Substack schlecht
Irgendwie habe ich immer erwartet, dass Substack relativ bekannt ist, aber scheinbar ist das – vielleicht vor allem unter deutschsprachigen InternetnutzerInnen – immer noch eine Neuheit.
Auf den erste Blick sieht Substack natürlich großartig aus: Große Namen wie Slavoj Žižek oder Rick Rubin posten regelmäßig ihre Texte, auf einer Timeline ließt man die tiefsinnigen Eingebungen irgendwelcher Endzwanziger, es gibt Videos und Podcasts, aber alle scheinen sich für Dostojewski oder Tarkowski zu interessieren oder wenigstens für Marx. Twitter für Intellektuelle, sozusagen.
Mit seinem Creator Accelerator Fund und ähnlichen Programmen hat Substack in den seit 2021 ein paar gute Autoren auf die Plattform gelockt, eine dementsprechende LeserInnenschaft auch, obwohl die Unterscheidung hier – wie überall im Internet – nur bedingt sinnvoll ist, denn wer auf Substack ließt, kann auch auf Substack posten.
Warum man auf Substack sein sollte ist natürlich offenbar – die coolen Kinder sind alle schon da und man will auch dazu gehören. Oder, weniger polemisch, man wird, wenn man Teil der Community wird, von Netzwerkeffekten profitieren können, spannende Texte finden, vielleicht sogar eine LeserInnenschaft.
Allerdings ist schon eine ganze Weile klar, dass Substack ziemlich beschissen ist. Schon vor ein paar Jahren wurde bekannt, dass Faschisten für die Plattform kein Problem sind (man nimmt ja auch von ihnen 10% des Profits), antisubstack.fyi schlägt deswegen ein paar Alternativen vor.1
Darüber hinaus ist Substack eben eine Plattform, die sich auf Newsletter und Blogs spezialisiert, als Plattform macht Substack Plattform-Dinge. Es löst ein Problem – dass AutorInnen mit ihren Blogs oder Newslettern nur schwer Geld verdienen können – und ist damit relativ erfolgreich. Man kann sich auf seine Infrastruktur – dazu wird nicht nur die technische Grundlage, sondern auch das Bereitstellen einer Leserschaft gehören – verlassen, die oben schon erwähnten Netzwerkeffekte (alle anderen sind auch da) tun ihr übriges.
Für seine NutzerInnen hat das viele Vor- aber auch ein paar Nachteile: nicht nur sind LeserInnen oft genötigt, Newsletter kostenpflichtig zu abonnieren, wenn sie alle Posts lesen wollen (einzelne Posts kann man natürlich nicht freischalten), gleichzeitig können AutorInnen Substack nicht wirklich verlassen, weil man von der Bezahlungsinfrastruktur von Substack abhängig wird. Dabei ist das Modell von Substack, bei dem man für 5 bis 10 Euro im Monat einem Autor folgt nicht wirklich nachhaltig.
Immer mehr AutorInnen streiten um die begrenzte Aufmerksamkeit einer begrenzten LeserInnenschaft, wenige AutorInnen konzentrieren einen großen Teil der LeserInnen und ihrer Abos auf sich. Gleichzeitig ist immer mehr Content auf Substack frei zugänglich, sodass weniger Anreiz zum abschließen von Abos besteht, und in der aktuellen wirtschaftlichen Situation haben immer weniger LeserInnen das Spielgeld, sich diese Abos leisten zu können. Gleichzeitig verdient man mit "teureren Plattformen" (wie Ghost) denen man einen festen Betrag bezahlt, potentiell mehr als mit Substack, die eben 10% der Profite nehmen.
Man könnte hier mit einem Aufruf enden, für ein freies Internet zu kämpfen und die großen Plattformen zu boykottieren, aber die Vorteile, die diese Plattformen – eben auch Substack – bieten, sind nicht zu ignorieren.
Man muss pragmatischer sein. Es spricht in meinen Augen nichts dagegen, Texte auf Substack zu lesen und Newslettern zu folgen – nicht per Email natürlich (weil Substack einem sonst die Inbox zuscheißt), sondern per Feed (ich nutze NetNewsWire). Gleichzeitig möchte ich ALLEN davon abraten, auf Substack zu publizieren – LeserInnen findet man auch anderswo, Geld verdient man mit (auf deutsch) im Internet schreiben wahrscheinlich eh keins.
Vor allem aber solche, mit denen sich Geld verdienen lässt, und keine, die irgendwie einem indie- oder small-web-Ethos folgen, sowas wie bearblog.dev, smol.pub oder neocities.org, nekoweb.org und nearlyfreespeech.net fehlt mir da.↩