Tief im Jungle
Es ist Pflicht beim Lesen dieses Artikels Eruption Radio zu hören. Dass die nächsten 1000 Wörter voller Fehler und Quatsch sind, merkt man dann gar nicht mehr. [19/1000]
Schreibe heute schon wieder nach dem Spazieren, aber dieses mal mit Musik. Ich höre das, was man als Jungle bezeichnen könnte oder vielleicht als D&B oder Breakcore, laute und schnelle und aggressive sehr rhythmische Musik jedenfalls.
Vor einiger Zeit habe ich einen Text darüber gelesen, dass das CCRU maßgeblich vom Jungle beeinflusst wurde. Man kann im Jungle – dessen Stücke ja in großen Teilen Remixe sind – der Evolution beim arbeiten zuhören, was man hört ist vielleicht nicht unbedingt eine Zunahme von Komplexität, sondern eher eine Zunahme von Intensität. Im Vergleich der Lieder (es fühlt sich nicht richtig an, im Bezug auf diese Musik von Liedern zu sprechen, dazu fehlt ihnen das melodische Element) dieses Genre aus den 90ern und denen von heute fällt auf (das würde man wirklich eher als Breakcore bezeichnen), wie stark die Stücke an Tempo und Bass – Intensität eben – zunehmen.
It is […] worth holding onto the name Jungle because it evokes a terrain […].
Warum sollte man überhaupt von Jungle sprechen? Ich finde den Gedanken, dass das ein bestimmtes Raumbild aufruft, gar nicht verkehrt. Aber ich denke weniger an den urban jungle als an Werner Herzog, der im Urwald steht und über die Hitze und das Geschrei der Tiere sagt, dass das ganz und gar nicht das Leben sei, was man hier hört, sondern den Tod.
Herzog macht es sich vielleicht ein bisschen zu einfach. Gerade im Urwald sieht man ja, wie nah Leben und Tod beieinander sind, wie sehr das Leben auf den Tod angewiesen ist. Selbst in der Wüste, vielleicht ist sie das Gegenstück zum Urwald, ist das Leben auf den Tod angewiesen. Die Geier aus den amerikanischen Filmen können nur leben, weil der Cowboy sein totes Pferd zurück lässt. Das gesamte Ökosystem (im Urwald, aber auch sonst wo) funktioniert nur, weil Leben ständig in Tod übergeht, weil Negentropie ständig von Entropie eingeholt wird und damit wieder verfügbar für Negentropie.
Inwiefern ist die Stadt ein Jungle? Natürlich unterliegt auch das Künstliche einer Evolution, aber dafür braucht man kein Raumbild. Wieso braucht Musik überhaupt den Namen eines Raumes? Auch das macht den Jungle ja speziell. Mir fällt kein anderes Genre ein, dass ein Terrain als Namen hat.
Aber ich habe den Raum oder das Terrain ja sofort mit dem Leben oder der Evolution, mit einer bestimmten Form der Zeit also, verbunden.
The rhythm of jungle music is edited and time-stretched, so much so that sometimes it is nothing more than a high-frequency sound […] The difference between time and sound is lost in the jungle.
Was ist überhaupt der Unterschied zwischen Zeit und Geräusch? Hat der Ton im Gegensatz zum Rhythmus eine Ausdehnung? Ist die Betonung der Differenz von Rhythmus und Ton nicht auch eine Form der Bifurkation?
Husserls Analyse des Zeitbewusstseins geht von einer Melodie aus, aber wenn ein Stück nicht aus unterscheidbaren Tönen besteht und jede melodische Qualität verliert, wie verhält es sich dann zur Zeit? Verliert man im Jungle wirklich sein Zeitbewusstsein?
Eine Melodie ist ein eindimensionaler Code im Sinne Flussers. Sie muss gelesen werden und gespielt, von vorn nach hinten. Sie besteht aus Noten, die Töne bedeuten. Vielleicht lohnt es sich zu fragen, welche Rolle das Hören in Husserls Analyse des Zeitbewusstseins spielt, ob nicht sein Hören ein sehendes Hören, ein dem Auge nachgeordnetes Hören ist.
