Überlegungen zum Golem
Nicht ganz 1000 schnelle Wörter zum Golem, irgendwie.
Hatte fast schon wieder vergessen dass es ja eine Methode gibt, in der man sich nicht anstrengen muss um seine Gedanken in Worte zu formen sondern einfach die Kontrolle über den Gedanken abgeben kann an die Hand, das Schreiben sozusagen zu einem manuellem Prozess machen (wenn auch zu keinem analogen, auf Tastaturen schreiben kommt mir sehr digital vor …). Der Golem beschäftigt mich, vielleicht so sehr, dass er Gegenstand einer zukünftigen Arbeit werden könnte, meine Frage war irgendwann mal sein Verhältnis zum Roboter, die Frage nach seinem Verhältnis zum Cyborg erscheint mir aber zunächst als beantwortbarer.
Der Cyborg, das nehme ich, ohne mich an Hayles oder Harroway zu erinnern, war einmal ein Mensch, jedenfalls etwas Lebendiges, der oder das jetzt Maschine oder jedenfalls maschinischer wird, es geht um das anorganisch-werden eines Organischen oder um einen Prozess der Selbstamputation, vielleicht um ein dividuieren des Individuums, dessen Körper sich in einer Reihe von (Informations-)Strömen auflöst, schmilzt. Mark Fisher, auf den ich später zurückkomme, spricht von einer Implosion der Subjektivität, es ist an einem bestimmten Punkt nicht mehr möglich, dem Subjekt noch Subjektivität zuzuschreiben, es bildet sich eine agency-without-subject(ivity).
Der Golem ist dem gegenüber ein unbelebtes, anorganisches – ein Haufen Lehm, der durch Magie belebt und irgendwie Menschlich wird. Er wird von jemandem geschaffen – seinem Herrn, dem er dann dienen muss, die Geschichten über den Golem enden fast immer im Kontrollverlust des Herrn über seinen Sklaven, der ja nicht einmal Sklave ist sondern Maschine, die durch ihren Amok seltsamer Weise trotzdem Anerkennung einzufordern scheint. Subjektivität oder Subjektheit implodiert hier nicht, sie wird stattdessen ausgedehnt und auf ein Objekt, sie explodiert (ich denke auch an Whitehead, bei dem die Subjektivität dann plötzlich überall ist) …
In seiner Dissertation schreibt Fisher über flatline constructs, Figuren also, die sich auf einer Ebene befinden, "where it is no longer possible to differentiate the animate from the inanimate and where to have agency is not necessarily to be alive". Beispiel dafür ist ausdrücklich auch der Golem, in dessen Angesicht es unmöglich werde, zwischen Subjekt und Objekt zu unterscheiden, "[t]here is a dispersal of subjectivity onto an indifferent plane that is simultaneously too distant and too intimate to be apprehended as anything objective."
Während der Golem und Frankensteins Monster – Figuren, die ich als Golem bezeichnen würde – den Ausgangspunkt der Überlegungen Fisher bilden, sind die Beispiele, die sich nachher durch seine Arbeit ziehen eher auf der Seite der Cyborgs zu verorten. Neuromancer ist geprägt von Menschen, die maschinisch werden – Case, der im Cyberspace als eine Art Körper ohne Organe fungiert oder die Prositutierten, die ihr Bewusstsein per Schalter von ihrem Körper trennen können. Und für Fisher scheint auch klar, dass den KIs in Neuromancer nicht der Status von Subjekten zukommt.
In accordance with Deleuze-Guattari’s discussion of the true function of the proper name, Wintermute is the name of the escape, not of a quasi-animate subject. “The proper name does not indicate a subject; nor does a noun take on the value of a proper name as a function of a form or a species. (133)
Das Problem wird dann durch eine Kybernetisierung von Fiktion gelöst. Der Subjektstatus der KI ist fiktiv, aber "fiction begins to affect, rather than simply reflect, the Real. This feedback circuit means the end of fiction as mirror, the end of realism in its mimetic mode". (138) Das Subjekt kann so schließlich immer schon Fiktion gewesen sein, da es aber als Subjekt beschrieben werden kann, kann es auch als Subjekt wirksam werden. Für diese Position – die ich oben den Golem genannt habe – führt Fisher dann den Begriff des Dämonischen ein.
[C]ybernetic systems simulate conscious function without possessing it. The term “demonic” suggests both this possibility of agency-without-subjectivity and hints at the power of metamorphic becoming proper to entities of simulation. (168)
Was Fisher letztendlich versucht ist nicht, aus der Kybernetik eine Form des Animismus zu machen, sondern eben die Frage der Belebtheit von der Frage der Handlungsfähigkeit zu trennen. "Agency can be distributed across a plane that is indifferent to life". (172) Die Unterscheidung von Subjekt und Objekt wird hier nutzlos, eben weil sie Belebtheit und Handlungsfähigkeit in das Subjekt verortet und muss ausgetauscht werden.
Wenn man sich für die Kommunikation von Mensch und Maschine interessiert – eine Kommunikation, die trotz allem ja von der Semantik (vom semantischen Überhang?) des Subjekts geprägt ist – muss man vielleicht einen anderen Weg gehen. Beobachten lässt sich hier ja gerade nicht eine Implosion von Subjektivität, sondern ihre Explosion. Nicht die Einschränkung von Subjektivität durch Immanentisierung in den Körper und dann Zurückdrängung ins Gehirn (oder bestimmte Teile des Gehirns, oder – in Altered Carbon – in technische Artefakte), sondern die Ausweitung von Subjektivität (der Position sprachlicher Subjekte, von Enunziatoren …) auf etwas, das als unbelebt gilt, ist das Problem.
Die Frage nach der Subjektivität des Golems steht insofern vielleicht Quer zum Projekt Fishers, der eben von einer Dynamik der Desubjektivierung ausgeht. Aber wie der Autor nach seinem Tod wieder Auferstanden und als Funktion im Text zurückgekehrt ist, wird eben auch das Subjekt nach seinem Tod zurückkehren und seine Position als Funktion in der Kommunikation einnehmen, mindestens. Man könnte vielleicht versuchen, den Golem selbst als flatline construct zu beschreiben, also den Weg nicht vom Organischen zum Anorganischen, sondern vom Anorganischen zum Organischen zu nehmen und dabei tatsächlich von einem "dispersal of subjectivity onto an indifferent plane that is simultaneously too distant and too intimate to be apprehended as anything objective" (4) auszugehen.