sind (und falschen Propositionen kommt, den Variationen Darwins nicht unähnlich, eine deutlich größere Bedeutung zu als richtigen), sondern sofern sie überhaupt entertained werden. Das Beispiel für Entertainment ist in "Process and Reality" der Monolog von Hamlet über die Frage von Sein oder Nicht-Sein, also eine Fiktion.
Der Begriff weckt bei mir nicht nur Assoziationen zum Diagramm (die Proposition oder ihr Locus bezeichnen einen möglichen Sachverhalt, in seiner Vorlesung über die Malerei verweist Deleuze auf den möglichen Sachverhalt Wittgensteins, wenn er den Begriff des Diagramms einführt), sondern auch zum Begriff der Hyperstition von Nick Land. Ich habe nur wenig von Land gelesen und gar nichts zur Hyperstition, aber sie scheint mit eine Idee zu sein, die sich selbst verwirklicht, eine Fiktion, die Wahrheit wird oder ihre eigene Realität erzeugt, nur weil sie als Idee besteht.
Man kauft sich, wenn man Land rezipiert, eine ganze Menge Quatsch und Probleme ein. Auch deswegen wird es sich lohnen, den Gedanken der Selbstrealisation einer Idee qua ihres Aufkommens oder ihres entertained-werdens mit anderen Begriffen zu bedenken, dem der Proposition zum Beispiel.
Ein Problemkomplex (wie nennt man etwas, für das man sich interessiert, wenn man nicht Thema schreiben möchte? Phänomenbereich?), auf den sich auch der Begriff der Hyperstition zu beziehen scheint, für den ich mich aber auch sonst interessieren zu scheine, ist Sicherheit in einem ganz allgemeinen Sinn.
Wie sich beobachten lässt, dass Unsicherheit produziert wird, um dann Sicherheit verkaufen zu können – so lässt sich auch die Werbeaktion von OpenAI diese Woche verstehen1 – lässt sich auch beobachten, das Maßnahmen für Sicherheit häufig dazu beitragen, dass Unsicherheitsgefühle nur stärker werden.
Bewusst geworden ist mir das vor allem auf Flughäfen. Im Flughafen von Prag konnte ich vor Urzeiten (2016 oder so) eine Gruppe von Polizisten mit Maschinenpistolen beim rumstehen beobachten – ein Gefühl von Sicherheit hat das bei mir nicht ausgelöst. Und spätestens wenn man selbst zum Opfer der Sicherheitsmaßnahmen wird – wenn man zum Beispiel als 14 Jähriger irgendeinen Alarm auslöst weil sich an den Schuhen ein paar Moleküle aus dem Vulkan befinden, den man am besucht hat – muss man sich außerdem noch fragen, für wen hier eigentlich Sicherheit hergestellt werden soll.
Ein schönes Beispiel ist auch die Geschichte von Ophra Winfrey (die habe ich aus dem Behind the Bastards Podcast), deren Großmutter Dosen an die Tür des Schlafzimmers des gewalttätigen Großvaters gebunden habe, um zu hören, wenn er Nachts aufsteht – deswegen aber nachts immer wach lag und auf das Geräusch der Dosen wartete.
Und nicht unerwähnt bleiben soll hier die Krankheit, dass Leute Überwachungskameras in oder an ihre Wohnung installieren, um sich sicherer zu fühlen – dann aber permanent den Feed der Überwachungskamera kontrollieren, weil eine Kamera an sich ja noch nicht für Sicherheit sorgt.
Es wäre Wahrscheinlich angebracht, einmal darüber nachzudenken, was Sicherheit eigentlich bedeutet, aber dazu bin ich zu müde. Jedenfalls scheinen Sicherheit und Kontrolle eng miteinander verbunden zu sein – jedes meiner Beispiele hat etwas mit Überwachung zu tun – aber Sicherheit und Überwachung werden nicht dasselbe sein. Es gibt einen Unterschied, ob ich sicher bin, oder ob ich mir sicher bin. Das Problem ist, dass dieser Unterschied häufig verwischt wird.
