Kein Reflexionsstopp
Alles wie immer, ab morgen darf ich wieder an anderes als Judith Butler denken. [14/1000]
Habe gerade in Nummer 6 nachgeschaut, was ich dort über Butler geschrieben habe und musste ein bisschen schmunzeln, weil ich statt Parallelpo(i)esis statt Parallelpoesie geschrieben habe (ist inzwischen korrigiert). Was Parallelpoiesis sein könnte weiß ich nicht, ich finde es schwer mir Systeme vorzustellen, die sich nebeneinander her entwickeln und nicht in irgendeinem Abhängigkeitsverhältnis stehen, auch wenn die Rede von der autopoietischen Schließung das bisweilen nahelegt.
Wie dem auch sei, gerade wollte ich noch über Butler schreiben und mein Unverständnis darüber, dass sehr viele Menschen gar nicht zu verstehen scheinen wollen, was dey sagt. In diesem Interview geht es um deren (damals) neues Buch, "Who's Afraid of Gender?", das wenigste davon war mir neu, aber es ist ganz toll zu sehen, was wie lustig und intelligent und einfühlsam Butler ist?
Es gibt ja dieses Gerücht, dass es in Berkley ein paar Fans von denen gibt, die denen den ganzen Tag hinterher laufen und genau so aussehen wie dey – und irgendwie kann ich es nachvollziehen? Warum sollte man nicht so sein wollen wie Judith Butler?
Aber darum geht es mir gar nicht (und das ist ja auch ein bisschen peinlich, so begeistert von einer Person zu sein). In den Kommentaren unter dem Video wird sehr deutlich, dass einige Personen nicht zu verstehen scheinen, was ein (soziales) Konstrukt ist. Denn das ist ja die zentrale These von Butler: dass nicht nur Gender, also der Aspekt des Geschlechts, der normalerweise als Sozial hergestellt verstanden wird, konstruiert ist (dass Rosa je nach historischer Wetterlage mal als männliche und mal als weibliche Farbe gilt, zum Beispiel), sondern dass auch Sex als konstruiert verstanden werden kann.
Ich halte das für offensichtlich, zumal die Ideen des sogenannten Postmodernismus ja einigermaßen Mainstream geworden sind. Wenn man sich zum Beispiel in einem textualistischen Paradigma bewegt (und man kann sich darüber streiten, inwiefern Butler das tut, aber zumindest in "Gender Trouble" ist der Anschluss an die Genealogie Foucaults also an eine historische Methode, die Texte zentriert (und was sollte sie sonst zentrieren, die Enunziatoren dieser Texte sind ja meistens schon tot) explizit), dann kann es – qua Methode – nichts geben, was sich vor dem Text befindet. Es wäre inkohärent, plötzlich und in nur einer Hinsicht (der des biologischen Geschlechts) vom Schreibtisch aufzustehen.
Und auch wenn man nicht an Texte glaubt, sondern an Beobachtungen kann man diese sehr einfache Idee, dass die Dekonstruktion von Geschlecht aus theorieimmanenten Gründen notwendig ist ja nachvollziehbar machen. Warum sollte man, wenn man alles im Modus der Beobachtung zweiter Ordnung beobachtet (in dem man zum Beispiel fragt, wie das von Rubin so genannte biologische Rohmaterial zu Gender geformt wird), bei der Biologie damit aufhören? Warum sollte man fragen, was das biologische Geschlecht von jemandem ist, wenn die Frage, wie es zur Designation einer biologischen Grundlage des Geschlechts kommt, viel naheliegender ist?
Man kann das alles immer noch seltsam finden, und sicher hat diese Umstellung auf Beobachtung zweiter Ordnung auch eine politische Bedeutung, aber warum sollte eine Theorie des Geschlechts diese Bewegung, die alle anderen machen – nicht nur Theorien, sondern auch Märkte und politische Systeme und das Recht – nicht mitvollziehen dürfen? Man sieht ja an den anderen Beispielen, dass der Relativismus, der über diese Umstellung und Abwendung von der Beobachtung einer als Gegeben angenommenen Realität kommt, überhaupt nicht zur Destabilisierung führt. Der Kapitalismus wird durch die Ablösung vom Goldstandard deutlich flexibler, ob man das gut findet oder nicht.
