Unwissen

Informationsdichte

Ich bin mir nicht sicher wie hoch die Informationsdichte dieses Textes ist, man könnte ja mal nachzählen (meine Prognosen fallen niedrig aus). [33/1000]


Informationsdichte ist ein Maß dafür, wie viel Information, wie viele Unterschiede, die einen Unterschied machen in einem bestimmten Stück Text enthalten ist. Ob ein Unterschied einen Unterschied macht ist Beobachterabhängig, gerade Philosophinnen beherrschen ja die Kunst aus uninformativen Texten Informationen zu gewinnen.

Die Informationsdichte eines Textes kann man berechnen indem man die Anzahl der Informationen im Text durch die Anzahl seiner Wörter teilt. Ein sehr informativer Text wird dabei eine höhere Zahl generieren als ein Text, der "Null" ist (das sagt Deleuze in den Vorlesungen über Malerei über Dinge, die ihn nicht interessieren).

Bei den 1000 Wörtern hier ist die Informationsdichte für die meisten Leserinnen wahrscheinlich ziemlich niedrig. Ich könnte, wenn ich mir mehr Zeit lassen und mehr Mühe geben würde, dasselbe auch in der Hälfte der Wörter mitzuteilen. Andererseits ist das Ziel das Ganzen ja gerade, sich präziser auszudrücken, auf eine gewisse Art also, die Informationsdichte zu erhöhen.

Gibt es einen Zusammenhang dazwischen, wie präzise etwas ausgedrückt ist und wie hoch die Informationsdichte im Text ist? Das kommt vielleicht darauf an, wie Präzision gemeint ist. Treffsicherheit heißt hohe Informationsdichte. Allerdings ist Präzision nicht Verständlichkeit. Vielleicht besteht ein negativer Zusammenhang zwischen Verständlichkeit und Informationsdichte. Ein Text mit niedriger Informationsdichte wird verständlicher sein als ein Text mit hoher Informationsdichte.

Ein Beispiel dafür ist vielleicht die Deleuzes Vorlesung über Malerei und seine sonstigen Bücher, Differenz und Wiederholung zum Beispiel. Differenz und Wiederholung hat eine ziemlich hohe Informationsdichte, würde ich sagen, was dazu führt dass man nicht alles auf anhieb prozessieren kann (warum verfalle ich hier in so eine Computer-Metapher?). In der Vorlesung über Malerei ist die Informationsdichte niedriger, es gibt viele Wiederholungen, Konzepte werden langsamer eingeführt … letztendlich ist das ja auch eine Aufzeichnung eines Vortrages vor einem Publikum, dem in so einem Setting eben nicht unbegrenzt viel zugemutet werden kann. In einem Vortrag kann man nicht zurück blättern, zum Beispiel.

Mich würde jetzt aber schon interessieren, wie hoch die Informationsdichte von den verschiedenen Texten ist, die ich hier poste. Die 1000-Wörter Posts sind natürlich (das hatte ich oben schon, das halte ich für einen Beweis), sehr dünn. Die Essays haben wahrscheinlich eine höhere Informationsdichte. Was die normalen Blogposts angeht bin ich mir nicht sicher, aber es fällt ja auch schwer, die Informationsdichte der eigenen Texte einzuschätzen.

Ich muss hier noch einmal betonen, dass Informationsgehalt etwas "relatives" ist. Ein Text wird für verschiedene Leserinnen verschiedene Informationen bereithalten, er wird beim zweiten Lesen andere (nie dieselben) Informationen teilen als beim ersten. Jemandem, der auf die Operationen des Textes achtet, wird andere Informationen erhalten als jemand der nur inhaltlich interessiert ist und so weiter.

Es gibt ja die Tendenz, von den Inhalten die man so konsumiert eine relativ hohe Informationsdichte zu erwarten. Die Bewegung vom Blog zum Kurznachrichtendienst und zu Kurzvideos ist ja auch eine Bewegung der Verdichtung von Information. Und es ist ja fast ein Klischee, dass irgendwelche Technik-Männer keine Romane lesen, sondern irgendwelche self-help-Bücher (das war ja schon mal ein Problem) weil sie daraus "mehr lernen können" – weil die Informationsdichte dieser Bücher höher zu sein scheint.