Luhmann nennt Vertrauen eine Form der Reduktion sozialer Komplexität. Jemandem oder auf etwas zu Vertrauen erlaubt es, sich auf sie oder ihn oder es zu verlassen. Ich vertraue darauf, dass es meine Wohnung noch gibt, wenn ich wieder nach Hause komme, und weil ich darauf vertraue, muss ich nicht ständig überprüfen, ob es meine Wohnung noch gibt. Vielleicht reicht es, für die Zwecke dieser Überlegung, Sicherheit als eine Form des Vertrauen zu denken.
Sich sicher sein – Sicherheit haben – bedeutet dann in etwa, vertrauen zu können, sich auf etwas verlassen zu können, man versteht was ich meine. Es ist sicher, dass sich meine Wohnung existiert, wenn ich wieder zurück komme. Die Frage ist nur, ob ich mir sicher bin, dass es sicher ist, dass meine Wohnung noch existiert. Und dann schlägt das Sicherheitsbedürfnis in die Notwendigkeit der Überwachung um, aber eben nur, weil ich mir nicht sicher bin oder sein kann.
Überwachung erscheint hier als eine Reaktion auf ungestilltes oder unstillbares Sicherheitsbedürfnis. Man könnte sich ja schon fragen, warum ich nicht alles dafür tue, die Existenz meiner Wohnung zu sichern und stattdessen eine Kamera vor ihrer Tür installiere. Und man könnte sich Fragen, warum ich überhaupt Angst davor haben muss, dass meine Wohnung verschwindet.
Ana Teixeria Pinto schreibt in "Capitalism with a Transhuman Face" (in Referenz zu Evelyn Fox Keller) über das Problem der Differenz von reason and sanity. Es gibt Argumente oder Sorgen, deren Problem gerade nicht ist, dass sie unlogisch (es besteht ja die Möglichkeit, dass meine Wohnung verschwindet), sondern dass sie unreal sind. Gibt es eigentlich eine deutsche Entsprechung zum Wort sanity? Oder ist das einfach Vernunft – das macht es natürlich schwer, diese Differenz zu artikulieren … Vielleicht kann man sagen es ist logisch, aber nicht wirklich oder nicht vernünftig oder nicht realistisch? (das ist vielleicht eine Option) Gesunder Menschenverstand wäre auch ein Ausdruck, den man nutzen könnte, aber auch wenn das, worum es mir geht, manchmal an Wahnsinn grenzt, möchte ich das alles nicht pathologisieren oder medikalisieren.
Die Idee hier ist jedenfalls, dass Paranoia nicht irrational ist und bestimmten Formen des strategischen Denkens innewohnt (hier wird auf Hofstadters "Paranoid Style in American Politics" verwiesen) und als solche ganz reale Effekte hat. Der Kalte Krieg, Aufrüstung insgesamt, kann als Form paranoiden Handelns beschrieben werden.
Paranoia – die Vorstellung eines schädlichen Sachverhaltes, oder eine Möglichkeit, deren Eintreten als negativ antizipiert wird – wirkt zuerst als Vorstellung. Der Effekt – die Proposition – muss sich gar nicht realisieren, um einen Effekt zu haben, sie muss erst recht nicht wahr sein, um einen Effekt zu haben. Allein dass ich die Proposition entertaine, dass meine Wohnung verschwinden könnte, führt dazu, dass ich handle, als könnte meine Wohnung verschwinden.
Die Proposition, das fällt mir gerade noch ein, ist natürlich auch eine Möglichkeit (haha) die Einheit von Theorie und Fiktion zu denken!
Dass das eine Werbeaktion war ist vielleicht eine kleine Verschwörungstheorie, aber man kann sich genauso wenig wundern, dass etwas Sicherheitsreleantes passiert, wenn man Sicherheitsmaßnahmen reduziert, wie man sich wundern kann, dass ein Sprachmodell plötzlich anfängt Sprache auszugeben.↩