Theorie der Politik und Politik der Theorie
Ich habe Angst, dass hier viel von Gestern wiederholt wird, aber das soll niemanden davon abhalten, auch diesen Post mit Vorsicht zu genießen. [24/1000]
Eine Frage, die im Halbschatten (und am Ende) des Posts von Gestern steht, verdient vielleicht ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Die Frage ist die nach dem Verhältnis von Politik und Wissenschaft, und wenn sich WissenschaftlerInnen – SoziologInnen – poltisch positionieren, lohnt es sich vielleicht, einmal über den Begriff der Politik oder des Politischen nachzudenken.
In Abgrenzungsarbeit habe ich mich schon einmal geweigert, identifizierend über Personen zu schreiben als wären sie entweder Wissenschaftler oder etwas anderes, und ich sehe keinen Grund, diese Weigerung hier auszusetzen. Nassehi und Saake können sich – wie die von ihnen gemeinten SoziologInnen auch – ohne weiteres politisch äußern, ohne dass dadurch ihre wissenschaftlichen Aussagen abzuwerten wären. Wenn ich eine Einheit voraussetzen muss, dann wäre das hier der Text als Operation.
Um das sofort zu relativieren: Das bedeutet aber NICHT, dass Texte (zum Beispiel aus Gründen der Konsistenz oder der Kohärenz) entweder wissenschaftlich argumentieren oder nicht. Man kommt hier in die Nähe des Werturteilsstreits und müsste sich mit der Frage auseinandersetzen, ob und wie wertfreie Betrachtungen überhaupt möglich sind. Aber man kann zum Beispiel von Latour (und von der Wissenssoziologie insgesamt) lernen, dass sich historisch Mittel gebildet haben, die garantieren, dass die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit wissenschaftlich genannt werden können und als objektiv gelten, obwohl nichts an ihrer Herstellung objektiv war. Methoden nennt man diese Mittel, und in den qualitativeren Geistes- und Kulturwissenschaften wird diese Methode vor allem darin bestehen, maximale Transparenz über Voraussetzungen und Referenzen der Argumentation zu schaffen.
Und offensichtlich lassen sich Texte ohne weiteres zerlegen, die gängige Praxis im Verfassen sozialwissenschaftlicher Texte ist ja einfach eine Ausdifferenzierung von politischen Anregungen in einen dafür bestimmten Teil.
Ein Text kann als Operation verschiedenen Funktionssystemen zugerechnet werden, für den Text von Nassehi und Saake sind die zentralen Referenzen das System der Massenmedien, das politische System und das Wissenschafssystem. Eine gutwillige Interpretation könnte den Text zum Beispiel als Selbstreflexion des Wissenschaftssystems interpretieren, die sowohl für es selbst, als auch für das politische System anschlussfähig ist.
Dass ein Ereignis als Operation mehrerer Systeme interpretiert werden kann, ist normalerweise kein Problem (etwas zu kaufen ist gleichzeitig eine Operation im Wirtschaftssystem und im Rechtssystem). Ein Problem taucht erst auf, wenn die Selbstdetermination der Systeme eingeschränkt wird (die Folgen des Kaufakts also nicht mehr als unterschieden interpretiert werden können).
Beobachtet man den Text durch die Codes der Funktionssysteme, zu denen ich ihn gerade zugeordnet habe, müsste man an ihm drei Momente unterscheiden können. Er produziert ein neues Argument und generiert Aufmerksamkeit (Massenmedien), er betrachtet das Eregbin einer Studie, die beansprucht wahr zu sein (Wissenschaft) und er kann verstanden werden als Äußerung, die einem Machtkalkül folgt (Politik).
Nur an diesem Text lässt sich nicht beobachten, ob die relative Autonomie eines Funktionssystem eingeschränkt wird. Allerdings ist dieser Text ja nicht der einzige, der eine Wissenschaft und Politik verbindet, in dem der Wissenschaft eine Politisierung vorgeworfen wird. Das ist vielleicht der Kern meines Problems mit diesem Genre von Texten. Immer, wenn der Soziologie (oder den gender studies oder welcher Disziplin auch immer) vorgeworfen wird, zu politisch zu sein (und zu politisch zu sein heißt hier fast immer, zu sehr an Gleichheit oder Freiheit oder Brüderlichkeit interessiert zu sein) ist das selbst eine politische Aussage, trägt also zur Politisierung der Disziplin bei. Zeigt sich hier eine Entdifferenzierungsbewegung? Vielleicht.
