Asymmetrieerwartung (Nassehi und Saake)
Heute wieder müder, aber dafür aufgeregter als sonst. Die folgenden Überlegungen sind mit Vorsicht nachzuvollziehen, es werden Fehler enthalten sein. [23/1000]
Heute hab es ein bisschen Diskurs wegen eines Artikels von Armin Nassehi und Irmhild Saake in der Zeit, ich bin mir noch nicht ganz sicher, was meine Meinung zu dem Spaß ist, aber die werde ich mir jetzt Bilden.
Die Systemtheorie leidet seit jeher unter dem Vorwurf des Konservatismus, und wenn ein prominenter Systemtheoretiker und Schüler von Luhmann – Armin Nassehi – gemeinsam mit Irmhild Saake (von der ich leider nichts weiß, außer dass sie schon in den 90ern mit Nassehi publiziert hat und auch in München lehrt) einen Artikel in der Zeit veröffentlicht, der den Titel "Ist die Soziologie zu Links?" trägt, hilft das natürlich gar nicht.
Konservatismus kann man der Systemtheorie oder dem Funktionalismus (Luhmanns) in zwei Hinsichten diagnostizieren.
Erstens hatte der Funktionalismus dem Problem der Bestandserhaltung traditionell viel Raum gegeben (und mit dem Begriff der Autopoiesis taucht dieses Problem ja auch bei Luhmann auf). Die Zentralität dieses Problems wurde häufig als Orientierung an gesellschaftlicher Stabilität und einer Ablehnung oder Ignoranz gegenüber sozialem Wandel gesehen, und eigentlich halte ich diese Kritik bei Luhmann für unhaltbar, weil er Bestand und Wandel des Systems nicht mehr als Widerspruch denkt, sondern eine Unterscheidung von System und Struktur einführt, in der das System "Bestand" nur noch in der autopoietischen Weiterführung seiner Operationen hat, während die Strukturen – hier verstanden als Erwartbares, also relativ Stabiles – der dauernden Änderung und Evolution freigegeben werden. An die Stelle der Frage der Bestandserhaltung tritt die Frage der Aufrechterhaltung von Komplexität, deren Antwort deutlich gradueller und damit komplexer ausfallen dürfte.
Zweitens versteht sich die Systemtheorie Luhmanns nicht als kritische oder sogar Kritische Soziologie, sondern enthält sich der Urteile über die Gesellschaft und nimmt eher eine Metaposition ein (die ich deswegen nicht nicht-anschlussfähig für kritische Positionen halte, aber das ist eine andere Geschichte). Damit einher geht ein Verständnis der eigenen Beobachterposition als genuin unpolitisch, dass sich zwar aus der Theorie erklärt, aus der Perspektive kritischer Theorien aber völlig fehlgeleitet sein muss und die Systemtheorie als Ideologie kennzeichnet.
In den Reaktionen auf den Artikel kommt dazu noch die Frage nach seiner Motivation – biedert man sich hier einem rechten Zeitgeist oder vielleicht sogar einem kommendem Regime an? Hat man ein Problem mit seinen woken StudentInnen oder Studentinnen?
Ich weiß es nicht, und ich halte dahingehende Spekulationen für wenig zielführend (auch wenn man von einem der wichtigsten zeitgenössischen deutschen Soziologen und seiner Kollegin erwarten kann und muss, dass sie sich ihrer Funktion im Diskurs (im System der Massenmedien, wer es luhmannianisch mag) bewusst sind), vielleicht ist es Sinnvoller, sich dem Argument oder der These, das im Artikel entwickelt wird (oder wenigstens einem Teil des Arguments) zu widmen. Zumal es – in ähnlicher Stoßrichtung – auch in mindestens einem anderen Artikel von Nassehi und Saake verwendet wird.
Die beiden wollen nämlich nicht nicht (schon wieder eine doppelte Negation) über Gleichheit sprechen, sie wollen vor allem die Unterscheidung Gleichheit/Ungleichheit durch die Unterscheidung Symmetrie/Asmmetrie ersetzen. Denn die erste Unterscheidung impliziere sofort eine Wertung, in der jede beschriebene Ungleichheit als falsch und illegitim gewertet werde oder werden müsse, was der wissenschaftlichen Untersuchung im Weg stünde, weil so verhindert werde, über den Sinn von Gleichheit und die Funktion von Ungleichheit überhaupt nachzudenken.
Das finde ich durchaus nachvollziehbar, deutlich ist hier auch der Anschluss an das Vokabular der Systemtheorie, die Asymmetrien über ihren Unterscheidungsbegriff quasi naturalisiert. Schon weil eine Seite der Unterscheidung (gedacht als Form mit zwei Seiten) immer zu erst bezeichnet werden muss entsteht eine Asymmetrie, die durch fortlaufenden Anschluss an den ersten Unterscheidungsakt erstmal verstärkt wird.
