Abgrenzungsarbeit
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Hatte am Wochenende die Ehre (?) eine Masterarbeit über den Wandel des Journalismus unter Bedingung seiner Plattformisierung zu lesen, und ich habe Gedanken dazu.
Als ziemlich zentral erschien mir das Konzept der Boundary-Work, also der Arbeit, mit der sich JournalistInnen von allen anderen Abgrenzen. Diese Abgrenzungsarbeit ist wahrscheinlich auch schon Notwendig, wenn Journalismus noch in Zeitungen stattfindet, aber ihre Bedeutung ist nicht so offensichtlich. Auf TikTok oder Instagram konkurrieren ausgebildete JournalistInnen plötzlich mit InfluencerInnen, die genauso einen Anspruch auf die Verbreitung von Informationen haben wie sie. Und dann stellt sich eben die Frage, was jemanden zum oder zur JournalistIn macht, oder was einen Post journalistisch macht.
Aber die konkrete Arbeit, die dazu nötig ist, interessiert mich gar nicht so sehr. Viel spannender finde ich die Frage der Identität des Journalisten oder der JournalistIn. Denn wenn man so darüber schreibt, und natürlich auch im alltäglichen Gebrauch dieser Medien, IST jemand eben JournalistIn, und damit wird – Abgrenzungsarbeit – eine ganze Reihe von Identitäten ausgeschlossen. Dabei müsste es sich ja gar nicht widersprechen, JournalistIn zu sein und InfluencerIn?
Dieses Problem der Abgrenzungsarbeit ist mir schoneinmal in einem Kontext begegnet, nämlich im sehr schön betitelten Substack-Post Peter Sloterdijk wird als Schlangenölverkäufer beschimpft. Auch hier wird Abgrenzungsarbeit (mir fällt gerade auf, dass ich den Begriff auch aus diesem Post habe) gedacht als so eine Art Praxis der Selbstdarstellung, aber im Kontext der Unterscheidung Wissenschaft/Öffentlichkeit (und eben nicht journalistisch/nicht-journalistisch).
Abgesehen davon, dass ich die Unterscheidung Wissenschaft/Öffentlichkeit so nicht einschleifen möchte, kommt man vielleicht weiter als nur einen Konflikt zu diagnostizieren, wenn man nicht bei der Praxis von Individuen ansetzt, die ja sofort wieder in so eine identifizierende Logik führt. Stattdessen lohnt es sich vielleicht,
a) die vor sich hin praktizierenden Individuen auf AutorInnen zu reduzieren und nach dem Status ihrer Texte zu fragen, und
b) die Unterscheidung Wissenschaft/Öffentlichkeit durch die Unterscheidung von Wissenschaft und Massenmedien zu ersetzen.
Wenn man der Falle, Kommunikationen auf Individuen zuzurechen irgendwie entkommt, muss man nicht mehr Verlangen, dass jemand entweder WissenschaftlerIn oder JournalistIn ist. Stattdessen könnte man nach Textgattungen oder Genres fragen, die ein Autor jeweils bedient. Und es ist ja ganz offensichtlich, dass einE EnunziatorIn verschiedene Texte schreiben kann, die – als Kommunikationen – aufgrund ihres Genres und ihrer Anschlüsse verschiedenen Funktionssystemen zugerechnet werden können, über die man sie dann als wissenschaftlich oder journalistisch identifizieren kann.
Das Problem an dem Ganzen sind dann vielleicht doch die AutorInnen, durch deren Namen die Möglichkeit der Identifikation und damit ihre Qualifikation als WissenschaftlerIn oder JournalistIn überhaupt erst entsteht. Davon abgesehen ist es sonst ja durchaus möglich, Autoren vom Text her zu denken.
Vielleicht noch ein Paar allgemeinere Beobachtung zum Phänomen der Abgrenzungsarbeit. Nassehi zeigt (mindestens in der Gesellschaft der Gegenwarten) Ansätze für eine Verbindung von praxeologischer und systemtheoretischer Perspektive. So könnte es (wieder ganz empirisch) möglich sein, die Durchführung von Systemdifferenzierung an konkreten Kommunikationen zu beobachten.
