Drei Vergleiche
Heute 1000 sehr wirre und unangenehm persönliche, pathetische Worte. Und ich habe (mal wieder) das Theme der Website geupdated! [9/1000]
Es tut mir jedenfalls nicht nicht weh, zu sehen, wie Leute mit denen ich in die Schule gegangen bin ihre Staatsexamen machen oder Kinder bekommen oder das große Geld verdienen. Nicht dass ich ein Staatsexamen machen wollen würde oder Kinder bekommen oder Geld verdienen, aber irgendwie stellt sich ja doch das Gefühl ein, man würde irgendwie hinter her hängen. Seit wie vielen Monaten werde ich nicht fertig mit meiner Bachelorarbeit?
Andererseits bin ich wahrscheinlich der einzige aus meinem Jahrgang, der Differenz und Wiederholung (jedenfalls ein bisschen) gelesen hat. Und ich wollte ja nie etwas anderes, nie mehr. Das ist vielleicht auch ein Problem, dass ich sehr zufrieden bin, damit wie es ist und läuft, obwohl alle erwarten, dass ich nicht zufrieden bin. Man muss so ein Studium, so scheint es mir, schnellstmöglich beenden wollen. Man darf diesen Limbo, in dem man sich währenddessen befindet, nicht genießen. Dann ist man nämlich faul und liegt dem Steuerzahler auf der Tasche, aber das hatte ich alles schon. Und natürlich ist das irgendwie eine prekäre Lage, natürlich ist am Ende des Monats immer zu wenig Geld da … aber wenn diese Prekarität bedeutet, dass ich machen kann, was ich will – Lesen und Schreiben, vor allem – dann ist es mir das Wert.
Aber es ist natürlich fragwürdig, wie lange sich so etwas aushalten kann, irgendwie will ich ja irgendwann meinen Lebensunterhalt verdienen, und so ein akademischer Titel wird dabei auch nicht stören. Die Leute fragen mich immer, was ich danach – also nach dem Studium, nach dem Master usw. – machen will, und meistens fällt mir gar nicht schnell genug eine Lüge ein, und dann sagt man natürlich so etwas wie Promovieren, obwohl man noch nicht mal seine BA abgegeben hat, aber eigentlich meint man eben, dass man gar nichts machen will danach, oder jedenfalls nichts anderes. Google, was sind Jobs in denen ich lesen kann und schreiben was ich will (das ist wahrscheinlich auch nicht zu unterschätzen) und richtig gut bezahlt werde? Feuilletonist müsste man sein, da ist es auch nicht schlimm, irgendwelchen Quatsch zu schreiben. Und dann kann man sich Polemiker nennen und die Leute nehmen einem auch die schlechten Argumente nicht mehr übel, aber dazu fehlt es mir wahrscheinlich an Witz.
Das sind auch Gedanken, die man besser verdrängt, wahrscheinlich. Der Klimawandel oder die KI-Katastrophe sollen sich mal ein bisschen beschleunigen, damit niemand irgendetwas von mir verlangen kann. Frage mich auch, wie viel davon wirklich mein Wunsch ist und wie viel einfach Faulheit, und wie viel Depression. Also nicht, dass ich Depressionen hätte, jedenfalls ist heute nicht der Tag, sich sowas einzugestehen.
ABER heute ist der Tag, an dem die USA Geburtstag haben. So richtig traut man sich ja nicht, ihr (eher ihnen) zu gratulieren. Da kommt ja sofort der Verdacht auf, man würde sich mit etwas schlechtem gemein machen – dem Siedlerkolonialismus oder der Sklaverei oder dem Faschismus usw. Aber ich meine nicht die USA als Staat, wie sie heute existieren, sondern eher die Idee Amerika, das siderische Amerika.
Am Anfang von "The Brutalist" (2025) gibt es eine Szene, in der der Protagonist durch den Bauch eines Schiffes rennt und dann aus einer Tür tritt und auf die Freiheitsstatue schaut, die auf dem Kopf steht. Das ist vielleicht kitischig, aber wenn man bedenkt, dass das kein amerikanischer Film ist, sondern ein ungarischer, dann kann man eigentlich nicht zynisch sein. Im Angesicht der Freiheitsstatue zynisch sein, das können nur Amerikaner. Natürlich berührt es mich, wenn eine 100 Meter große Frau aus Bronze sagt:
Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tossed to me:
I lift my lamp beside the golden door.