Nassehi und Saake äußern in ihrem Artikel den Wunsch, dass die Wissenschaft stärker durch selbstgestellte Fragen gesteuert werden sollte als durch Fragen, die von der Gesellschaft aufgegeben werden. Dem ist zuzustimmen, aber ich frage mich, ob das nicht verkennt, dass die durch die wissenschaftsexterne Gesellschaft aufgegeben Fragen auch als selbstauferlegte Fragen in die Soziologie eingehen können?
Mein Verhältnis zum Text von Nassehi und Saake ist insofern besonders, als ich seine implizten Voraussetzungen – was die Bedeutung und Arbeitsweise der Soziologie angeht – mitvollziehe.
Eine Kritik kann auch schon viel eher Ansetzen, wie Judith Beyer zeigt und die These der Differenzierung der Gesellschaft in Funktionssysteme überhaupt hinterfragen. Mit oder ohne Arendt kann man davon ausgehen, dass die Gesellschaft in zwei Sphären zerfällt – einen privaten Bereich und die Öffentlichkeit, und dass alles, was in die Öffentlichkeit fällt, also Gegenstand einer öffentlichen Debatte wird, politisch sein muss.
Man kann mit so einem Politikbegriff operieren, aber er scheint mir hinter die Komplexität der Systemtheorie zurückzufallen, durch die erkennbar wird, dass es eben nicht nur um politische Wertungen geht, sondern auch um "Theoriepolitik" (also innerwissenschaftliche Fragen) und – weil es sich um einen Artikel in einer Zeitung handelt – um das Generieren von Aufmerksamkeit.
Was an dieser Debatte deutlich wird ist vielleicht, dass Theorie der Politik, Theoriepolitik und Politik der Theorie oft enger miteinander verbunden sind, als einem Lieb sein kann. Eine Theorie der Politik scheint – und hier zeigt sich das Problem, dass die Soziologie eben immer Teil der Gesellschaft ist, die sie beschreibt – immer auch eine Theorie des eigenen Engagements, wenn nicht sogar ein eigenes Engagement zu implizieren.
Ich weiß nicht wie deutlich meine eigene Position oder Situation geworden ist, deswegen möchte ich versuchen, sie noch einmal ganz klar formulieren.
Ich glaube an (das heißt, ich hoffe auf) die Möglichkeit von Fortschritt. Das betrifft sowohl die Beschreibung der Gesellschaft als auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen wir leben. Jede Arbeit an der Gesellschaft braucht eine adäquate Theorie der Gesellschaft, und voreilige Kritik behindert die Möglichkeiten der Theorie. Der Theorie geht es
also nicht um Ablehnung oder Zustimmung zu dieser Gesellschaft, sondern um ein besseres Verständnis ihrer strukturellen Risiken, ihrer Selbstgefährdungen, ihrer evolutionären Unwahrscheinlichkeit – Luhmann, Archimedes und Wir (155)
Die Theorie zeigt, dass die Gesellschaft zu komplex ist, um durch Maßnahmen (sei es eine Veränderung des Verfahrensrechts oder durch Revolution) gezielt verbessert werden zu können. Wenn die Macht allumfassend und unfassbar ist, ihre Mechanismen ohne Zentrum und Steuerung funktionieren, dann kann ihr zwar überall widersprochen werden – aber Widerspruch, Kritik, ist in der Moderne ein Normalzustand, auf den die Funktionssysteme eingestellt sind.
Aufgabe einer Theorie muss deswegen nicht Kritik sein (und wenn, dann muss die Kritik der Komplexität der Verhältnisse entsprechen, Latour spricht davon, die Kosten der Kritik zu erhöhen), stattdessen müssen Begriffe geschaffen werden, die die Erfahrung der Gesellschaft und ihrer Komplexität ermöglichen. Oder so.