Morgan und die Mitmenschen
Ich lasse mich nicht von meiner Müdigkeit abhalten … [12/1000]
Ich habe schlechte Laune aktuell, nicht nur weil ich gerade zwei Stunden lang Youtube-Videos darüber geschaut habe, wie kaputt alles ist (was man eben so macht), sondern auch, und das gehört wahrscheinlich zusammen, wegen der politischen Gesamtsituation.
Wenn man den Blog von Mark Fisher ließt bekommt man eine gute Idee von der Situation, in der dieses Buch über kapitalistischen Realismus entstanden ist, in einem Großbritannien nämlich, das in den 2010er Jahren schon dreißig Jahre Austeritätspolitik hinter sich hatte, ohne das irgendeine Aussicht auf Besserung (also Ausbau des Sozialstaats, Begrenzung und Behebung sozialer Ungleichheit, Solidarität) gegegen hätte. Ich kenne mich zu schlecht mit dem Marxismus aus, um die Theorie von Fisher zu beurteilen, aber der Weltstimmungsgehalt der in diesen Texten (die früheren, die im Kontext des CCRU stehen sind ja nochmal was anderes) transportiert wird ist a) sehr eindrücklich und b) heute, also 16 Jahre nach dem Erscheinen von "Capitalist Realism", in einer Zeit, in der die Regierungen fast aller westlichen Staaten das Projekt soziale Marktwirtschaft für beendet erklären, noch anschlussfähig als damals (jedenfalls für mich, denn 2009 war ich sieben, und die Finanzkrise habe ich vor allem über die antigriechischen Schlagzeilen der BILD meines Vaters beim Frühstück erlebt).
Geschichten darüber, was aus dem Kapitalismus wird – oder, wenn man weniger materialistisch geneigt ist, wie die nächste Gesellschaft aussieht – sollte man vielleicht als das behandeln, was sie sind, nämlich science fiction. Nicht dass Fiktionen besonders weit entfernt wären von der Theorie (auch darüber hat Fisher ja ausgiebig geschrieben), es scheint mir nur sehr Sinnvoll, den fiktionalen Charakter jeder Vorhersage zu betonen, gerade weil das bei Aussagen über die Zukunft, die wissenschaftlich sind oder erscheinen, gern vergessen wird. Irgendein Wettermann hat letzte Woche auf Bluesky eine Vorhersage geteilt die für heute über 40 Grad prophezeit hat, ohne zu kommunizieren, dass das ein Extremfall unter den Möglichkeiten war, heute waren – hier jedenfalls – 17 Grad.
Aber man kann dabei unterscheiden zwischen einer Lesart von Theorie als Fiktion und einer Lesart von Fiktion als Theorie, einen Text zu verstehen schließt ein, das Selbstverständnis der Texte zu verstehen. Wenn Theorien über die Zukunft des Kapitalismus als Fiktionen gelesen werden, macht sie das nicht deswegen zu Fiktionen. Die Fiktionalität ist eher eine Hinsicht … Man kann aber Fiktionen – die sich als solche verstehen – auch als Theorien lesen.
Vor einer Weile habe ich die Romane von Richard K. Morgan gelesen (die, die sich als SF klassifizieren lassen, die Fantasy-Sachen kenne ich (noch) nicht), und abgesehen von "Altered Carbon" (die Serie habe ich leider vor den Büchern gesehen) war ich insbesodere (diese Mars-Romane mochte ich aber auch gern) von "Market Forces" begeistert. Es geht da um einen Mann, der für einen Investmentfund arbeitet, der in Kriege im globalen Süden investiert, und da vor allem um die Kultur in den Firmen und aus irgendeinem Grund werden Konflikte zwischen Kollegen durch eine brutalere Form von Autorennen gelöst – Jedenfalls werden hier Austerität und Neoliberalismus als kulturelle (weniger, aber auch als wirtschaftliche) Phänomene extrem weit gedacht. Ich kann mich zu schlecht an den Inhalt erinnern, als dass ich hier irgendein Argument entwickeln könnte – aber der Weltstimmungsgehalt, und das war ja der Punkt oben – ist sehr nah an dem von "Capitalist Realism" und den Blogposts von Fisher.
