Schnelligkeit und Selektion
Auch dieser Post wurde sehr schnell geschrieben, anders als sonst werden hier aber die Vorzüge der Geschwindigkeit betont (was nicht heißt, dass dieser Post nicht genau so Falsch wäre wie alle anderen (nicht das Falschheit ein Problem wäre)). [26/1000]
Habe gerade eine halbe Stunde Bullet-Chess (das heißt, dass man sehr wenig Zeit auf der Schachuhr hat, in dem Fall eine Minute, in der alle Spielzüge gemacht werden müssen. Wenn die Zeit abläuft, verliert man) gespielt, ich hatte ganz vergessen wie sich das anfühlt, völlig von so einem Brett vereinnahmt zu sein. Ich habe überlegt, ob das was mit dem Bewusstsein passiert, wenn man sich ein paar Minuten ausschließlich auf so ein Brett konzentriert und bin zu dem Schluss gekommen, dass sich dieser Bewusstseinszustand nicht so sehr von dem Unterscheiden wird, in den ich komme, wenn das Schreiben richtig fahrt aufnimmt (was für ein bescheuerter Ausdruck). Flow könnte man das nennen (ich musste meinen Schreibprozess gerade unterbrechen um einen Papierfisch einzusaugen) …
Im Wikipedia-Artikel gibt es, das freut mich natürlich sehr eine evolutionstheorethische Erklärung für den Flow-Zustand als Belohnung für sinnvolles Explorationsverhalten. Stellt sich natürlich die Frage, warum mein Körper ausgerechnet Schach spielen und sehr schnell schreiben als sinnvolles Explorationsverhalten empfindet? Und vielleicht allgemeiner, warum ich so einen Zustand der Vereinnahmung durch eine Tätigkeit dann zu passieren scheint, wenn ich sie sehr schnell mache?
Ich weiß nicht, ob mich die Antwort darauf wirklich interessiert. Ich muss aber in diesem Zusammenhang an Clams "Glühen" denken, also ein allgemeineres Begeisterungsgefühl, dass über den einzelnen Akt hinaus anhält. Man glüht für eine Sache im Allgemeinen, das kann natürlich auch schief gehen, aber meistens hält man Begeisterung ja für etwas positives.
Ist Interesse an etwas dasselbe wie Begeisterung für etwas? Wahrscheinlich nicht. Der Unterschied wird schon im "an" und im "für" deutlich. Das "an" bleibt immer außen, während das "für" die Position des Gegenstandes (der Sache) übernehmen zu scheint. Das klingt ja auch im Begriff der Sache an – die Sache ist etwas (quasi-)politisches.
Ich habe mich eigentlich immer für sehr Begeisterungsfähig gehalten. Wenn mir jemand etwas neues erzählt, fällt es mir sehr leicht, mich für (hier geht die Überlegung von oben schon nicht mehr ganz auf) dieses Neue zu interessieren – aber zu begeistern? Ich weiß nicht mal, ob ich an Geist glaube.
Dass ich mir im nächsten Satz schon widerspreche oder widersprechen kann, weil man sich natürlich auf für etwas interessieren kann und nicht nur Interesse an etwas haben (Interesse an etwas haben klingt auch sehr besitzergreifend) ist natürlich auch ein Vorteil, der mit der Geschwindigkeit kommt. Das lässt sich ja auch beim Schach beobachten, dass Fehler mit zunehmender Geschwindigkeit an Bedeutung verlieren.