Diese Ablehnung der Dekonstruktion oder der Beobachtung zweiter Ordnung konnte man – mit weniger politischer Sprengkraft (großartige Metapher) – auch in der Rezeption der Schriften von Latour beobachten. Generell fallen mir nicht wenige Parallelen zwischen Latour und Butler auf (was daran liegen könnte, das sie beide zu einer Generation von AutorInnen gehören, die man als Postpoststrukturalistisch bezeichnen könnt), aber hier nur diese eine:
Die Kritik Sokals (der Typ, der mit seinem Paper die Science-Wars ausgelöst hatte) an Latours Text "Einsteins Relativity" ist, dass Latour den Begriff des Bezugssystems (Latour schreibt durchweg von Referenzrahmen) und des Akteurs verwechsle und deshalb in seiner Beschreibung der Relativitätstheorie nicht zwei, sondern drei Bezugssysteme voraussetzte. Einstein beobachte nur zwei Bezugssysteme, deren Geschwindigkeiten relativ zueinander sind. Zwar würden mithin auch in der Relativtätstheorie selbst die Bezugssysteme und der Begriff des Beobachters gleichgesetzt, aber Latour mache Einstein zum Beobachter (in seiner Funktion als Enunziator), der ein drittes Bezugssystem etabliert, obwohl er in der Beschreibung des Verhältnisses der beobachteten Bezugssysteme keine Rolle spiele. Latour verwechsle "die didaktische Aufbereitung der Relativitätstheorie mit dem 'sachlichen Inhalt' der Theorie". Diese "Verwechslung" ist aber kein Fehler, sondern gerade der Kern der Analyse Latours, der eben nicht an einer bestimmten Stelle mit der Dekonstruktion aufhört, sondern sie auf den Enunziator des Textes – Einstein – ausdehnt. Mit ein bisschen bösem Willen könnte man sagen, dass das Problem Sokals gerade in der Kohärenz und Konsequenz der Analyse Latours liegt.
Die Kritiker Butlers und die Kritiker Latours fordern eine Art Reflexionsstopp der Theorie oder der Argumente, und mit demselben bösen Willen könnte man vermuten, dass dieser Reflexionsstopp ein Reflex auf die eigene Unfähigkeit zum Umgang mit Komplexität ist. Dass Butler und Latour ihre Theorien auch als politische Interventionen verstehen erklärt vielleicht, warum die luhmannsche Systemtheorie – obwohl sie ihren Relativismus viel deutlicher ausbuchstabiert – nicht zum Gegenstand dieser Diskussionen geworden ist. Vielleicht liegt das aber auch am Vorurteil des Konservatismus, der die Theorie begleitet.
Die willentlichen oder unwillentlichen Missverständnisse des (De)Konstruktivismus beinhalten immer auch ein Missverständnis des Relativismus oder der Kontingenz. Dass Sachverhalte relativ und Prozesse kontingent sind zeigt zwar (und das ist ja die Idee der Genealogie), dass sie anders werden können (weil es hätte anders kommen können), aber immer wird auch deutlich, dass es Gründe dafür gibt, dass die Dinge so sind, wie sie geworden sind. Und niemand sagt, dass diese Gründe schlechte Gründe sind – im Gegenteil.
Latour zum Beispiel ist fast immer völlig begeistert vom Prozess der wissenschaftlichen Konstruktion der Wahrheit, von den Prozessen der Abstraktion und Verifikation und den dazugehörigen Einrichtungen. Für die Naturalisierung der Geschlechterhierarchie wird sich bei Butler keine Begeisterung finden, aber eine Kritik der Kategorie Frau ist ja gerade keine Kritik an denen, die sich als Frau identifizieren (müssen).