Für das Nachdenken über Gleichheit (die dann die Symmetrie der Seiten sein müsste) ist so ein Ansatz sicher produktiv, denn einerseits wird so eben die Aufmerksamkeit auf die Funktion von Asymmetrien gelenkt – Nassehi und Saake nennen unter anderem die Ermöglichung von Hierarchien, das wird aber keinen der an Gleichheit interessierten Studierenden überzeugen – und andererseits wird Symmetrie so nicht nur unwahrscheinlich (alle gesellschaftlichen Errungenschaften inklusive der Kommunikation selbst sind unwahrscheinlich), sondern nahezu unmöglich. Dementsprechend schreiben Nassehi und Saake dann auch nicht mehr von Symmetrie, sondern von Symmetrieerwartungen.
Beachtenswert finde ich, dass "wir [] nicht Asymmetrie gegenüber Symmetrie [bevorzugen]". In der Geschichte der Kybernetik war das Interesse an Asymmetrie im Gegensatz zu Symmetrie als Betonung der Notwendigkeit von Negentropie (also Ordnung durch Ungleichheit) gegen Entropie (also Unordnung, in der letztendlich alles gleich ist) durchaus Mittel zur Abgrenzung gegen den Sozialismus.
Beobachtet werden sollen dann jedenfalls dysfunktionale Asymmetrien und die Plausibilisierung von Symmetrieerwartungen, dagegen ist ja gar nichts einzuwenden, Forschung zur Legitimation von Gleichheit dürfte ja gerade auch für an Gleichheit orientierte politische Bestrebungen interessant sein.
Ich habe schon mal ein paar Gedanken über Luhmanns unterscheidungstheoretischen Aufsatz über das Geschlechterverhältnis gepostet. Im Vergleich zu den Artikeln von Nassehi und Saake fällt dort auf, dass Luhmann seine Überlegungen irgendwann mit einer Analyse der funktional differenzierten Gesellschaft verbindet, die ja durchaus dazu neigt, bestimmte Formen der Asymmetrie oder Ungleichheit (nämlich die Differenzierung der Gesellschaft in Schichten) aufzulösen und umzuwandeln in Funktionssysteme. Das Verhältnis von Frauen und Männern ändert sich ja tatsächlich, und die Theorie kann und muss das genauso reflektieren wie die Unwahrscheinlichkeit eines Gleichheitszustandes. Neben Strategien, mit notwendiger Asymmetrie umzugehen (hier werden Umkehr, Temporalisierung und De-Globalisierung der Unterscheidung genannt) schreibt Luhmann außerdem über die Möglichkeit der Bistabilität, in der Grundsätzlich beide Seiten der Unterscheidung anschlussfähig werden.
Vielleicht macht das deutlich, wie ergiebig eine Gleichheitsforschung sein kann, die von Ungleichheit ausgeht? Gleichzeitig wird damit auch deutlich, wie flach der Artikel von Nassehi und Saake bleibt (vielleicht ist das Publikum der Zeit aber auch einfach nicht das richtige für einen Artikel, der solche Fragen diskutieren würde (das klingt sehr zynisch, ich glaube eigentlich dass man den Leuten auch mal was zutrauen sollte)). Die beiden schreiben dann lieber etwas über die Politisierung der Soziologie (die es ja auch in den Titel schafft) – und diese Stelle bildet wirklich den Tiefpunkt der Argumentation.
Nicht nur sei das Gleichheitsversprechen für die Soziologie ein Mittel gegen akademische Anstrengung, eine linke Sozialwissenschaft habe außerdem ein "mangelndes Interesse an wissenschaftlich generierten Fragestellungen", sodass eine "Soziologie, die weniger links wäre, nur eine wissenschaftlichere Soziologie sein" könnte.
Aber was trägt ein Artikel, der in einer großen deutschen Wochenzeitung – in einem Medium also, dass nicht dem Funktionssystem Wissenschaft zuzuordnen ist – die Politisierung der Soziologie beklagt, zu einer wissenschaftlicheren Soziologie bei? Und wenn es um Differenzierung geht (ich möchte dem Herrn Professor wie gesagt keine politischen Motive unterstellen), sollte man dann nicht auch die Geburt der Soziologie aus revolutionären und reformerischen Bestrebungen bedenken? War der Grund für soziologische Forschung nicht irgendwann einmal (auch bei Luhmann) die Motivation, das INTERESSE, die Gesellschaft zu verbessern?