Notizen zur Logik der Guillotine
Gedanken zu diesem Artikel aus CrimethInc … Eine Zeit lang hatte ich dieses Plakat vom Jacobin in meinem Zimmer hängen, und dann ist es mir peinlich geworden.
Der positive Bezug auf die Guillotine kommt von der Hinrichtung von Ludwig XVI. Aber sofort hört der Spaß auf: zuerst wird sie von Jacobinern und Sansculotten gegen die moderaten Girondisten verwendet. 1794 nutzt Robespierre sie, um seine Macht auch gegen Danton und die Sansculotten auszubauen und schließlich wird auch Robespierre einen Kopf kürzer gemacht. Letztendlich (eigentlich sofort) wendet sich das Werkzeug der Revolution gegen die Revolutionäre.
Das ist die Logik der Guillotine, dass sie sich gegen die richtet, die sie nutzen. Man kann gar nicht schnell genug guillotinieren, um nicht selbst guillotiniert zu werden.
Vielleicht kann man sagen, dass die Guillotine die Revolutionäre zu dem macht, was sie hassen — zu Mächtigen, die ihre Macht ausnutzen … und mit Arendt kann man noch weiter gehen und feststellen, dass es nicht einmal mehr Macht ist, sondern bloße, von sich selbst berauschte Gewalt … die Guillotine würde Selbstzweck werden.
Aber Macht bietet IMMER Willkürchancen und Macht basiert (wenn sie politische Macht ist) immer auf Gewalt. Auch wenn sie selbst die Gewalt nicht mehr braucht, im Moment der Gewalt verschwindet, bleibt die Drohung von Gewalt überzeugend, kann Gewalt zu ihrer Aufrechterhaltung genutzt werden. Für die Republik wird die Guillotine ein Problem, weil sie sofort das Instrument wurde, Souveränität zu demonstrieren. Die Hinrichtung des Ludwig XVI als Gründungsakt der Republik wird in jeder weiteren Hinrichtung wiederholt, die Republik benötigt die Hinrichtungen, um ihre Herrschaft zu bekräftigen – diese werden nicht ohne Grund als festliche oder sogar religiöse Veranstaltungen (das Fest des höchsten Wesens) inszeniert und wahrgenommen …
Dennoch. Letztendlich richtet sich die Guillotine gegen die Republik. Vielleicht ist das die Umkehrung McLuhans, dass die Guillotine vom Befreiungsinstrument zum Unterdrückungsinstrument wird?
Noch eine Umkehrung … und die message (the medium is the message)? Dass in der Abschaffung des Henkers alle zum Henker werden.
Wie für das verschwindende Bürgertum durch die Erfindung von Waschmaschine und Elektroherd die Hausarbeit nicht verringert, sondern vermehrt wird (vorher gab es Mägde, jetzt gibt es Hausfrauen) … werden die Henker durch die Übertragung der Aufgabe der Hinrichtung an eine Maschine nicht weniger. Es muss nicht mehr aktiv ein Kopf abgeschlagen werden, nur noch passiv das Beil fallen gelassen … Aber die Hinrichtung kann nicht mehr einer Person zugerechnet, externalisiert werden. Durch das Verschwinden des Henkers werden alle zu Henkern, der Henker löst sich auf und dringt in einer bösartigen viralen Infiltrierung ein in den Sozialkörper.1 Es gibt nicht mehr einen, der hinrichtet, stattdessen töten alle.
Es ist ein Verschwinden, Verschieben, Verstecken … Vielleicht ist die Logik der Guillotine die Logik der Verbreitungsmedien — man gewinnt Abstand zu den Konsequenzen des eigenen Handelns, wenn man das Beil nicht selbst fallen lässt. Die Nationalsozialisten bauen die Gaskammern, um den SS-Soldaten den direkten Mord nicht zumuten zu müssen.
Das ist die Gemeinsamkeit zwischen Adolf Eichmann und Haley Welch (dem Hawk-Thua-Girl), dass beide nicht oder nur mit einem Teil der Konsequenzen ihres eigenen Handelns konfrontiert wurden und deswegen ohne Gewissenskonflikte moralisch falsch handeln konnten.
Haley Welch muss und wird den Opfern ihres Scams nicht begegnen, kann ihn ohne Probleme wiederholen, wird höchstens reicher … Und für Eichmann machten es die Bürokratie, die Schrift, die Telegramme an die von Berlin so weit entfernten Lager einfach, grausam zu sein. Für ihn nicht einmal grausam — er musste nicht über die Konsequenzen seines Handeln für die Juden und Jüdinnen nachdenken, weil er sie nicht sehen musste, beobachten konnte. Die direkten Konsequenzen, die Eichmann während seiner Zeit im Reichssicherheitshauptamt zu spüren bekam, waren Beförderungen und Lob.
Die Banalität des Bösen ist die Brutalität der Abstraktion, die Folge der Verbreitungsmedien. Die Dynamik der Trennung von Mitteilung und Information, Handlung und Erleben, Autor und Leser, Sender und Empfänger potenziert die Gewalt. (Im Internet quantitativ, weil jeder Zugang zum Internet hat (also mehr Kommunikationen so ausgerichtet sind) und qualitativ, weil es viel unmittelbarer und schneller funktioniert als alles, was vorher war.)
Nie war es einfacher, jemandem Gewalt anzutun ohne Gewalt zu tun. Nie war es einfacher, zu beleidigen, zu rauben, zu morden … Twitter hat die Kraft von tausend Guillotinen.
Baudrillard, Warum ist nicht alles schon verschwunden?, 19: „[…] alles, was […] verdrängt oder eliminiert wird, [endet] in einer bösartigen viralen Infiltrierung des Sozialkörpers […]“.↩