Wörter kotzen – 1
Ich lese schon eine ganze Weile die Posts von Tiramisu, die ein Format (sagt man das so?) hat, dass sie "word vomit" nennt. Das Konzept scheint sich Visa ausgedacht zu haben, die Idee ist, dass man 1000 mal 1000 Wörter schreibt, um am Ende 1.000.000 Wörter geschrieben zu haben. Das sind eine Million, übrigens.
Warum sollte man eine Millionen Wörter schreiben? Um besser schreiben zu lernen, vielleicht. Das geht ja nur wenn man übt. Vielleicht ist es auch die Hoffnung, dass unter 1000 Texten ein paar dabei sein könnten, die ganz gut sind.
Jedenfalls dachte ich, man könnte das ganze ja mal ausprobieren. Nicht, weil ich besser schreiben lernen möchte (ich weiß überhaupt nicht was es heißen könnte, gut zu schreiben), sondern weil mir die Vorstellung gefällt, irgendwann auf 1000 kleine Texte zurück schauen zu können. Das ist ja auch die Idee des Blogs. Der hat eh kein festes Format und ich poste einfach, was ich posten möchte – da stört so ein kleines (großes? – mal sehen) Experiment auch nicht weiter – dass die Texte dann wahrscheinlich weniger konzentriert ausfallen, sollte auch niemanden stören.
Das schwierigste an dem Spaß ist wahrscheinlich, 1000 Wörter am Stück zu schreiben. Vielleicht ist das auch ein Grund das zu machen – das wirklich rauszukotzen kann nicht leicht sein (das klingt sehr bulimisch, irgendwie), aber sich mal eine halbe Stunde (wie lang braucht man für 1000 Wörter, wenn man sie kotzt?) oder so zu konzentrieren kann ja nicht schwer sein. Und es ist ja auch irgendwie Teil meines Alltags, so Braindumps zu machen … obwohl das in letzter Zeit ehrlicherweise etwas abgenommen hat.
Ein Problem, das ich hier noch lösen möchte, ist das der deutschen Übersetzung von "word vomit". Ich habe gerade vom Wörter kotzen geschrieben und das Wort "kotzen" ist auch ganz toll onomatopoetisch, aber dem fehlt die Alliteration, jedenfalls fällt mir kein Wort mit K ein, das irgendetwas mit Schreiben zu tun hat und da hin passen könnte.
Aber mir ist gestern auch kein Philosoph eingefallen, der Alfred heißt, obwohl wir alle (die Freunde und ich) gerade (Alfred North) Whitehead lesen. Kurze Anmerkung dazu, wenn ich darf: das älteste Kind von Kanye West und Kim Kardashian heißt ja auch North (North West sogar, glaube ich), und das hat sicher einen anderen Grund, aber ich finde die Vorstellung sehr lustig dass die beiden ihre Tochter nach dem Alfred benannt haben.
Zurück zum Problem. Vielleicht gibt es ein Wort mit W, das man an Stelle von "kotzen" nehmen könnte? "Wallen" oder sowas, wie beim Zauberlehrling … Walle walle das zum Zwecke Worte fließen. Naja. Wortwall klingt seltsam, eher nach Mauer. "Schwall" ist vielleicht die bessere Wahl, es geht ja durchaus darum, die ganzen Wörter in einem Auszugießen, wenn ich das richtig verstehe. Aber das gefällt mir alles nicht so gut, wie Wörter kotzen. "Sprache speien" wäre auch noch eine Option, aber "Sprache" ist viel zu allgemein. Vielleicht fällt mir später noch was ein.
Ich muss noch mal zurück kommen zu der Frage, ob einen das hier wirklich besser werden lässt. Wenn man einfach mal annimmt, das "besser werden" in diesem Kontext (in diesem Text wohl eher) heißt, dass man seine Gedanken genauer in Worte fassen kann, könnte das dann funktionieren? Gerade fühlt es sich nämlich nicht so an, als würde ich meine Gedanken in Worte fassen, sondern eher, als würden sich meine Gedanken mit den Worten formen. Und dann würde es darum gehen, mit dem besser schreiben lernen auch besser denken lernen. Aber das finde ich schwer vorstellbar, es gibt – auch wenn ich da normalerweise ganz bei Havelock und Konsorten bin – ja schon eine Differenz zwischen denken und schreiben, oder? Andererseits bricht diese Differenz ja gerade, wo meine Gedanken sich eben im Schreiben verfertigen (das ist auch irgendein Text, da geht es um das verfertigen der Gedanken beim Sprechen, glaube ich) zusammen. Beim Schreiben verstummt meine innere Stimme. Ich glaube die selbe Erfahrung habe ich schonmal gemacht in diesem Braindump-Text, den ich oben verlinkt habe.
Die Frage ist vielleicht einfach, worum es hier geht. Geht es darum, so schnell wie möglich 1000 Wörter zu schreiben, oder geht es darum, so schnell wie möglich einen kohärenten Text zu verfassen? Oh – ein Gedanke – wenn es um beides geht, dann kann man das oben geschriebene vielleicht reformulieren als Idee, dass es darum geht, den Denk-Schreib-Prozess, der ja anscheinend gerade nicht so richtig zu differenzieren war (gerade beginnt sich das Denken wieder vom Schreiben zu lösen, ich fange auch wieder an, Satzteile, die ich gerade verfasst habe, zu löschen) … dass es jedenfalls darum geht, diesen Prozess so zu konditionieren, dass in ihm kohärente Texte entstehen.
Die Idee, dass man einfach erstmal schreiben sollte (und das Geschriebene im Anschluss überarbeiten), hatten ja schon viele. Die Frage ist eben, wie stark die Überarbeitung sein muss, und wahrscheinlich auch, ob der Text, der da entsteht, wirklich lesenswert ist. So Schreibprozesse beinhalten ja meistens deutlich mehr als einen Autor, der sich hinsetzt und einen Text rausscheißt, jedenfalls in den Genres, die mich normalerweise interessieren. Andererseits kann man ja mit dem Material, das man dann hat, durchaus etwas anfangen.
Man kann sich vielleicht fragen, Texte welchen Genres am ehesten geeignet sind, in kurzer Zeit rausgekotzt zu werden. Blogposts, natürlich, aber hier die ließt ja eh niemand. Paul Graham schreibt seine Essays so, aber die sind natürlich nicht zu wirklich zu vergleichen mit den Aufsätzen von Philosophen und Wissenschaftlern (nicht, dass Philosophen nicht auch Wissenschaftler sein könnten …). Kurzgeschichten könnten so ganz gut funktionieren, 1000 Wörter scheinen dafür auch ganz gut geeignet (wenn ich mich so an meine Versuche in die Richtung erinnere, wurden die auch fast immer am Stück, in einem Schwall ausgekotzt), aber ich weiß nicht, wie kompatibel die sonst mit der Idee des word vomits sind, die ja (soweit ich sie kenne) wenig fiktionales an sich haben.
So, zum Schluss noch ein kurzer Rückblick auf den ersten Wortschwall (das ist es irgendwie nicht). Ich weiß nicht genau wann ich angefangen habe, aber ich werde nicht viel mehr als 45 Minuten gebraucht haben. Die 1000 Wörter sind hiermit auch erreicht. Wenn ich jede Woche zwei mal 1000 Wörter kotzen würde, würde ich 9,6 Jahre brauchen, um 1000 mal 1000 Wörter zu schreiben. Ohje.