Probleme bauen – 0005
Weiß nicht ob ich heute 1000 Wörter in mir habe. In der Wohnung sind noch nicht ganz 30ºC, draußen eher 36ºC. Ich habe noch zwei Stunden, bevor ich das Haus verlassen muss, schauen wir mal was wird (was wird).
Ich hatte noch ein paar Themen, über die ich dringend schreiben wollte. Erstens, das hängt vor allem mit den ersten beiden Vomits zusammen, habe ich an das "Cult of Done Manifesto" gedacht. Ich kenne das aus einem Youtube-Video von No Boilerplate. Es geht (wer hätte das gedacht) darum, seine Projekte (auch ein ganz furchtbares Wort) zu beenden. Das ist etwas, was mir sehr schwer fällt (ich schreibe seit einem halben Jahr an meiner Bachelor-Arbeit, zum Beispiel) – und wahrscheinlich finde ich dieses Manifest genau deswegen so interessant, um nicht zu sagen: inspirierend.
Das Manifest richtet sich nicht wirklich an jemanden wie mich, der nur schreibt, sondern an sogenannte Maker, also Personen, etwas (was denn?) bauen. Obwohl Texte ja auch gemacht werden? Was ist eigentlich der Status, den ein Text (für mich) hat?
Mir fällt gerade auf, dass ich mein Schreiben an so einer Stelle – an der sich eine Frage stellt – oft unterbreche, um über die Antwort nachzudenken – was natürlich völlig unsinnig ist, wenn meine These ist, dass man schreibend denkt. Man muss auch das Zögern schreiben.
Ich glaube eigentlich nicht, dass Texte Ideen oder Gedanken transportieren oder übertragen, es gibt nur den Text selbst, wahrscheinlich. Auf der anderen Seite spreche ich sehr häufig von einer Theorie, die ja auch durch den Text kommuniziert wird, also irgendwie mehr ist als ein Text – aber vielleicht ist das ja die Antwort – eine Theorie als Sammlung von Texten, die sich auf eine bestimmte Art und Weise aufeinander beziehen?
Wie dem auch sei. Die Praxis, die in diesem Manifest beschrieben wird, erinnert mich daran, wie ich als Kind Lego gebaut habe. Ich habe die Modelle genau einmal zusammengesetzt, um es anschließend auseinander zu bauen und die Einzelteile in meine Kisten einzusortieren. Und dann habe ich meine eigenen Bauwerke gebaut, nur um sie am gleichen Nachmittag wieder auseinander zu bauen, die Teile zu recyclen. Ich habe nie lang für etwas gebraucht, wollte immer schon das nächste bauen – aber das hat mich nie davon abgehalten, etwas fertig zu bauen.
Aber natürlich habe ich nicht nur die einzelnen Teile recyclet, sondern auch ihre Kombinationen. Man entwickelt irgendwann bestimmte Techniken, die Teile so zu kombinieren, das am Ende das gewünschte Modell entsteht. Obwohl das ja auch nicht stimmt. Eigentlich hat sich das Bauen anders angefühlt, ich wusste selten, was am Ende des Prozesses stehen würde. Eine viel bessere Beschreibung wäre vielleicht, dass ich die Teile in eine Konfiguration gebracht habe, die mir aus irgendwelchen Gründen als Sinnig erschien. Da war nie viel Planung dabei, aber ganz viel Improvisation. Man weiß, dass ein bestimmtes Teil an diese Stelle passen würde, aber findet es nicht und nimmt deswegen drei andere.
Vielleicht funktioniert Schreiben gar nicht so anders, oder vielleicht kann Schreiben gar nicht so anders funktionieren. Man baut etwas, vielleicht sogar sehr schnell, und baut es auseinander, um etwas neues daraus zu bauen. Besser als beim Lego (bei den Klemmbausteinen, sagt man heute) ist vielleicht, dass man Teile nicht verbrauchen kann, sondern einfach kopieren. Und man kann den Bauprozess selbst bauen. Im Schreiben ist ja deutlich mehr Reflexivität möglich, als im Legobauen. Wahrscheinlich ist es deswegen auch schwerer.
Also: Worte, Sätze, Argumente … lassen sich nicht verbrauchen, im Gegensatz zu Legoteilen. Das ist vielleicht auch die Idee der Theoriestücke, aus denen die Systemtheorie Luhmanns zu bestehen scheint. Die Begriffe der Theorie hängen so zusammen, dass man sie auf viele, ziemlich genau bestimmte Weisen miteinander verbinden kann.
Dazu passt, was L. einmal über den Grabbeltisch der Theorien gesagt hat. Die Idee war, dass man sich an verschiedenen Theorien bedienen kann, um sich die Welt zu erklären (oder halt einen Text zu schreiben, oder eine neue Theorie zu machen). L. geht es darum, diese Theorien zu nutzen, um die Welt zu verbessern. Probleme sichtbar zu machen, und sie zu lösen. Mir geht es eher darum, den Grabbeltisch zu erweitern, vielleicht auch, neue Probleme zu schaffen.
Das ist eine gute Aktivität, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen: Frage, ob sie sie lieber Probleme lösen oder Probleme schaffen wollen. Die meisten wollen (natürlich) Probleme lösen.
Ich würde sagen, dass das beste an der geisteswissenschaftliche Arbeit ist, neue Fragen und Probleme zu entdecken. Die Lösungen für diese Probleme sind meistens weniger Problematisch.
Obwohl ja im politischen Prozess Policys (also Lösungen) häufig vorliegen, bevor es ein Problem gibt, zu dessen Lösung sie geeignet sind. Aber das Problem, dass es kein Problem gibt, zu dem die vorliegende Lösung passt, kann man auch lösen, in dem man ein passendes Problem schafft.
Auf einer Party hat mir mal einer, der über Quantenphysik und Supraleiter promoviert, gesagt, dass es in seiner Forschung ja um echte Probleme gehe, nicht nur theoretische. Aber was der Unterschied zwischen echten und theoretischen Problem ist? Wie führt man da überhaupt einen Unterschied ein, ohne in so ein Basis-Überbau-Schema zu verfallen? Sowohl echte, als auch fiktive Probleme werden ja von einem Beobachter konstruiert oder stellen sich einem Beobachter.
Vielleicht kann man über die Dringlichkeit oder die Wichtigkeit (die Importance, sozusagen) von Problem sprechen. Das hat offensichtlich den Vorteil, dass nicht zur zwei Kategorien zur Verfügung stehen, sondern eine Skala. An der Beobachterabhängigkeit des Problems ändert das wenig, aber es wird leichter, sich über die Priorität von Problemen zu einigen. Das ist ja oft die Frage: welches Problem soll zuerst angegangen, welcher Lösung sollen die meisten Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Dass ich es offensichtlich finde, dass die Klärung des Faschismusbegriffs dann ein wichtigeres Problem ist als die Frage nach der Quantenmechanik des Supraleiters, muss ich eigentlich nicht sagen (aber ich mache es natürlich trotzdem).
Wo man dann steht, wenn man neue Probleme schaffen oder stellen will, ist eine andere Frage. Vielleicht ist das die Aufgabe der Philosophie? Dinge zu Problematisieren? Wofür bräuchte man sie denn sonst?