Ich muss hier schon wieder zur Proposition von Whitehead gehen (dieser Magnetismus, den bestimmte Konzepte haben zu scheinen ist auch ein seltsames Phänomen), denn das scheint mir – jedenfalls im Bullet-Chess, wenn man Schachaufgaben löst oder sehr langsam und bedacht spielt ist das etwas ganz anderes – noch ein Beispiel für Whiteheads Proposition zu sein. Es ist dann nicht mehr wichtig, ob ein Zug oder ein möglicher Zug wahr oder falsch ist, ob es der richtige Zug ist (und es gibt im Schach objektiv richtige Züge, leider), sondern eher ob der Zug eine Situation herstellt, in der der Gegner zum Innehalten gezwungen wird. In der er, wenn man so will, aus dem Flow des Spiels geworfen wird. Wenn man sich nicht mehr auf seine Intuition verlassen kann und anfangen muss, zu denken – weil ein Zug so überraschend war, zum Beispiel – tritt natürlich die Katastrophe ein: man verbraucht seine Zeit. Noch mehr fällt das auf, wenn man mit Inkrement spielt, also die Zeit erst nach ein oder zwei Sekunden anfängt abzulaufen.
Ich glaube eigentlich nicht, dass ich besser Schach spiele, wenn ich sehr schnell spiele. Genauso wenig glaube ich, dass ich besser Schreibe, wenn ich sehr schnell schreibe. Natürlich macht man weniger Fehler, wenn man sich Zeit zum Nachdenken nimmt, aber – das zeigt das Beispiel und das zeigt Whiteheads Begriff der Proposition – Fehler zu Produzieren kann sehr produktiv sein. Wenn man wegen einem guten Fehler das Schachspiel gewinnt, zum Beispiel.
Man schreibt oder spricht ja oft von produktiven Missverständnissen, wenn Texte rezipiert werden, aber man muss eben alle Fehler für Produktiv halten. Das ist ja auch der Punkt der guten Wiederholung bei Deleuze?
Ich habe das Schreiben oder das Denken (was vielleicht dasselbe ist) schonmal mit dem Legobauen verglichen, der Aspekt der Geschwindigkeit kam da nur am Rande (also ziemlich genau in der Mitte des Texts) vor. Dabei ist die begrenzte Zeit, die man mit der Konstruktion irgendeines Modells verbringt natürlich (neben der Begrenztheit der Steine und ihrer Kombinationsmöglichkeiten) einer der wichtigsten Aspekte. Dass man schneller selegieren muss (egal ob im Schach, Lego oder Schreiben) führt auch dazu, dass man schärfer selegieren muss. Das kann, gerade wenn es um die Verarbeitung von großen Mengen an Informationen geht, ganz günstig sein.
Wichtig ist bei all dem, das scheint mir in Angesicht des kleinen KI-Nutzungs-Skandals um Hank Green (ich habe heute ungefähr zwei Stunden damit verbracht, mir die verschiedenen Standpunkte dazu reinzufahren und bin komplett blöde geworden dabei) angemessen noch einmal zu betonen, dass man selbst der Selektor ist.
Wie soll man reflektieren, welche Abstraktionen das Denken bestimmen (das ist ja sozusagen der whiteheadsche Imperativ), wenn der Abstraktionsprozess völlig undurchsichtig wird (und ob man bezüglich KI generierter Selektionen überhaupt von Abstraktion sprechen kann, ist auch noch eine Frage)?
Lustig ist auch, dass Green in seinem Statement schreibt, er habe KI genutzt, weil er so unter Druck stehe. Das kann man ihm ruhig glauben, auch selbst-auferlegter Druck ist ja Druck, aber die Nutzung von KI zum generieren des Skripts für ein AMA-Video zur eigenen Person ist dann doch ein seltsames Ventil. Mir scheint es (das muss ich nach den letzten 900 Wörtern natürlich schreiben) sinnvoller, einfach schneller zu arbeiten, das transparent zu machen, schärfer zu selegieren, Fehler in kauf zu nehmen und produktiv zu wenden.
Es fühlt sich ein bisschen naiv an, so gegen die Nutzung von KI anzuschreiben (es ist ja auch nicht das erste Mal), wenn das Auslagern von Selektionsleistung zur Normalität wird. Es gefällt mir auch gar nicht, dass ich jedes mal so pathetisch werde, wenn es um dieses Thema geht, am liebsten würde ich so etwas ans Ende dieses Post stellen wie die Frage, was ein Selbst ist, dass nicht mehr selbst zur Selektion fähig ist, aber das ist mir zu viel des Glühens.