Unwissen

Interdependenzunterbrechungen

Ich bitte um Aufmerksamkeit, aber nicht zu viel. 1000 frische Wörter, schnell und wirr wie immer. [32/1000]


Ich habe die letzten Tage im BA-Hyperfokus verbracht und bin deswegen nicht wirklich zum Schreiben gekommen, gestern Abend ist das Ding endlich fertig geworden. Ich habe natürlich sofort angefangen, unzufrieden zu sein, momentan überwiegt aber die Freude an ein Ende gekommen zu sein.

Ich habe beim schreiben gemerkt, dass ich eigentlich gar keine Ahnung habe, wie man so eine Arbeit schreibt (was lustig ist, weil es ein Teil meines Jobs ist Leuten zu erklären wie man so eine Arbeit schreibt). Also natürlich gibt es Methoden usw., man macht sich Notizen und eine Outline die dann gefüllt wird, aber es kann einem ja niemand erklären, wie letztendlich ein zusammenhängender Text entsteht. Am Ende muss man eben einfach schreiben, das wie des Schreibens rückt dabei irgendwie in den Hintergrund. Dass so ein Text ganz anders entstehen muss als das hier ist auch klar, man hat und unterliegt ja schon einem Anspruch (nicht dass ich hier frei von allen Ansprüchen wäre, aber das ist ja das Ziel – sich frei zu machen von Ansprüchen).

Beim Schreiben der Arbeit sind mir ein paar Sachen eingefallen, die ich nicht wirklich thematisieren konnte oder wollte, vielleicht ist hier der Raum in dem ich auf einiges davon eingehen kann.

Es geht ja ums Oligoptikum bzw. die Oligoptiken von Latour, also um Akteure, die andere Akteure sehen. Ganz zentral ist dabei – deswegen OLIGO – dass nur wenige andere Akteure gesehen werden. Ich weiß nicht, ob das bei Latour irgendwo thematisiert wird, aber es gehört auf jeden Fall zum Weltstimmungsgehalt seiner Theorie, dass "alles mit allem verbunden ist". Und insbesondere im Bezug auf die Texte zur politischen Ökologie scheint Latour häufig genau so gelesen zu werden.

Genau das gehört ja auch zur Kritik an Latour. Nassehi schreibt zum Beispiel, dass man, wenn tatsächlich alles irgendwie miteinander verbunden sei, gar nicht mehr so genau hinsehen muss, wie es konkret aussieht.

Aber was ich mich frage ist ob Latour tatsächlich glaubt, dass alles mit allem verbunden ist?, dass also jede Entität in einer Verbindung mit allen anderen Entitäten steht? Bei Whitehead ist es ja tatsächlich so, dass jede aktuelle Entität alle anderen in sich einschließt wie so eine Art Monade. Aber Latour spricht nicht über aktuelle Entitäten, die grundlegendste Einheit (oder Differenz) ist für ihn ein Akteur, dessen Äquivalent man bei Whitehead am ehesten in den Nexūs finden kann.

Das Bild, das entsteht, wenn man die Idee der Interkonnektion von allem mit allem und Latours sprechen über die Oligoptiken verbindet ist ungefähr das, was sich auf coolguy.website findet:

Network that shows that not everything is interconnected, text below it that says everything is deeply intertwingled

Das ist natürlich lustig, weil eben überhaupt nicht alles mit allem Verbunden ist, sondern einiges mit einigem anderen. Sicher gibt es hier einen Weg von einem Element zu einem anderen, aber totale Interkonnektion sieht anders aus.

Das Bild einer Welt, in der alles mit allem Verbunden ist hat natürlich seinen Nutzen, besonders wenn – zum Beispiel aus Gründen der Klimakrise – permanent auffällt, dass es Abhängigkeiten gibt, die bisher unklar waren. Aber ich kann der inkonoklastischen Geste nicht widerstehen).

