Unzufriedenheitsmaxxing
Ich übernehme keine Verantwortung für den Inhalt der folgenden Wörter, denn erstens wurden sie sehr schnell geschrieben und zweitens wurde ich heute ge-eichen-prozessionsspinnert, und das war gar nicht schön. Und es fällt mir zunehmend schwerer, den Posts einen Namen zu geben. [11/1000]
Weiß auch nicht warum mich der Körper in den letzten Tagen so zu beschäftigen scheint, aber mit großer Freude habe ich heute gelesen, dass Bryan Johnson, also der Typ, der sehr alles tut, um länger zu leben – sich zum Beispiel das Blut seines Sohnes zuführen – irgendeine Autoimmunerkrankung hat, die auch dadurch entstehen kann, dass man sich das Blut seiner Verwandten zuführt. Vampirismus bringt leider nichts, und auch wenn Autoimmunerkrankungen höchst beschissen sind, kann ich mich einer gewissen Schadenfreude nicht entledigen. Vielleicht ist ja schon die Ideen von "ewig" und "Leben" inkompatibel?
Dieses Phänomen des "maxxings" irgendwelcher Eigenschaften lässt sich in letzter Zeit ja sehr häufig beobachten, egal ob es Lebensdauer oder gutes Aussehen ist. Dabei missverstehen die looksmaxxer ja die Grundlagen des ökonomischen Denkens. Viel eher müsste man ja seine looks minmaxen, also überlegen, wo ein gutes Maß liegt zwischen Zeit in sein Aussehen investieren und allem anderen. Obwohl das hier wahrscheinlich egal ist, denn wenn man die looks für das einzige relevante Merkmal bei der Partnerinnenwahl hält und die Partnerinnenwahl für das einzige, für das es sich lohnt, Zeit zu verwenden, dann gibt es ja nichts, wogegen man Abwegen müsste. Problematisch wird es aber spätestens dann, wenn die Partnerin einen vom looksmaxxing abhält.
Es ist natürlich völlig offensichtlich, dass Personen (eher Personæ) wie Clavicular an das ohnehin schon (in jeglicher Hinsicht) kaputte Selbstwertgefühl junger oder adoleszenter Männer anschließen, um daraus Profit zu schlagen. Looksmaxxing ist vielleicht sowas wie Essstörung für Jungen?
Man muss hier sehr genau aufpassen, wie man mit der Rede von einer "Krise der Männlichkeit" umgeht. Beispielhaft dafür ist vielleicht die Serie Adolescence (2025), die zeigt, wie ein Junge so sehr in ein maskulinistisches Rabbithole fällt, dass er am Ende (das den Anfang der Serie bildet) einen Femizid begeht. Aber die Gründe für die Kraft des Maskulinismus, die dort gezeigt oder angedeutet werden – Einsamkeit, Überforderung, Mobbing – sind genau die selben Gründe, die Maskulinisten als Argumente FÜR ihre Ideologie benutzen: Jungen und Männer sind einsam und überfordert und werden gemobbt (wahrscheinlich würde ein Maskulinist eher von Diskriminierung sprechen), und schuld daran sind – natürlich1 – die Frauen.
Das ist ein bisschen, als würde man Versuchen, den Erfolg der AfD zu verstehen und dann das Narrativ der kriminellen Ausländer nicht zu dekonstruieren, sondern es zu übernehmen. Nicht, dass das nicht genau so passiert wäre – aber gerade das spricht ja dafür, ein bisschen genauer darauf zu schauen woher diese Idee (ich muss mir mal was anderes einfallen lessen, wie nennt man denn so eine These, wenn man über Narrative spricht? ), dass Jungen besonders einsam, überfordert und gemobbt wären, kommt. Und – was mich mehr interessiert – welche Funktion diese Erzählung hat.
