Der Zorn und seine Banken
Die folgenden Sätze wurden schnell geschrieben und nicht auf Sinn und Wahrheit überprüft. Die Frequenz der Posts nimmt ein bisschen ab in den letzten Tagen, ich habe (leider) auch anderes zu tun. [13/1000]
Habe gestern – und das verbindet sich ganz gut mit dem letzten Post – Sloterdijks Begriff der Zornbank gefunden. In "Zorn und Zeit" stellt er die Frage, ob es für kollektive Empörung eine "ansparbare und renditefähige" Form geben kann, eine Zornbank eben. Gemeint sind damit Organisationen wie Parteien und Gewerkschaften, die Ärger produktiv wenden.
Vielleicht ist der Ärger über Austerität und Sozialabbau ein gutes Beispiel für den Zorn, der in der Partei die Linke angelegt wird – das erklärt oder beschreibt ja die endlos steigenden Mitgliederzahlen der Partei in den letzten Jahren, und vielleicht tut es das sogar besser als die Faszination mit Heidi Reichineck.
Und natürlich kann man auch den Aufstieg der AfD über ihre Funktion als Zornbank erklären, und auch hier eher als mit der Faszination mit einzelnen Politikern. Ich habe nämlich das Gefühl (und es ist wirklich nur ein Gefühl), dass Personalisierung und Führerkult im neuen deutschen Rechtsextremismus wenig Bedeutung haben, sicher gibt es dort ein paar Persönlichkeiten, die ihre Fans haben (Weidel, Chrupalla, Höcke natürlich, und Maximilian Krah war ja auch so ein Charakter), aber erstens ist das nicht wirklich ein Abgrenzungsmerkmal zu anderen Parteien (Gysi und Reichineck bei den Linken, Habeck bei den Grünen, Merkel bei der CDU, Martin Schulz bei der SPD (ich erinnere mich noch sehr gut daran wie mich ich 2017 im Politikunterricht meiner rechtsradikalen (konservativen) Lehrerin gegenüber Verteidigen musste, weil ich so etwas wie Sympathie für den Schulzzug geäußert hatte)) – die Sportifizierung von Politik macht vor keiner Partei halt.
Der Begriff der Zornbank als Struktur der Anlage von Ärger verkennt aber (vielleicht), dass die Akteure, die sich so beschreiben lassen, nicht passiv sind, sondern aktiv in das Marktgeschehen eingreifen. Man müsste sich zum Beispiel Fragen, ob Zornbanken nicht ihre Zinspolitiken verändern könnten, sodass manche mehr Rendite abwerfen als andere. Nur damit kann man ja erklären, warum bestimmte Parteien effektivere (das heißt renditestärkere) Zornbanken sind als andere. Der Ärger, den Personen in die AfD investieren muss sich ja irgendwie rechnen – die These vom Faschismus als Lustgewinn könnte da weiterhelfen, denn materielle Verbesserungen erreicht die AfD für ihre Wählergruppen ja nicht, und offensichtlich führt auch die Umsetzung ihrer Wünsche nicht dazu, dass andere Parteien gewählt werden. Andererseits: warum sollte man seine Bank wechseln, wenn es so hohe Zinsen gibt?
Darüberhinaus, darum ging es in dem Post über "Unzufriedenheitsmaxxing", erzeugen die Zornbanken ihre Nachfrage selbst. Der Zorn, der nachher in die Bank investiert wird, wird vorher von ihr produziert. Das ist ein bisschen, als würde nicht eine Zentralbank, sondern alle anderen die Geldmenge steuern. Kann man sich eine Inflation des Zorns vorstellen?
Vielleicht ist das auch so ein Problem, dass durch das Internet entsteht. Dass auf einmal deutlich mehr Zorn gedruckt wird (dass die Nutzung von Social Media zu Unzufriedenheit führt, ist ja sehr deutlich), sodass ein Aufreger sozusagen deutlich weniger Wert hat. Das sieht man ja ganz gut am Erleben der zweiten Amtszeit von Trump – wenn jeden Tag ein neuer Skandal passiert, sticht das einzelne bald Ereignis deutlich seltener aus dem Strom heraus. Man stumpft ab, die Selektivität für Skandale steigt.
