Unwissen

Realitätsverlust, konstruktivistisch

Das Problem der Realitätsverzerrung ist für (sozial)konstruktivistische Theorien relativ einfach zu lösen. Wenn man davon ausgeht, das Akteure ihre eigene Realität1 konstruieren, kann man nicht von Verzerrung im Sinne irgendwelcher Biases sprechen, die eine gegebene Realität verziehen, sondern muss Realitätskonstruktionen vergleichen: beobachten, wie andere Beobachter beobachten. Man kann dann nach den Bedingungen der Entstehung von Realitäten fragen und warum sie voneinander abweichen — vielleicht, weil unter verschiedenen Codes operiert wird oder weil Komplexität hier anders reduziert wird als dort.

Allerdings stellt sich in bestimmten Kontexten — neuerdings im Feld LLM induzierter Psychosen — die Frage, wie (und ob) Realitätsverlust zu denken ist. Wenn Realität nicht ontologisch vorausgesetzt wird, kann sie nicht verloren werden, sie ist vielmehr immer unerreichbar, muss eben konstruiert werden. Wie also kann man davon sprechen, dass sie verloren wird?

Realität ist ein Resultat der Operationen von Systemen, die Entparadoxieren (Luhmann) oder Enttautologisieren (Nassehi). Inkonsistenzen zwischen Beobachtungen müssen vom System aufgelöst, in Einklang gebracht werden, damit eine Welt entsteht, in der überhaupt operiert werden kann. So führt das Problem der Abschattung — dass der gleiche Gegenstand von unterschiedlichen Perspektiven anders aussieht, aber immer nur eine Perspektive eingenommen werden kann — im Bewusstsein (und im Kommunikationssystem!) zur Konstruktion von Raum, der dann als gegeben hingenommen wird. Das ist Realität — eine (Voraus)Setzung des Systems, die für das System normalerweise unsichtbar ist (Nassehi).2

Realitätsverlust kann man so fassen als nicht mehr funktionierende Konsistenzprüfung (die ja schon durch Selbstbeobachtung festgestellt werden könnte). Das System kann sich nicht mehr auf eigene Konstruktionen verlassen, es tauchen unentparadoxierbare Paradoxien auf, es können keine Tautologien gebildet werden. Bewusstseine erleben dann eine Psychose …

Vielleicht ist dieser Zustand für Kommunikationssysteme schwieriger zu erreichen. Das unvermittelt Paradoxien, Widersprüche auftreten ist hier ja geradezu erwartbar ;) und es ist davon auszugehen, dass es Einrichtungen gibt, die mit diesen umgehen (das ist der Gedanke der Legitimation durch Verfahren). In einigen Fällen kann der Widerspruch in das System eingebaut werden; es ändert sich – und in der Moderne war, wenn man den Geschichten glauben darf, diese Form der soziokulturellen Evolution so normal, das gar nicht von Stabilität als solcher die Rede sein konnte. Und vielleicht kann man — das scheint das Konzept Guattaris Chaosmose zu sein — davon ausgehen, das die Psychose für das Bewusstsein ähnliches bedeutet. In ihr verändern sich die Subjektivitäten, es entsteht etwas neues, ungeahntes …

Man kann den Realitätsverlust so als etwas Produktives denken, zumal man ja durchaus davon ausgehen kann (und muss), das Stabilitätsphasen oder Formen dynamischer Stabilität entstehen, das die Psychose geheilt wird oder jedenfalls behandelt. Deterritorialisierung und Reterritorialisierung, nach dem Realitätsverlust kann eine andere Realität konstruiert werden.

  1. Und es stellt sich schon die Frage, ob man hier von Realität sprechen will. Aber was sagt man sonst? Realität ist einer der differenzlosen Begriffe der luhmannschen Systemtheorie (Sinn, Welt, Realität; dazu Nassehi, Wie wirklich sind Systeme?, In Kritik der Theorie sozialer Systeme (1992), 64f) und konstruiert als solcher eine Paradoxie: Realität ist absolut — aber nur für das System, das sie konstruiert — und damit relativ.

  2. In dieser Fassung des Realitätsproblems sind Systeme nicht in der Lage, zwischen Bedingungen der Existenz von Realobjekten und Bedingungen ihrer Erkenntnis zu unterscheiden, Erkenntnistheorie und Ontologie fallen in eins. Dazu ebenfalls Nassehi und für eine knappe, gut verständliche Fassung auch Luhmann, Die Realität der Massenmedien, 17-19.