Ökologie des Edgelands
Kids these days never play outside anymore.
In einer Studie wurde letztens gezeigt, dass es Wäldern gut tut, wenn man sie in Ruhe lässt. Wälder, die sie sich selbst regeln dürfen, leiden weniger unter dem Borkenkäfer und unter Dürre — und so schlägt man der Forstwirtschaft das Nichtstun als Strategie vor.
Doch der sich selbst überlassene Wald bleibt Forst. Er wird weiter kontrolliert im Polyoptikon der Ökologen und Förster, das jeden Baum markiert, beobachtet, zum Fällen freigibt oder zum pflegen bestimmt. Die Gesundheit des Baumes ist nur wichtig, weil er Ware sein wird, die Gesundheit des Waldes ist nur wichtig, weil er Forst ist oder bleibt — verwertbar.
Es gibt hier keine Natur im Sinne einer Differenz zur Kultur, keine Umwelt außerhalb des Systems. Das Kalkül ist nur Ökologisch im Rahmen einer Ökonomie. Adorno und Horkheimer würden das Nichtstun zweckrational nennen.
Ein anderes Beispiel. Man kennt das Bild von Agnes Danes auf dem Traktor oder mit einem Rechen vor dem WTC in ihrem Weizenfeld, das eine Konfrontation sein soll. Aber was wird hier Konfrontiert? Stadt und Land? Phallische Hochhäuser und feminine Idylle, patriarchaler Finanzkapitalismus und mütterliche Reproduktion?
Vielleicht gibt es hier Unterschiede, aber diese machen keinen Unterschied. Es gibt hier keine Information. Die Differenz von ländlichem Raum, der schön, ruhig, sauber, ganz allgemein gut fast in einem platonischen Sinn ist und Stadt, die hässlich, laut, dreckig, schlecht ist, liegt zu nah, ist ein Märchen das Dorfkinder glauben oder Faschisten. Das Land, das Dorf, das Weizenfeld ist genau so (oder vielleicht noch mehr) Ort der kapitalistischen Produktion1, der Gentrifizierung und Verdrängung, des Drecks und des Lärms, der patriarchalen Ordnung wie die Stadt. Und auch in der Stadt gibt es Parks und Felder, Ruhe und Schönheit.
Amber Hussain erzählt Wheatfield — A Confrontation nicht als Ort des Weizenfeldes, sondern als Prozess des Kaufens des Grundstücks (für 4,5 Milliarden Dollar), des Säens und Erntens und dann des Verschenkens des Weizens. Und nur so wird die Konfrontation deutlich, die wirklich eine Konfrontation von Ökonomie und Ökologie ist. Aber nicht Natur und Gesellschaft werden konfrontiert, sondern Wertvorstellungen: Ökonomie als Gegeneinander, Ökologie als Miteinander. Das politische an dieser Konfrontation ist zentral — man darf die Ökologie genau so wenig Naturalisieren wie die Ökonomie.
Und irgendwo in Lonesome Dove spricht Gus darüber: Die Rangers und Cowboys dringen vor in ein wildes Land, dürfen seine Wildheit (und die seiner Menschen) erleben, aber immer nur ein letztes Mal, denn mit sich bringen sie die Zivilisation; Sie sind die Zivilisation und nehmen dem Land seine Unberührtheit, seine Wildheit, indem sie es berühren.
In dem Moment, in dem die Kultur die Natur berührt, wird aus Natur Kultur. Ausweg bleibt nur, weiter in die Wildnis zu gehen, das Unberührte zu Berühren und es so weiter zu vernichten, bis gar keine Wildnis mehr da ist, bis alles verschwindet.
Natur ist dann nur noch Garten. Selbst Naturschutzgebiete sind nur Naturschutzgebiete, weil sie von uns so eingerichtet werden.2
Abdel-Wahed El Wakeel nennt Gärten das hineinlassen Gottes in das Haus — aber darf er wieder gehen? Gott ist nicht tot, sondern eingesperrt in meinem Innenhof.
In diesen Unterscheidungen von Innen und Außen, Kultur und Natur, System und Umwelt liegt kein Dualismus. Es gibt nicht zwei gleichberechtigte Seiten, sondern eine Asymmetrie, die nicht einmal mehr Asymmetrie ist, sondern re-entry — die Unterscheidungen kommen in sich selbst, auf einer ihrer Seiten wieder vor und sind nur so zu verstehen. Pure Immanenz.
Wir können Außen, Natur, Umwelt, Wildnis nicht nur nur im Verhältnis zum Innen denken, sondern auch nur vom Innen aus. Wenn das System vorausgesetzt wird ist der re-entry nicht einmal mehr re-entry, man ist immer schon innen, in der Unterscheidung und auf einer ihrer Seiten.
Die Umwelt kann nur als Umwelt des Systems beobachtet werden, die Wildnis nur im Verhältnis zur Zivilisation, die Natur nur als Natur der Kultur, eben als Garten oder Naturschutzgebiet …
Wenn man die Wildnis sucht, findet man sie dort, wo man nicht sucht. Das ist Paradox (aber es lässt sich entparadoxieren durch Zeit, die Natur entzieht sich, das Außen ist ein Horizont …) aber genau das, was Vorstellungen wie die des Edgelands ausdrücken.
Das Edgeland3 ist das nicht beobachtete (!), das nicht beobachtbare. Es ist unerreichbare Grenze, unendlich entzogener oder sich entziehender Horizont. Das Edgeland zeigt, dass Wildnis, Natur, Umwelt nicht das nicht-menschliche, außer-kulturelle ist sondern gerade die Zwischenräume4, die so schlecht sichtbar sind.
Die Wildnis ist in den verlassenen Fabriken, in den vergessenen, einstürzenden Stollen, in den Bauruinen. Die Natur ist mehr hinter dem Schrank, unter dem Sofa, in der ungenutzten und ungeputzten Abstellkammer als am Yellowstone oder Meeresgrund.
Das macht die Bilder von Robin Friend so interessant, dass sie Orte zeigen, die sonst nicht gezeigt werden, die vergessen wurden. Das macht die Zone in Stalker (1979) so unheimlich. Das ist die Faszination der lost places und des Urbex — Orte zu sehen, die nicht mehr gesehen werden.
Man kann nicht draußen sein, nicht raus gehen, nur die Grenze verschieben. Etwas unbeobachtetes beobachten und dafür etwas anderes unbeobachtet lassen — so erzeugen wir wahre Wildnis, echte Natur.
Nicht zu genau hinschauen. Das ist Ökologie. Das machen Kinder, wenn sie draußen spielen — nicht betreut, beschult, beobachtet.
Alles ist gut, solange du wild sein kannst.
Bei Marx sogar der Ort der primären Akkumulation!↩
Ganz zu schweigen davon, dass das Schutzgebiet ja eine bloß negative Bestimmung der Natur ist.↩
Der Begriff von Marrion Shoard (2002), dazu Mike Grindle.↩
Vielleicht funktioniert hier auch die Falte?↩