Unwissen

KI-Verbote verbieten verbieten – 0003

Es ist fast ein bisschen bedenklich, wie viel Spaß mir das hier macht. Ich habe – natürlich – noch mehr Gedanken zu diesem Projekt, und weil mir niemand verbieten kann, einfach noch mehr über das Wie und Warum des Ganzen nachzudenken, mache ich das jetzt.

Einmal ist da zum Beispiel die Frage, wie ich eigentlich früher geschrieben habe – also vor dem Studium, bevor ich angefangen habe, so extensive Notizen zu machen. Ich glaube nämlich, dass diese Art zu schreiben (den Text einfach einem Anlauf rauszukotzen) mein ganz normaler Modus war. Bei so Aufsätzen in der Schule ging es ja fast nicht anders, und ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass ich mir im Vorhinein fast nie Gedanken darüber gemacht habe, was ich eigentlich zu sagen habe. Und auch bei anderen Texten – für mich oder die Schülerzeitung – war der Großteil der Arbeit wirklich das Schreiben. Ich glaube nicht, dass wirklich die Notizen das Problem sind, aber natürlich führt so ein Philosophie-Studium dazu, dass man (sehr) hohe Ansprüche an sich stellt, die zu erfüllen sehr viel Zeit kostet.

Interessant ist in dem Zusammenhang vielleicht auch, dass im Studium nicht viel geschrieben wird. Den Bachelor kann man – wenn man das möchte und sich nicht ganz dumm anstellt – mit zwei Hausarbeiten und zwei Klausuren schaffen, der Rest der Prüfungsleistungen wären dann mündliche Prüfungen. Das ist natürlich völlig absurd, wenn gleichzeitig behauptet wird, dass es in den Geisteswissenschaften ums Texte schreiben geht – aber vielleicht ist das heute auch anders.

In Bayern wurde gestern das KI-Verbot verboten. Das heißt, dass Hochschulen in unbeaufsichtigten Prüfungen die Verwendung von KI nicht grundsätzlich verbieten dürften (wenn der Vorschlag des Kabinetts verabschiedet wird), sondern eine Kennzeichnungspflicht einführen. Wie man so eine Kennzeichnungspflicht dann durchsetzbar sein soll, weiß ich nicht. Denn eigentlich macht es ja – für die Studierenden, die ihre Hausarbeiten mit ChatGPT schreiben – keinen richtigen Unterschied, ob die Benutzung verboten ist, und man es trotzdem nutzt, oder ob es eine Kennzeichnungspflicht gibt (wie jetzt schon an meiner Uni), und es nicht Kennzeichnet. Denn warum sollte ich die Benutzung von ChatGPT kennzeichnen, wenn ich weiß, dass ich damit den Unmut meiner Dozierenden auf mich ziehe – bei der Intransparenz der Bewertungen kann ich mich ja nicht darauf verlassen, dass die Kennzeichnung der Nutzung von ChatGPT1 nicht dazu führt, dass ich trotz Legalität eine schlechtere Note bekomme.

Egal, denn dieser Vorschlag erlaubt ja ganz explizit das Verbot von KI bei beaufsichtigten Prüfungen. Denke die beaufsichtigten Prüfungen, also Klausuren, die dann eben per Hand auf Papier geschrieben werden, so ganz analog, sind die naheliegende Lösung, wenn man garantieren will, dass so ein universitärer Abschluss noch irgendeine Bildung symbolisiert.

Das ist auch ein Problem, vor dem man sich jetzt Fürchten kann: dass die Abschlüsse, die unter einer generellen KI-Erlaubnis erreicht wurden, nichts mehr wert sind, weil sie die zentrale Kompetenz, die man in so einem Studium der Geisteswissenschaften (angeblich) erwirbt – nämlich das Verarbeiten von hochkomplexen Zusammenhängen in Texten (Verstehen sozusagen, oder hermeneutische Kompetenz) – nicht mehr garantieren. Das würde sich vielleicht mindern, wenn es einfach alle Absolventen irgendeines Studienganges betreffen würde, aber a) trifft es jetzt erstmal nur Leute aus Bayern, deren BA dann möglicherweise den Status des berüchtigten NRW-Abis bekommt, und b) trifft das diejenigen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – gegen die Nutzung von LLMs entscheiden und ihre Texte selbst schreiben.

