Komplexitäten
Heute wird es, wenn nicht komplex, doch ziemlich abstrakt. Trotzdem sind alle Angaben ohne Gewähr. [25/1000]
Habe am Dienstag beschlossen, dass ich mal über Komplexität schreiben sollte, und gestern dachte ich, dass diese Übung hier ganz gut geeignet sein könnte, um mich warm zu machen für die BA. Dass es dort auch um Komplexität geht, hilft auch.
Der Begriff der Komplexität gewinnt seine Bedeutung in der Systemtheorie erstens, weil er – das hatte ich schon einmal angeschnitten – als Aufgabe der Komplexitätsreduktion an die Stelle des Problems der Bestandsherhaltung tritt, und zweitens weil er (so) zentrales Bezugsproblem der funktionalen Analyse (also der Methode der Systemtheorie) wird.
Mich beschäftigt – weil mein Verständnis der Komplexität in den letzten Monaten immer wieder kritisiert wurde – momentan vor allem die Frage nach dem Verhältnis von Komplexitätsreduktion und Abstraktion. Ich beginne mit einer kurzen Bestimmung des Begriffs der Komplexität und der Komplexitätsreduktion (natürlich bei Luhmann), um danach zu zeigen, dass der whiteheadsche Begriff der Abstraktion (mit dem meine Kritikerinnen, liebe Grüße, zu operieren meinen) im Begriff der Komplexitätsreduktion aufgeht.
Luhmann geht von der Notwendigkeit der Komplexitätsreduktion aus. Das Argument für diese Notwendigkeit ist zunächst ein mathematisches – wenn die Anzahl der Elemente in einem System eine gewisse Größenordnung erreicht, kann nicht mehr jedes Element mit jedem anderen Element in ein Verhältnis gesetzt werden. Absolute Interdependenz von allem mit allem ist unmöglich, es gibt einen Möglichkeitsüberschuss, der sich als Zwang zur Selektion äußert.
Im Gehirn zum Beispiel ist es schon aus Platzgründen nicht möglich, dass jedes Neuron mit jedem anderen verbunden wird, es muss eine Entscheidung darüber getroffen werden (egal wie und aus welchen Gründen diese Entscheidung getroffen wird), welches Neuron sich mit welchen Neuronen verbindet. In der Kommunikation gibt es immer mehr Möglichkeiten, auf eine Frage zu Antworten, als realisiert werden kann (meistens Antwortet man ja nur einmal auf eine Frage), und auch hier muss eine Entscheidung getroffen, nämlich eine Antwort selegiert werden.
Der Begriff der Komplexität bezeichnet bei Luhmann nicht nur die Vielzahl der Elemente, sondern die Relation zwischen der Elementmenge und der auf sie bezogenen reduktiven Ordnung. Die Einheit einer Unterscheidung lässt sich komplex nennen, wenn auf einer Seite eine große Menge an Elementen oder Möglichkeiten vorliegt, die auf der anderen Seite reduziert werden muss und wird. Komplexität hat immer die Form der Unterscheidung von zwei Seiten, zwischen denen ein Komplexitätsgefälle besteht.
Daraus folgt, dass die Reduktion von Komplexität ihrerseits (für eine an sie anschließende Unterscheidung) einen Aufbau von Komplexität bedeuten kann. Luhmanns Beispiel ist das Straßennetz, dass Bewegungsmöglichkeiten reduziert, um schnellere Bewegung zu ermöglichen, was Bewegungsmöglichkeiten vergrößert.
Luhmanns Argument für die Notwendigkeit von Komplexitätsreduktion hat zusätzlich eine antropologische Komponente. Die Fähigkeit des Menschen zur Informationsverarbeitung ist – im Vergleich zu Komplexität der Welt – gering, und jedes soziale System muss sich diesem Problem widmen – also Weltkomplexität reduzieren.
Whiteheads "[w]ir können nicht ohne Abstraktionen denken, weil wir sonst in der ungeheuerlichen Komplexität der Welt ertrinken würden" (Science and the Modern World) unterscheidet sich davon nur im Bezugssystem. Michael Schramm fasst Whiteheads Begriff der Abstraktion so zusammen:
Eine Abstraktion ist das Ergebnis des Prozesses einer gedanklichen Rekonstruktion der komplexen Wirklichkeit, in dem von (als unwesentlich erachteten) Merkmalen dieser konkreten Wirklichkeit abgesehen (lat. abstrahere: wegziehen, entfernen) wird.