Man gerät dann in ein Feedback-Loop, in dem jeder weitere Skandal weniger Bedeutung hat, sodass die, die Unzufriedenheit generieren, immer größere, bessere, mehr-Ärger-erzeugende Ereignisse brauchen, um überhaupt noch eine Wirkung zu erzeugen. Dass man dann beobachten kann, dass die Zahl der Skandale mit jeder US-Regierung zunimmt und dass einiges von dem, was vor 10 oder 20 Jahren als Skandal galt (Obama im beigen Anzug, zum Beispiel) heute völlig irrelevant wäre (obwohl man sich da auch Fragen muss, ob es nicht einen Einfluss hatte, dass Obama schwarz und ein Demokrat ist).
Und ich habe gestern oder vorgestern noch ein Konzept gefunden, dass irgendwie (auch) in den Themenbereich "Zorn" fällt. Havelock bemerkt, dass Achill in der Ilias nie dazu kommt, seinen Zorn zu hinterfragen, sondern ihn einfach auslebt. Es gibt keinen Moment des Innehaltens und der Reflexion. Die bei Havelock damit verbundene These ist, dass das Denken erst durch die Schrift möglich word, und dass die Ilias eben in einer noch maßgeblich oralen Situation entsteht.
Und die natürlich dazugehörende Frage (die sich mir bisher nie gestellt hat) ist, wie sich Menschen erleben, bevor es die Schrift gibt. Man könnte sich dazu Kinder anschauen, die noch nicht lesen und schreiben können – aber denen die Fähigkeit zur Reflexion abzusprechen ist seltsam, und sie wachsen ja in einer Gesellschaft auf, in der sie (noch?) von schreibenden, also (mit Havelock) reflektierenden Personen umgeben sind. Es bleibt deswegen nur historische Forschung und Theorie – enter Jaynes und die These der bikameralen Mentalität. Das scheint hier nicht wirklich in Verbindung zu stehen mit der These, dass das Denken die Schrift voraussetzt, aber es passt hervorragend zur These von Havelock (und von Bruno Snell, der auch schreibt, dass es in der homerischen Psychologie kein Selbstbewusstsein gibt). Jaynes scheint wirklich psychologisch, also medizinisch zu argumentieren, dass frühe Menschen ihre Gefühle und Gedanken nicht als innerlich, sondern als extern gegeben erleben. Das Bewusstsein hat (und das passt natürlich ganz gut auf alles, das mit der Abgleichung von Gehirnarealen und bestimmten Funktionen zu tun hat) eine Struktur, bei der ein (vermeintlich) externer Teil des Bewusstseins befiehlt, während der interne Teil gehorcht. Diese bikamerale Struktur bricht 2000 BCE zusammen, weil sich das Bewusstsein an neue soziale Komplexität anpassen muss, und da liegt es nahe, dass religiöse Praktiken wie Gebete, Orakel usw. entstehen, um weiter die externen Stimmen hören zu können, die jetzt nicht mehr da sind. Die These, dass irgendwann in dieser Zeit die Götter verschwinden, gibt es ja schon länger.
Historisch passt das ganz gut in die Zeit der Entstehung der Schrift: 3300 BCE entwickeln die Sumerer ihre Piktogramme, ab 2000 BCE gibt es diese akkadische Keilschrift, die Schreiben in unserem Sinn ermöglicht.
Dass auf diese Weise reflexives Denken und Selbstbewusstsein entsteh ist eine steile These, leichter verdaulich (und leichter zu zeigen?) ist vielleicht die soziale Bewegung von der Zurechnung von Handlungen und ihrer Motivation auf ein Außen (also Götter, Geister und Dämonen) auf ein Innen, solche Einrichtungen wie die Seele oder, moderner, eben das Bewusstsein. Und von hier aus kann man das Verhältnis von Medien, Bewusstsein und Gesellschaft immernoch als koevolutiv verstehen – aber das setzt nicht eine Psychoanalyse von Menschen vorraus, die vor 4000 Jahren gestorben sind. Man steht immer in einem quasi-touristischen Verhältnis zur Vergangenheit, schreibt Luhmann irgendwo.