Und auf semantischer Ebene ist die Idee der Anschlussfähigkeit dafür nicht zu unterschätzen (das alles gilt offensichtlich nicht nur für die Unterscheidung von Wissenschaft und Massenmedien, sondern für jede Form sozialer Differenzierung). Die Frage ist immer, welche Kommunikationen an andere anschließen können, und gerade im Betrieb der Geisteswissenschaften sind es eben Begriffe, die Anschlussfähigkeit herstellen oder vermeiden. Wenn ich vom -jekt spreche und mich niemand versteht außer meine Freunde, dann sorgt das dafür, dass nur meine Freunde mit mir über das -jekt sprechen können. Und wenn F. das zwar versteht aber nicht über das -jekt sprechen will, dann sorgt das nur nochmal für interne Differenzierung.
(Apropos Begriffe, ich habe am Wochenende eine Concept-Association-Machine gebaut!)
Vielleicht kann man den Unterschied von Inter- und Transdiziplinarität so fassen? Interdisziplinarität ist, wenn die Disziplinen am am selben Gegenstand arbeiten, aber ihre eigenen Begriffe behalten. Und Transdisziplinarität ist, wenn am selben Gegenstand gearbeitet wird und gemeinsame Begriffe verwendet werden? Das würde auch erklären, warum die Kybernetik das einzige transdisziplinäre Forschungsprogramm sein kann – weil für sie alle Disziplinen (sogar über die verfeindeten Lager von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften hinweg) an Systemen arbeiten, und weil diese Systeme mit denselben (nicht nur den gleichen) Begriffen beschrieben werden.
Das Problem der Anschlussfähigkeit stellt sich auch im Wissenschaftsjournalismus, den man mit Luhmann wahrscheinlich irgendwie beschreiben müsste als Form der strukturellen Kopplung von Wissenschaft und Massenmedien. Es konkurrieren verschiedene Ideen davon, wie effektive Wissenschaftskommunikation funktioniert, aber man scheint sich einig zu sein, dass bloße Vereinfachung nicht ausreicht, und dass man dem Publikum durchaus auch komplexe Sachverhalte zumuten darf.
Der Punkt in diesem Youtube-Video ist, dass man sein Publikum nicht für zu dumm halten darf, die Wissenschaftler zu verstehen. Stattdessen wissen die eben einfach noch nicht, was die Wissenschaftler wissen. Man macht, was Descartes am Anfang des Discurs de la Methode macht: Man geht davon aus, dass jeder verstehen kann, was dann gesagt wird. Es gibt nichts, was "zu schwer" ist. Interesannt ist, dass es hier vor allem um die Form und Rhetorik geht, nicht um die Inhalte. Die Inhalte behalten in der Vermittlung ihre Intensität, aber ihre Präsentation verändert sich. Jargon wird weiterhin benutzt, aber genauer bestimmt, Abstraktes wird erklärt. Es geht darum, Zugänge zu schaffen, Rampen zu bauen, Anschlussfähigkeit herzustellen.
Vielleicht vergisst man hier, dass die Aufgabe von Wissenschaftsjournalismus eben nicht nur ist, zu informieren, sondern auch, zu unterhalten. Ich würde sagen, Wissenschaftsjournalismus muss unterhalten, und wenn man seinen Wissenschaftsjournalismus so betreibt wie oben beschrieben, dann wird ein nicht unwesentlicher Teil der Unterhaltung die Freude am eigenen Nichtwissen sein, man könnte das als competence-porn beschreiben (habe das gerade in meinem Obsidian gesucht und festgestellt, dass ich noch nie etwas darüber geschrieben habe, dabei ist das wahrscheinlich mein Lieblings(sub)genre, was Romane und Film angeht).
Eigentlich wollte ich, dass der Post hier wieder zur Unterscheidung von JournalistInnen und InfluencerInnen zurückkommt. Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob sich das Konzept der Abgrenzungsarbeit, wie ich das oben Formuliert habe, so einfach auf die Plattformen und dann auf das Verhältnis von Journalismus und Influecertum übertragen lässt. Aber die 1000-Wortmarke ist erreicht, dieser Schwall findet sein Ende, der nächste kommt bestimmt.