Schwibbögen
Als Kind war es immer seltsam für mich in der Weihnachtszeit an einem Ort zu sein, an dem es keine Schwibbögen gab. Ohne Schwibbögen war es so dunkel, so unweihnachtlich, so un-heimlich.
Der Schwibbogen ist ein Glühbirnenhalter aus Holz, der mit Schnitzereien oder Laubsägearbeiten verziert ist und von kurz nach Totensonntag bis Lichtmess in den Fenstern steht, angeschlossen an eine knisternde Zeitschaltuhr, um von 5:00 bis 10:00 und von 17:00 bis 22:00 ein bisschen Licht in die erzgebirgische Dunkelheit zu strahlen.
Der Mythos der Entstehung des Schwibbogens geht ungefähr so: Die Bergmänner mussten auch im Winter von früh Morgens (dunkel) bis spät Abends (dunkel) Untertage (dunkel) arbeiten, sahen also ein halbes Jahr lang kein Tageslicht. Deswegen stellten sie oder ihre gewissenhaften Hausfrauen Kerzen in die Fenster, um wenigstens ein bisschen Licht zu sehen. Irgendwann kam einer auf die Idee, die Kerzen auf ein Schnitzding zu stellen und der Schwibbogen war geboren.
Dass Bergmänner in Schichten gearbeitet haben, die Mittags gewechselt wurden, die Sache mit dem halben Jahr Arbeit in absoluter Finsternis also mindestens eine Übertreibung ist, sagt einem niemand. Dass der Schwibbogen bis 1937 im Gegensatz zu Engel und Bergmann, Pyramiden, Räuchermännchen und Nussknackern eine johanngeorgenstädter Besonderheit ist, auch nicht.1
Für eine Volkskunstausstellung veranstaltet das nationalsozialistische Heimatwerk Sachsen 1937 einen Gestaltungswettbewerb für einen „Schwibbogen für alle“. Es gewinnt das inzwischen Motiv von Paula Jordan (auch bekannt für ihre Kinderbibel mit arisiertem Jesus), einer leipziger Illustratorin, das einen Schnitzer, zwei Bergmänner unter den sächsischen Kurschwertern und eine klöppelnde Frau darstellt.
Das Motiv fügt sich hervorragend in die Ideologie des NS ein. Nicht nur wegen seinem „holzschnittartigen Geschlechtsbild“ (so Thorsten Mense), sondern auch, weil es (fast, über dem Schnitzer hängt ein Engel) ohne christliche Symbolik auskommt, die an Weihnachten sonst unvermeidbar ist. An die Stelle von Krippe und Kreuz treten die Kurschwerter, die dem Geschäftsführer des Heimatwerkes ein Symbol für das Erzgebirge als „wehrhaftes, werteschaffendes Grenzland“ sind.
Die Ausstellung wird ein voller Erfolg, der Schwibbogen im gesamten Erzgebirge populär, das Motiv Jordans klassisch – es hält sich bis heute.2
Und jetzt schaue ich auf die Schwibbögen.
Unheimlich heimlich.
Heimlich un-heimlich.
Das ist, wie alles, übertrieben. Aus der wissenschaftlichen Literatur zur Entstehung der erzgebirgischen Weihnachtstradition im 19. Jahrhundert habe ich mit großem Gewinn gelesen: Manuel Schramms „Konsum und regionale Identität in Sachsen 1880-2000“ (2002), besonders das Kapitel „Folklore und Konsum“ und Sönke Friedreichs Artikel „Das ‚Weihnachtsland‘ und die Heimat“ (in Heimatschichten, 2013).↩
Vielleicht will man es nicht wahrhaben, siehe nur die Diskussion über den entsprechenden Abschnitt des Wikipediaartikels. Und vielleicht kann man es auch nicht wahrhaben – vielleicht gehört es zu Traditionen, dass ihre Entstehung latent bleibt.↩