Unwissen

An den Rändern des Intelligiblen – 0006

Lag gerade auf dem Sofa und dachte, ich könnte mal versuchen die 1000 Wörter auf dem Handy zu schreiben. Ich habe das lang nicht mehr gemacht, irgendwie ist dieses Gerät zur bloßen Ablenkungsmaschine verkommen, aber es soll mal eine Zeit gegeben haben, zu der ich in der lage war, ewig lange Texte am Handy zu verfassen. Es war irgendwie so eine Art Hobby von mir, mich über Whatsapp mit Leuten über Poltitik (und Religion …) zu streiten.

Ich weiß nicht, ob ich heute etwas kohärentes gekotzt bekomme, oder ob es eher eine Aneinanderreihung von verschieden kleinen Gedanken wird (nicht dass die Posts der Woche besonders kohärent gewesen wären, aber es gab ja schon immer ein Thema).

Zum Beispiel denke ich darüber nach, dieses Experiment vom Blog auf eine eigene Website zu verlagern (oder wenigstens einen eigenen Blog auf Bear. Eigentlich halte ich das für unnötig, ich habe nur die Befürchtung dass ich irgendwem den RSS-Feed komplett voll scheiße oder kotze mit den täglichen Posts. Das mit der Website hat vielleicht auch die Bewandtnis, dass ich schon länger ein bisschen neidisch auf diese Neocities-Kultur schaue und selbst gern ein Teil des ganzen wäre. Da gäbe es auch das Problem nicht, dass hier jemand ließt (nicht dass ich das wirklich für ein Problem halte, lest was ihr wollt, und wenn ich nicht will, dass etwas gelesen wird, dann poste ich es nicht, aber Text zu teilen, mit dem ich weniger als zufrieden bin, ist halt nicht einfach).

Was mich davon abhält ist vor allem der höhere Aufwand, der nötig wird, um einen Post zu teilen. Noch eine Alternative wäre vielleicht ein Wordpress-Blog – so ganz klassisch (jedenfalls stelle ich mir das klassisch vor) mit drei-spaltigem Layout und Volltextposts, die "einfach" aneinander gereiht sind.

Aber ich weiß nicht, ob es überhaupt Sinnhaft wäre, diesem Impuls der Trennung von richtigen Texten und diesen Vomits zu folgen. Es gibt ja durchaus auch normale Blogposts, mit denen ich nicht zufrieden bin, und der Sinn von *dem hier* ist ja gerade, es nicht zu verstecken.

Ich finde die Idee von "learning in public" oder "working with the garage door up" genauso gut wie unsympathisch. Gut vielleicht, weil man so ja wirklich zu lernen scheint (obwohl diese große Feynman-Erkenntnis, dass man lernt, wenn man jemandem etwas erklärt nicht wirklich eine Erkenntnis ist). Unsympathisch, weil dadurch lernen zu so einem performativen (im Sinne von Theater) Akt wird. Es geht weniger darum zu lernen, als darum als jemand zu erscheinen, der lernt.

Das ist vielleicht das unangenehme an dem Ganzen und ein Problem, was über diesen konkreten Kontext hinausweist: dass die Motive einer Handlung interpretabel sind.

Das ist ja auch das Problem der sogenannten performative males, dass eben unklar bleibt, ob sie dieses Buch für sich lesen oder für andere. Und es wird nicht einfacher, dass auch intrinsische Motivation extern attribuiert werden kann, also dass ich ein Buch für mich lesen wollen kann, weil es den Frauen™ gefällt. Internalisierung nennt man das vielleicht.

Und für mich ist es natürlich sehr einfach zu sagen, ich mache *das hier* um zu lernen, aber wenn ich ganz ehrlich mit mir bin, weiß ich nicht, ob es stimmt, dass ich das nur Teile, um meine Formulierungen am Anspruch eines irgendwie imaginierten Publikums zu schärfen. Mich interessiert nämlich schon, ob jemand *das hier* ließt.