Vielleicht lässt sich sagen, dass die Differenz von Melodie und Geräusch in den Tönen liegt. Eine Melodie hat Töne, die sich als Noten darstellen lassen. Aber dann müsste man fragen, ob nicht die Differenz von Melodie und Geräusch nicht ebenfalls eher eine Differenz von Sehen (nämlich die Töne der Noten) und Hören ist? Jungle als Genre jedenfalls würde man dann als Bewegung auf der Grenze zwischen Melodie und Geräusch beschreiben können.
Was unterscheidet das Geräusch vom Rauschen? Ist es ein besonderes Rauschen? Ein Rauschen, ein Moment im Rauschen, der Information wird, eine Differenz, die eine Differenz erzeugt? Welche Differenz wäre das?
Und – um wieder zum Raum zurück zu kommen – Warum ist überhaupt klar, dass das Geräusch eine Herkunft hat? Und wie funktioniert dieser Prozess der Verortung eines Phänomens, das für Hörende ja erstmal nur eine Existenz in der Zeit hat? Ich wünsche mir eine Phänomenologie des Tinnitus, die den Prozess der Verortung der Geräuschquelle nach innen (jedenfalls in den eigenen Leib) zu beschreiben hätte. Und auch gerade, wo ich die Geräusche über meine In-Ear-Kophörer höre fühlt es sich ja eher an, als wäre ich der Klangkörper.
Diese Trennung von Raum und Zeit wird nicht unproblematisch sein. Mit Whitehead (natürlich auch mit Einstein usw.) kann man von einem extensiven Kontinuum sprechen, in das auch die zeitliche Ausdehnung fällt. In diesem hochdimensionalen Raum (Bergson würde mich für diese Verräumlichung der Zeit verprügeln, wahrscheinlich) muss es möglich sein, Geräusche als Nexus zu beschreiben. Ihre Verortung, ihre Zuschreibung zu einem Klangkörper wird zweitrangig, weil meine Prehension des Nexus an erster Stelle steht. Die Differenz, von Geräusch und Rauschen wäre dann einfach die Gemeinsamkeit der actual occasions, die den Geräusch-Nexus bilden.
Jungle impliziert also nicht nur ein Terrain, sondern ein Kontinuum, dass einen spezifischen Raum und eine spezifische Zeit umfasst. Der Jungle als society hat eine Eigenraumzeitlichkeit, die durch eine bestimmte Anordnung seiner actual occasions entsteht (man muss mit Whitehead nicht mehr von unterscheidbaren Tönen als kleinste Einheiten oder Differenzen des Klangs ausgehen (muss man wahrscheinlich ohnehin nicht), sodass man sagen kann, dass sowohl Melodien, als auch Geräusche aus Klangereignissen bestehen, die aber in Melodien deutlich besser identifizierbar sind).
Und dasselbe muss sich auch über die Wüste sagen lassen. Fragt sich nur wie sich eine Wüste anhört? Ich denke natürlich an 3'33 von John Cage, aber sind Wüsten wirklich leer? In der Wüste scheint der (bei Artaud oder Baudrillard) oder wenigstens ein Ursprung zu liegen, aber wie hört sich ein Ursprung an? Und diese Phänomene von Beschleunigung und Deterritorrialisierung, die Baudrillard der Wüste zuschreibt, lassen sich ja durchaus auch im Jungle finden. Obwohl Jungle und Wüste ja schon auch Territorien sind?
Und wie in der Wüste wird im Jungle die Vorzeit sichtbar. Keine geologische Vorzeit vielleicht, die in den Schichten der Canyons sichtbar wird, aber eine biologische Vorzeit, die sich in den Wiederholungen und Mutationen zu erkennen gibt. Wenn die Wüste unmenschlich künstlich und trocken sind, ist der Jungle unmenschlich künstlich und feucht? Mukös?