In einer Welt, die so gestimmt ist – Aggressiv und Hoffnungslos – will man eigentlich nicht leben, und man ist natürlich sehr froh, wenn man das Buch wieder zuschlägt. Das unterscheidet "Market Forces" von "Altered Carbon". Das spielt deutlich weiter in der Zukunft, aber das Theme des entgleisten Kapitalismus spielt hier nicht weniger eine Rolle. Irgendwie ist es hier technisch möglich geworden, Personen in andere Körper zu stecken. So wird es nicht nur möglich, potentiell ewig (solang das Geld reicht, anscheinend ist der Spaß sehr teuer, die meisten können sich nur 2 oder 3 Lebensspannen leisten) zu leben. Das führt zu einer ganz neuen Form der Ungleichheit, in der sich eine Klasse bildet, die nicht nur obszön reich, sondern auch obszön alt ist – in der Serie (im Buch bin ich mir nicht sicher) werden diese Menschen Methusalems genannt.
Jedenfalls schafft es dieses Buch – und das ist bei anderen Romanen, die in dieses Cyberpunk-Genre gehen ähnlich – eine Dytopie zu zeichnen, die viel mit den near-future-Szenarien von Fisher (dem ich das einfach unterstelle, so vom Weltstimmungsgehalt her) und "Market Forces" gemeinsam hat (extreme Ungleichheit, autokratische und privatisierte Regierungen, extreme Aggressivität und Hoffnungslosigkeit), aber sich deutlich weniger schlimm, fast (!) wünschenswert anfühlt. Das wird daran liegen, dass die Fiktionalität durch Abweichung vom Alltagserleben viel deutlicher ist und an den technischen Innovationen, an denen man ja schon Irgendwie gefallen finden kann (vor allem weil nicht mal diese Stack-Technologie, mit der Bewusstseine in andere Körper übertragen werden können so feindlich daherkommt wie "unsere" KI).
Vielleicht ist ein Grund aber auch, dass die Charaktere dieser Geschichten trotz der aussichtslosen Situationen, in denen sie sich befinden, nie allein und nie vereinzelt sind. Immer gibt es Mitmenschen, immer gibt es eine Gruppe – eine Bande – zu der die Charaktere gehören. Während Chris Faulkner in "Market Forces" völlig auf sich allein gestellt zu sein scheint, ist Takeshi Covacs in "Altered Carbon" immer umgeben von … jemandem. Dieses Moment eines Krieges aller gegen alle, der totalen Vereinzelung, fehlt dort. Und das allein trägt dazu bei, dass die Geschichte angenehm (um nicht zu sagen cozy, denn das ist sie beim besten Willen nicht) wird.
Als ich vor 40 Minuten angefangen habe, dass hier zu schreibe, dachte ich, dass ich am Ende bei der Weltrevolution oder wenigstens dem Generalstreik landen würde. Aber man soll ja klein anfangen. Und wenn es keine Alternative gibt zum "weiter so", geht man diesen Weg besser nicht alleine.
Dass die medialen Bedingungen ein pysisches Zusammenkommen nicht gerade begünstigen, hilft dem Ganzen – also weder dem Generalstreik noch dem klein Anfangen und seine Mitmenschen kennenlernen – nicht wirklich. Die drei LeserInnen meines Blogs sind mir auf eine Weise näher als meine Nachbarn, ich habe enge Freunde, die ich seit Monaten nicht mehr gesehen habe. Mitmenschen, und das ist etwas, dass in den Fiktionen häufig nicht eingeholt wird (wie würde ein Roman aussehen, dessen Charaktere ausschließlich über Discord kommunizieren?), sind heute keine Mitmenschen mehr im räumlichen Sinn.