Und diese Vorstellung des "Wörter kotzens" kann man dann auch einfach verstehen als Performance eines Lernens (und als Performance von Authentizität natürlich auch). Aber – und das ist vielleicht der Punkt von so Praxissoziologie – man Handlung als Performance ist auch immer Performance für sich selbst, Motivation kann immer nur im Nachhinein festgestellt werden – und auch dieses Feststellen kann man ja als Performance verstehen.

Hatte heute ein Blockseminar zu Butlers "Unbehagen der Geschlechter" und mir ist gerade der Begriff der Intelligibilität wieder in den Sinn gekommen. Die Idee ist, dass Geschlechtsidentitäten intelligibel sind, wenn sie mit Anatomie und Sexualität (oder Begehren) übereinstimmen. Irgendwo spricht sie von der "Einheit dieser Drei" (also Geschlechtsidentität, Geschlecht und Sexualität) und es liegt vielleicht zu nahe, hier von einer Dreifaltigkeit zu sprechen (verzeiht die Blasphemie …).

Aber ich glaube dass der Begriff der Intelligbilität mehr kann, an einer Stelle (ich werde sie nicht nachschlagen, das würde ja den Fluss oder Schwall unterbrechen) geht es um die Entstehung intelligibler Persönlichkeiten überhaupt, zu der diese Dreieinigkeit (was ist eigentlich der Unterschied zwischen Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit?) nur einen Teil beizutragen scheint. Offensichtlich ist Geschlecht nicht alles, was eine Person ausmacht.

Zuerst habe ich natürlich die Frage, wie man sich eine nicht-intelligible Person vorzustellen hat, die offen bleiben muss, weil eine nicht-intelligible Person den Status als Person nicht erreicht. Und dann vielleicht, ob ich unintelligibel werden kann? Aber ist der Status unintelligibel (ich will schreiben, untelligibel) nicht selbst als untelligibel intelligibel?

Und, weg von Butler: wenn die intelligiblen Dinge nur über den Verstand erfassbar sind, sind die untelligiblen Dinge nur Sinnlich erfassbar? Aber wie würde man über etwas schreiben, das untelligibel ist? Ich denke auch an die luhmannsche Parallelpoesis, die ja dazu dient, den – vielleicht in der Theorie untelligiblen – Weltstimmungsgehalt einer Theorie intelligibel zu machen. Aber das ist ja nur eine Form der Intelligibilierung. Was man nicht denken kann, das muss man dichten? Wovon man nicht sprechen kann, das muss man zeigen.

Wer weiß. Wahrscheinlich ist das viel zu kantianisch gedacht, vielleicht geht es viel einfacher. Man kann Intelligibilität ja auch "einfach" graduell denken, und dann gibt es Intelligibles und weniger Intelligbles, eine Person ist ja nicht untelligibel (jetzt bin ich wieder bei Butler), weil das mit der Dreieinigkeit bei ihr nicht aufgeht. Interessanter ist vielleicht, wie untelligibles intelligibel wird, also wie sich bestimmte Personkonstellationen von undenkbar zu einfach möglich bewegen. Wie werden neue intelligible Idententitäten möglich, könnte dann die Frage lauten. Und ganz emprisch und in Hinblick auf die Frage der Übereinstimmung von Geschlechtsidentität, Geschlecht und Sexualität kann man vielleicht beobachten, dass der Zwang zur Übereinstimmung oder zur Dreieinigkeit abnimmt, aber nicht verloren geht.1

Meine Hände schwitzen, ich klebe mit den Oberschenkeln am Stuhl. Es ist kurz vor halb Zwölf und immer noch 30ºC. Schade, dass sowas telligibel ist.

  1. Schwuler Cis-Mann zu sein ist intelligibler als schwuler Trans-Mann, was mir wiederum intelligibler scheint als nichtbinäre Lesbe zu sein.

#wordvomit