Was Luhmann als Komplexitätsreduktion beschreibt taucht hier wieder auf. Die Abstraktion hat ebenfalls die Form einer Unterscheidung, zwischen deren Seiten ein Komplexitätsgefälle (also ein Gefälle in der Zahl der Elemente) beseteht.
Für Whitehead ist jede Prehension zugleich eine Abstraktion. Es ist unmöglich, ohne Abstraktionen zu denken – Schramm schreibt an dieser Stelle explitit von Abstraktionen als Komplexitätsreduktionen. Vermutlich ist es diese Verallgemeinerung der Abstraktion, die bei Latour dann zu der Aussage führt,
[n]othing is more complex, multiple, real, palpable, or interesting than anything else.
Unklar ist mir, wie Whitehead – zum Beipsiel in der "fallacy of misplaced concreteness" davon ausgehen kann, dass das Abstrakte mit dem Konkreten verwechselt wird. Denn wenn jede Prehension immer schon Abstraktion ist, gibt es keinen Zugang zum Konkreten.
Näher liegt es vielleicht, den Begriff der Abstraktion für eine spezifische Form der Komplexitätsreduktion vorzubehalten, und über Komplexitätsreduktionen zuersteinmal als reduktive Ordnungen oder Schemata zu sprechen, die nicht nur Prehensionen (also Weltverhältnisse im Sinne des Verhältnisses eines Innen zu einem Außen), sondern auch Strukturbildungsprozesse, die von Wahrnehmung losgelöst konzeptioniert werden können, bestimmen.
Es ist ja durchaus möglich sich verschiedene Formen der reduktiven Ordnung vorzustellen (dass reduktive Ordnungen ihrerseits wieder zum Aufbau von Komplexität beitragen können, hatte ich oben schon angesprochen).
Es wäre zum Beispiel möglich – und das scheint auch Whitehead im Sinn zu haben – dass im Reduktionsprozess bestimmte Eigenschaften oder Relationen zwischen Elementen einfach ausgelassen werden. Latour empfiehlt, Beschreibungen einfach Abzubrechen, wenn die geforderte Manuskriptlänge erreicht ist. Der Forderung nach Komplexitätsreduktion ist damit insofern entsprochen, als Weltkomplexität auf ein Maß reduziert wird (nämlich sozusagen durch Wahl eines Ausschnitts), dass verarbeitbar ist. Aber auch die Beschränkung der Beschreibung auf bestimmte Elemente und Relationen dieses Ausschnitts (wenn ich meinen Bildschirm malen müsste, würde ich nur malen, was ich sehe, nicht, was hinter dem Display oder auf der der Wand zugewandten Seite liegt) gehört zu dieser Form selektiver Wahrnehmung. Diese Art der Reduktion produziert (für sich selbst genommen) noch nichts, was verallgemeinerbar, das heißt auf andere Beobachtungen, Sachverhalte … übertragbar wäre.
Die Möglichkeit der Übertragung, des Erfassens eines Sachverhaltes durch einen anderen Sachverhalt, das bilden eines Begriffs usw. erfordert eine Form der Komplexitätsreduktion, die über bloße Reduktion hinausgeht. Abstraktion ist die Anwendung eines Schemas, könnte man vielleicht sagen. Das heißt, dass ein Akt der Komplexitätsreduktion für einen anderen Sachverhalt nutzbar gemacht wird, dieses nutzbar-machen (ich finde meine Wortwahl völlig inadäquat, aber vielleicht versteht man, was ich meine) könnte man Generalisierung nennen. Es geht darum, ein Schema (man könnte es eine Unterscheidung nennen), mit dem andere Sachverhalte beobachtet werden. Dieses Beobachten durch eine Unterscheidung, die von irgendwo übernommen wird, sozusagen nicht aus dem beobachteten Sachverhalt selbst hervorgeht, wäre dann eine Abstraktion.
So lässt sich – das klang oben schon an – das von Latour geforderte Vorgehen ganz gut erklären. Das reduktive Schema Latours versucht, Abstraktionen – das heißt eben dem Gegenstand fremde Unterscheidungen – in der Beobachtung des Gegenstandes zu vermeiden. Dazu (man könnte sich ja schon fragen, ob es reine Reduktionen wie ich sie oben beschreibe tatsächlich gibt) dient das Schema – die reduktive Ordnung – des Netzwerkes.
Mindestens die Kompatibilität des whiteheadschen Abstraktionsverständnisses mit Luhmanns Begriff der Komplexität sollte deutlich geworden sein, das war ja mein Ziel. Alles andere? Wer weiß.