Aber erstens muss ein Zusammenhang von A mit B nicht bedeuten, dass A direkt auf B wirkt, das Zusammenhängen kann ja einen Umweg nehmen über C. Und zweitens gibt es ja auch sehr viele Beispiele für das, was Luhmann Interdependenzunterbrechungen nennt.

Draußen regnet es zum Beispiel gerade, aber ich werde nicht Nass, weil ich in einer Wohnung sitze, die zu dem Zweck errichtet wurde, meine Dependenz mit der Umwelt zu unterbrechen. Und neben mir steht (das ist eine Lüge, ich habe nur Durst und davon kommt der Gedanke) ein Glas Wasser, dessen Glasigkeit verhindert, dass sich das Wasser über meinen Schreibtisch ergießt. Und in Demokratien gab es Antikorruptionsgesetzgebung, die verhindern sollte, dass Politik zu sehr von der Wirtschaft abhängig wird.

Und irgendwann gab es Werkzeuge, die nur eine Aufgabe hatten, sodass man mit ihnen diese Aufgabe erledigen kann (ich schreibe diesen Satz nach einer einstündigen Schreibpause die durch einen falschen Klick (auf den Browser) ausgelöst wurde).

Ablenkung ist eigentlich ein schönes Beispiel für das, was ich meine. Wenn wir wirklich von allem abhängig wären, würde uns dann nicht alles gleichermaßen ablenken? Whitehead löst das durch den Begriff der Importance, es gibt sozusagen stärkere und schwächere Verbindungen, aber in dieser Graduierung liegt ja schon ein Zugeständnis an alle, die davon ausgehen, dass nicht alles mit allem Verbunden ist oder sein kann. Jedenfalls lenkt uns nicht alles gleichermaßen ab, verschiedene Phänomene (wenn man das so nennen kann) binden Aufmerksamkeit unterschiedlich stark.

Das kann man sicher aus der Koevolution von Bewusstsein und Gehirn erklären und aus der Anpassung des menschlichen Tieres an irgendeine vorsteinzeitliche Umwelt, aber der phänomenologische Aspekt interessiert mich gerade mehr. Was lenkt uns wie ab? Wieso spricht man überhaupt vom ablenken, als würde man einen Weg verlassen? Was soll das mit den Wegen überhaupt (das begegnet mit heute schon zum wiederholten Mal, H. hat mich heute auf den Begriff des hodologischen Raumes hingewiesen).

Aufmerksamkeit scheint, das legt jedenfalls dieses sprachliche Feld nahe, auf bestimmten Wegen zu verlaufen. Aufmerksamkeit wird auf etwas gerichtet, und im besten Fall bleibt sie so lang darauf gerichtet, bis sie auf etwas anderes gerichtet werden kann. Auch das Aufmerksamkeit hier etwas vom "Subjekt" unterschiedenes ist, ist ja komisch. Das Subjekt hat Aufmerksamkeit, wenn es aufmerksam ist. Die Aufmerksamkeit scheint so eine Art Vehikel zu sein, die mich an einen bestimmten Ort bringt – an den Ort, auf den sie gerichtet ist.

Für Interfaces funktioniert diese Metapher ganz hervorragend. Ich klicke auf einer Website dahin, worauf meine Aufmerksamkeit gerichtet wird. Dass mir die Designer meine Aufmerksamkeit gewissermaßen entreißen ist vielleicht problematisch, auf der anderen Seite ermöglicht gerade diese Leitfähigkeit, Räume (oder Bahnen) zu gestalten, denen die Aufmerksamkeit nicht entkommt, in denen sie gehalten wird und vor ungewollten Verbindungen geschützt.

Mir ist gerade das Bild eines Pferdes auf einer Weide in den Sinn gekommen und ich wusste kurz nicht wieso, aber es liegt an enclose.horse – einem dummen kleinen Browserspiel, dem man sehr viel Aufmerksamkeit schenken kann.

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