Es kann dann natürlich nur darum gehen ein Argument dafür zu finden, Texte zu lesen mit (vermeintlich) geringerer Informationsdichte. Ein paar Ansätze gibt es oben vielleicht schon (irgendwie ist es ja schon Lustig dass ich ausgerechnet in einem Text über Informationsdichte noch mehr als sonst zur Wiederholung tendiere) – Texte mehrfach zu lesen wird neue Informationen gewinnen …

Mir fällt gerade auf, dass ein unverständlicher Text auch eine geringere Informationsdichte haben müsste? Wenn ich etwas nicht verstehe enthält es ja gar keine Informationen für mich. Verständlichkeit ist vielleicht das falsche Wort, ich meine so etwas wie Eingängigkeit, Lesefluss … die Beziehung von Verständlichkeit und Informationsdichte wird jedenfalls komplexer sein als ein einfacher Zusammenhang.

Wie dem auch sei. Was dafür spricht, Texte mit (vermeintlich) geringer Informationsdichte zu lesen ist gerade, dass man damit lernen kann, neue, andere Unterschiede zu sehen. In einem Sachbuch über Liebe kann ich zwar mehr explizite Informationen erwarten als in einem Roman, aber "was Liebe ist", so als menschliche Erfahrung, verrät eine Liebesgeschichte vielleicht eher als ein Sachbuch.

Und möglicherweise sind ja nicht alle Unterschiede, die einen Unterschied machen gleich. Man wird Intensivere und weniger intensivere Einschnitte erfahren, und in Büchern, die mit einem hohen Informationsgehalt werben, ist das Intensitätsniveau (das kling auch sehr nach Deleuze, aber ich bin mir nicht sicher) der Informationen wahrscheinlich relativ flach. Man wird also nicht nur über Informationsdichte, sondern auch über Informationsintensität nachdenken müssen.

Man wird einen ähnlichen Gedanken auch für das Schreiben von Texten durchexerzieren können. Steph Ango hat einen sehr kurzen Text auf seiner Website, dessen Titel alles schon verrät: Concise explanations accelerate progress. Irgendwie ist das natürlich conventional wisdom, aber vielleicht ist es trotzdem falsch? Es muss ja einen Grund geben, aus dem trotzdem längere Texte geschrieben (und gelesen, aber das hatten wir schon) werden.

Dazu wird gehören, dass Menschen das Schreiben von Texten selbst zum Nachdenken nutzen. Eine Idee ist ja meistens nicht vor dem schreiben fertig und muss dann nur noch aufgeschrieben werden, sondern das formulieren von Sätzen IST das haben/werden/machen/formulieren einer Idee. Insofern dient ein Text ja nicht nur der Information über eine Idee, sondern eben auch über die Probleme, die zu dieser Idee geführt haben (was ist eigentlich eine Idee?).

Dazu wird außerdem gehören, dass konzise nicht präzise bedeutet, und dass ja gerade sehr kurze Darstellungen mit hoher Informationsdichte völlig unverständlich sein können. Der Satz, dass "jedes Unterscheiden zugleich das Bezeichnen einer Seite der Unterscheidung ist" ist erklärungsbedürftig. Die meisten Sätze, die meisten Texte sind erklärungsbedürftig, und Erklärungen – das ist ja das Schlimme an der Sprache – sind nie erschöpfend.

Wenn ein Satz verständlich sein muss, damit er informiert, und wenn Verständlichkeit durch andere Sätze erzeugt wird, dann wird die Informationsdichte von sehr kurzen Texten – so einem wie dem von Ango – eher gering sein. Alleine dass ich das als conventional wisdom bezeichnet habe zeigt ja, dass es nichts neues – eben keine (oder nur wenig) Information ist.

Noch gar nicht thematisiert habe ich, dass Information gar kein bewusster Vorgang sein muss. Es ist ja durchaus vorstellbar, dass es Unterschiede gibt, die Unterschiede machen, ohne dass man es bemerkt?

#1000x1000