Und es macht es nicht besser (oder schlechter), dass die Rückseite des ganzen amerikanischen (vielleicht des modernen) Projektes aktuell so präsent ist.
Aus dem Amerika-Buch von Baudrillard ist mir – abgesehen von der Stellen über die Wüste, die nur so halb verstanden habe – vor allem der kleine Rant übers Jogging in Erinnerung geblieben (das heißt, es gibt eine Notiz darüber). Die Frage, die Baudrillard in diesem Zusammenhang aufruft finde ich durchaus nachvollziehbar, auch im Zusammenhang mit der gerade angesprochenen Rückseite: "Kann man von freiwilligem Leiden wie von freiwilliger Knechtschaft sprechen?" Man kann.
Was der Einsiedler im 3. Jahrhundert doch Entbehrung und stolze Bewegungslosigkeit zu erreichen suchte, dahin will er [der Jogger] durch muskuläre Auszehrung des Körpers gelangen. In seiner Selbstgeißelung ist er der Bruder derer, die sich in den Bodybuilingshallen auf komplizierten Vorrichtungen mit verchromten Rädern und erschreckenden medizinischen Prothesen bewusst erschöpfen. Es führt eine direkte Linie von den mittelalterlichen Folterinstrumenten zu den modernen Fließbandgesten und von da zu den Techniken der Körperwiederaufbereitung mit Hilfe mechanischer Prothesen. Wie Diätik, Bodybuilding und vieles andere mehr ist Jogging eine neue Form freiwilliger Knechtschaft (auch eine neue Form von Ehebruch).
Das werde ich L. das nächste Mal erzählen, wenn sie mit mir laufen gehen will. Es ist natürlich sehr praktisch, dass das Laufen hier gemeinsam mit der Diätik und dem Bodybuilding aufgezählt wird, um dem Körperkult unserer Zeit nahezukommen fehlt hier eigentlich nur noch das Fahrrad fahren. Baudrillard scheint sich völlig klar zu sein, dass Sport eine Form von Selbstmord ist, dass aus diesen Formen der Betätigung (die sich ja stark von anderen, gemeinschaftlicheren Sportarten unterscheiden) der Todestrieb spricht.
Aber interessant ist natürlich, dass viele Läufer ja gar nicht sterben wollen, sondern etwas für ihre Gesundheit tun. Es geht dann gerade um die Verlängerung des eigenen Lebens, und man kann sich natürlich fragen, ob dieses Kalkül aufgeht, ob man wirklich Lebensqualität oder wenigstens Lebenszeit gewinnt, in dem man Lebenqualität und Lebenszeit opfert – aber diese Frage scheint ja völlig geklärt.
Wie dem auch sei – ob man einem Schönheitsideal folgt oder dem Ideal des gesunden Körpers – man macht sich diesem Ideal untertan. Stellt sich nur die Frage, ob man sich selbst unterwerfen kann? Ich weiß nicht, was Freud sagen würde. Das Ich orientiert sich nur am Über-Ich, das Es kann es (also das Ich) ohnehin nicht kontrollieren.
Aber man unterwirft sich ja sowieso nicht nur sich selbst. Die Ideale von Schönheit und Gesundheit sind internalisiert. Hat schonmal jemand das Schön-werden untersucht als Prozess der Selbstdisziplinierung?
So durcheinander war bisher noch kein Schwall, glaube ich. Weiß nicht, ob ich das Ende an den Anfang oder wenigstens an den Geburtstagsgruß zurückbinden kann? Faschismus wäre möglich, oder etwas über Ideale. Aber wie Vergleichbar sind Schönheitsideale mit den Idealen von Offenheit und Menschlichkeit? Oder ist die Vergleichbarkeit das Thema dieses Posts? In diesem unangenehm persönlichen Teil oben geht es um die Frage des Vergleichs von mir, meinen Wünschen und anderen (und deren Wünsche für mich). Dann geht es um den Vergleich des siderischen Amerikas mit dem realen. Und dann geht es um Sport und Schönheit, auch Bereiche, die ohne Vergleich nicht auskommen.
Gut, dass ich wenigstens DAS klären konnte.