Es gehört nicht viel dazu, auf die Idee zu kommen, dass adoleszente Jungen sowieso sehr unsicher sind. Der eigene Körper sieht seltsam aus, auf einmal gibt es ein anderes Geschlecht, man kennt seinen Platz in der Welt und der Gesellschaft noch nicht oder nicht mehr, Schule und Eltern sind belastend usw. Und es gibt sicher Einrichtungen, die in dieser Situation ein bisschen Stabilität und Orientierung geben, Jugendzentren und Freundesgruppen und so weiter. Aber es ist ja auch vorstellbar, dass diese Unsicherheit verstärkt werden kann.
Es geht hier auch wieder darum, dass Erfolgsmedien die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs von Kommunikation steigern, also darum, einen Vorschlag anzunehmen. Wenn Luhmann (da ist er schon wieder) über Macht schreibt, dann geht es früher oder später um Unsicherheitsabsorption. Macht ist ein Erfolgsmedium, dass seinen Erfolg – jedenfalls zum Teil, natürlich gibt es auch einfach die Drohung von Konsequenzen (und seien es positive) – dadurch erzeugt, dass Unsicherheiten ausgeräumt werden. Luhmann schreibt irgendwo (in der Politik der Gesellschaft?), dass Unsicherheit in die Unsicherheit über die Entscheidungen des Machthabers transformiert wird, und dass Kommunikationen auch dadurch Sicherheit stiften, dass sie als Prämisse weiterer Kommunikationen dienen.
Ich stelle mir das so vor, dass ein Kind dem Elter die Angst vor dem Monster unter dem Bett erklärt, das Elter diese Angst ernst nimmt und nachschaut und das Kind dann beruhigt. Die Unsicherheit des Kindes wurde absorbiert, fertig.
Aber es wird ja auch die Möglichkeit geben, dass Unsicherheit aus genau dem Grund erzeugt wird, dass sie danach wieder absorbiert werden kann und sich Macht so von ganz alleine (autopoietisch sozusagen) bildet. Das Elter macht dem Kind erst Angst, um es nachher zu beruhigen. Die Maskulinisten oder die AfD verkaufen (ich will nicht sagen "erzeugen", denn es wird noch mehr Gründe für Einsamkeit und Mobbing geben als die Radikalisierung junger Männer) ein Problem, für dass sie zufälligerweise auch die Lösung besitzen.
Diese Studie von Adena und Huck hat ja gezeigt, dass AfD wählen selbst ein Indikator für Unzufriedenheit ist. Die Leute sind dort gar nicht vorher schon unzufrieden und wählen dann AfD, sondern werden es erst dadurch, dass die AfD wählen.
Bestimmt bekommt man das irgendwie verbunden (ich verbinde es ja gerade) mit den Ausführungen zum faschistischen Führerkult von Bataille und Löwenthal. Für Bataille ist die Erregung das Mittel der Autorität des Führers, für Löwenthal ist der Faschismus so eine Art umgekehrte Psychoanalyse, in der das irrationale Moment der Personen verstärkt wird.
Aber so funktioniert – das schließt wirklich sehr gut an an das, was ich vorgestern über den Sport geschrieben habe – wahrscheinlich fast jede Form von Werbung? Man vermittelt den Eindruck, dass die Leute ein Problem, einen Grund zur Unzufriedenheit haben, und verkauft dann die Lösung für dieses Problem.
Vielleicht kann man Fragen, warum das passiert, aber ich habe Angst, dass mir kein Weg einfällt, mich der Pflicht zur Zurechnung auf Personen zu entziehen. Ein Abstraktionsniveau zu erreichen, auf dem individuelle Zurechnungen nicht mehr nötig sind, fällt mir in diesen Texten sowieso sehr schwer. Wenn es schnell gehen muss, fliegt das Flugzeug der Theorie eher tief. Unter den Wolken, sozusagen.
Ich versuche mehr darauf zu achten, wie ich das Wort "natürlich" verwende, weil ich es häufig als Synonym für Wörter im semantischen Feld um "selbstverständlich" nutze, obwohl das Natürliche ja häufig gar nicht selbstverständlich ist, und obwohl ich Selbstverständlichkeiten nicht auch noch naturalisieren möchte. Hier passt aber die Doppelbedeutung von selbstverständlich und naturgemäß.↩