Unwissen

Körper und Memes

[10/1000] sind schon 1% … Ich unterbreche hierfür mein Youtube schauen und Balatro spielen!


Gestern noch über Baudrillard und den Sport geschrieben, heute waren wir im Trampolinpark. Es war spaßig für die ersten 30 Minuten, dann bin ich mit meinem Arm gegen irgendeine Wand gekommen (tut immer noch weh) und die Erschöpfung ist so langsam eingetreten (wir hatten für 90 bezahlt, die natürlich genutzt werden mussten). Jetzt (4 Stunden später) habe ich Muskelkater an Stellen, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt.

Ich weiß nicht, ob die Geneaologie des Trampolins seine Nutzung als Folterinstrument beinhaltet, jedenfalls am Anfang konnte man aber fast vergessen, dass es sich bei dem, was man da tut, um Sport handelt. Der Spaß kommt einher mit hohen Kosten (19€ für 90 Minuten!) und hohem Verletzungsrisiko, aber immerhin hasst man sich nur danach und nicht währenddessen.

Ich hatte mir für heute ein Thema vorgenommen, dass mir aber nicht mehr einfällt, deswegen bleibe ich vielleicht einfach beim Körper. Ich denke da (warum eigentlich?) an die Praxistheorie in der Beschreibung von Nassehi: Am Körper werden soziale Konstellationen sichtbar, weshalb in Beschreibungen dann auf den Körper abstrahiert werden kann. Die soziale Ordnung wird sozusagen am Körper sichtbar, blöd ist nur, dass unklar bleibt, ob diese Ordnung nicht vielleicht mehr ist als Körper.

Mit Latour müsste man das verneinen, so eine Unterscheidung wie die von Gesellschaftsstruktur und Semantik währe für ihn komplett unverständlich. Im Akteur-Netzwerk ist die Struktur die (numerische) Verteilung der Relationen, sonst gar nichts. Obwohl ja auch der Strukturbegriff von Luhmann nichts meint, dass irgendwie über den Dingen schwebt, sondern Selektionen, die Anschlüsse an ein Element (hier an eine Kommunikation) beschränken, oder anders Gesagt die Koordinierung von Kommunikationen durch Kommunikation. Es gibt ja auch hier keine Ebenen, jede Kommunikation ist gleichzeitig Mikro- und Makrophänomen, also strukturiert und strukturierend. Die Unterscheidung von Gesellschaftstruktur und Semantik muss in diesem Sinne vielleicht Verstanden werden als Unterscheidung von Hinsichten auf Kommunikation, nämlich einmal hinsichtlich ihrer Verteilung (Gesellschaftsstruktur) und einmal hinsichtlich ihres Inhalts (Semantik). Vielleicht kann man Finks Unterscheidung von Operativ und Thematisch irgendwie damit verbinden?

Dass die Soziologie sich für Körper interessiert erklärt Nassehi jedenfalls damit, dass unsere Sehgewohnheiten heute stark auf Körper ausgerichtet sind – und nicht mehr, wie noch vor 50 oder 100 Jahren – auf in Romanen und Zeitungen (man könnte sagen, in Texten) vermittelte Motive. Die Systemtheorie hat gegenüber solchen Beobachtungen, die auf Körper oder auf Motive gerichtet sind, natürlich den Vorteil der Beobachtung zweiter Ordnung. Man kann Körper und Motive ganz leicht in seine Beobachtungen einbeziehen, indem man ihre Beobachtung beobachtet, und man dürfte so deutlich mehr sehen (nämlich auch, was der beobachtete Beobachter nicht sieht), als wenn man versucht, Körper und Motive direkt zu beobachten.

Apropos zweite Ordnung. Ich hatte schon vor einiger Zeit mal den Gedanken der Ideologie zweiter Ordnung, als ich mich gefragt habe, ob die aktuelle faschistische Bewegung, wenn man sie faschistisch und/oder Bewegung nennen will, an etwas glaubt, und an was. Meine Idee war eigentlich nur, dass die Realität hier gar nicht (nur) durch das Schema einer Ideologie betrachtet wird, sondern dass (erstmal) beobachtet wird, wie andere Beobachten.