Es ist natürlich komplizierter als das. Texte, zu deren Erstellung ein LLM genutzt wurde müssen ja nicht vollständig generiert sein, man kann NotebookLM zum synthetisieren von Informationen (lesen im klassischen Sinn kann man das ja nicht nennen) benutzen und sich Argumentationsstrukturen bauen lassen. Man kann LLM's zum Übersetzen nutzen oder zur Korrektur von Grammatik und Zitierweisen, Google und DuckDuckGo haben LLM's vor die Suchergebnisse geschaltet.

Unproblematisch finde ich die Benutzung von LLMs nicht, aber ich würde lügen wenn ich sagen würde, ich hätte noch nie einen Text mit DeepL korrigiert oder das generierte Suchergebnis bei Google gelesen.

Ich bin ein bisschen ratlos, was das alles zu bedeuten hat. Vielleicht noch etwas allgemeines zur Nutzung von KI. Natürlich werden Texte mit (Hilfe von) KI geschrieben, weil Leute keinen Bock auf die Arbeit haben. Aber man muss sich halt auch fragen, woher das keinen Bock haben kommt. Fast alle meine KommilitonInnen müssen neben dem Studium arbeiten; vielleicht wäre es richtiger zu sagen, sie studieren neben der Arbeit. Das Bafög reicht bei denen, die es (noch) bekommen – selbst hier – nicht aus zum Überleben, und das liegt nicht an unserem ausschweifendem Lebensstil. Natürlich haben die meisten in dieser Situation keinen Bock – keine Zeit, keine Kraft – so zu studieren, wie das mal vorgesehen war.

Und die andere Seite ist die der DozentInnen, die zwischen Drittmittelanträgen und Kürzungen im Mittelbau nichts mehr übrig haben für Lehre, geschweige denn Forschung. Warum sollte ich Lust auf akademisches Arbeiten habe, wenn meine Lehrenden mir diese Lust nicht vermitteln (können)? Dass ich Freude an dem Ganzen habe, dass ich Lesen und Texte schreiben will ist völlig ausversehen passiert und eine riesige Ausnahme. Vielleicht bin ich zu optimistisch was das angeht, aber dass es keine studentischen Lesekreise und keine Fachschaftszeitung (mehr) gibt, wird wohl nicht nur die Schuld der Studierendenschaft sein.

Aber schreiben und lesen kann ja auch die KI. Ideale sind was für technophobe Looser und Ludditen, dass so eine Wirtschaft davon abhängt, dass es einen Nachschub an gut ausgebildeten (!!!) Arbeitskräften gibt (die dann neue Arbeitskräfte ausbilden) ist völlig egal, denn bald kommen Singularität und Abundance (…). Und sowieso, die faulen Studenten sollen froh sein, dass sie dem Steuerzahler™ überhaupt auf der Tasche liegen dürfen.

Sorry für die schlechte Laune. Mir ist schon völlig klar, dass diese Technologie vieles (alles) verändern wird. Dazu habe ich genug Medientheorie gelesen. Aber irgendwie hatte ich schon die Hoffnung, dass es wenigstens den Versuch gibt, diese Medien zu kontrollieren, dass wir irgendetwas aus den letzten (Medien-)Revolutionen gelernt haben könnten. Am Ende gewinnt der Luhmann. Die Gesellschaftsordnung ist eine Medienfrage. Und wenn die Maschinen anfangen zu sprechen, muss man lauter schreien.

  1. Oder was auch immer, dass in diesem Zusammenhang immer von "KI" gesprochen wird ist ein bisschen absurd, denn es geht ja konkret um den Einsatz von LLMs zum Schreiben der Hausarbeit …

#wordvomit