Vielleicht ist das Meme ein gutes Beispiel dafür – man sieht, wie jemand (die Erstellerin des Memes) die Welt beobachtet. Im Gegensatz zu Bildern kann man das Meme nicht mit der Realität verwechseln, weil ja sofort klar ist, dass das Gezeigte einer Schematisierung oder einer Unterscheidung folgt, die durch das Meme selbst eingeführt wurde. Darum geht es auch in diesem Post von "How to do things with Memes": "Every meme is about looking at other people’s looking". Das heißt aber nicht (wie dort behauptet wird), dass Memes eine Ästhetisierung von digitaler Überwachung sind, denn nicht jedes Beobachten ist ein Überwachen.

Das Meme ist also eine Beobachtung (eine Bebilderung könnte man vielleicht sagen, im Gegensatz zu Luhmanns Begriff der Beschreibung, der genutzt wird, wenn Texte zu einer Beobachtung angefertigt werden), die ihrerseits beobachtet wird. Die dadurch entstehende Distanz ermöglicht bei Luhmann immer das Beobachten auch dessen, was der beobachtete Beobachter nicht sieht, aber im Fall des Memes drängt sich das verwendete Schema auch dem beobachtenden Beobachter auf, man übernimmt die Beobachtungsweise des Memes. Vielleicht ist das die Funktion des Memes als soziale Technologie? Dass es allein durch seine Form Formen anschlussfähig macht. Es fordert nicht nur auf, seine Beobachtung zu beobachten, sondern auch, seine Beobachtungsweise zu übernehmen (das sollte deutlich geworden sein jetzt, aber bis (m)ein Baum fällt, muss man in die selbe Kerbe schlagen).

Ideologien zweiter Ordnung jedenfalls würden sich eben bilden, wenn beobachtet wird, wie andere Beobachten, und wenn diese anderen Beobachtungen oder Beobachtungsweisen übernommen werden. Vielleicht ist das ein zu komplizierter Ausdruck dafür, dass ich glaube, dass sich die Leute einfach nachreden und dabei in so einer Art Feedback-Loop immer weiter "radikalisieren".

Ist diese Beschreibung des Memes nicht einfach die Idee des Erfolgsmediums oder symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums? Das Meme muss doch als Medium konzipiert werden können, dass die Annahmewahrscheinlichkeit von Kommunikation erhöht! Oder ist das der Humor? Aber Memes müssen ja nicht lustig sein, damit sie erfolgreich sind. Und man müsste sich überlegen, ob das Meme auch Verbreitungsmedium ist. Denn es schließt ja fast immer verschiedene Wahrnehmungsmodi ein, und es hat im Gegensatz zu anderen Formen deutliche Vorteile, was seine Verbreitungsfähigkeit auf algorithmisch kuratierten Plattformen angeht.

Vielleicht ist das Meme eine Errungenschaft, die mit dem Problem umgeht, dass im Internet noch weniger als in klassischen Medien vorhersehbar ist, wie Informationen rezipiert werden? Hier wird ja durch die Form (durchaus im Sinne Spencer-Browns) des Memes vorgegeben, wie die Mitteilung verstanden werden soll. Das wäre jedenfalls eine Aufgabe, der ich mich nach der BA (und der Hausarbeit, die ich noch schreiben muss) widmen könnte – einen Begriff des Memes auf der Basis der luhmannschen Kommunikationstheorie zu formulieren.

Vielleicht noch kurz zurück zur Frage der Ideologie zweiter Ordnung und des Verhältnisses von Meme und Faschismus oder alt right, das natürlich bestens untersucht ist (ich denke an das Buch von Simon Strick über rechte Gefühle): Florian Cramer nennt die alt right jedenfalls ein tangle von semi-kompatiblen ideologischen Formationen, das sich um eine Memes-produzierende Maschine organisiert und nicht politisch, aber ästhetisch kohärent ist.

#wordvomit