Unwissen

Große und kleine Differenzen

Ich setzte den Vorschlag, den ich mir gestern gemacht habe direkt um und schreibe um 16:00, kurz nach einem eineinhalbstündigen Mittagsschlaf. Es kann nur besser werden, die folgenden 1000 Wörter sind trotzdem mit Vorsicht zu genießen. [22/1000]


Ich habe – ein bisschen Ideenlos – gerade in meine Notiz mit Ideen für Blogposts geschaut und ein paar Gedanken zum Widerspruch gefunden, denen ich mich jetzt widmen werde.

Widersprüche sind meistens Problematisch. Man will sie beseitigen, man widerspricht den Menschen, die sich widersprechen. Stattdessen möchte man Einheit. Man kann sich die gesamte aristotelische Metaphysik als Projekt vorstellen, das Versucht widersprüchliche Perspektiven aufzulösen.

Natürlich ist das oft nicht verkehrt, wer politische, das heißt allgemein verbindliche Entscheidungen treffen will, sollte dafür sorgen, dass die Betroffenen (also alle) sich mit dieser Entscheidung abfinden können, einen Konsens anzustreben – auch wenn das (die völlige Kongruenz oder Kohärenz der Meinungen) für illusorisch halte. Aber Konsensstreben und auch die sonstige Betonung von Einheit und Einigkeit (politische Bestrebungen in diese Richtung haben ja in den letzten Jahren deutlich an Konjunktur gewonnen, für Argumente gilt seit jeher die Forderung nach Widerspruchsfreiheit) verdecken (das ist vielleicht eine steile These) das Produktive des Widerspruchs.

Es geht mir also um einen Widerspruch gegen den Widerspruch gegen den Widerspruch. Gerade für Theorien (und nicht nur für solche, die sich mit Hegel als geschichtsphilosophisch Bezeichnen lassen) ist der Widerspruch doch etwas interessantes. Wie kommt eine Theorie dazu, mit und in Widersprüchen zu arbeiten? Wie und wann ist es möglich, das A und nicht A gleichzeitig gelten, und wann muss der Widerspruch zwischen A und nicht A aufgelöst werden?

Wenn eine Theorie etwas an ihrem Gegenstand als widersprüchlich beobachtet, ist der Widerspruch dann immer auch Widerspruch der Theorie? Das scheine ich zu implizieren.

Was man sich außerdem fragen könnte ist, warum Luhmann über den Widerspruch als Paradoxie spricht. Die Antwort darauf ist leichter, ich vermute, um sich von der (klassischen) Dialektik abzugrenzen (die negative Dialektik Adornos ist wahrscheinlich näher an dem, was Luhmann will). Zwar erfindet sie die Verlagerung der Paradoxie in die Zeit, sieht sie aber auch dann noch immer unter dem Vorzeichen ihrer Einheit, Widersprüche müssen – werden – sich auflösen. Die Revolution muss kommen, weil sich der Widerspruch von Proletariat und Bourgeoisie notwendig auflösen muss, die Möglichkeit der Nivellierung des Klassengegensatzes (oder wie auch immer man die Entwicklungen der 50er bis 70er Jahre nennen will) kommt in so einem Modell gar nicht in den Sinn.

Luhmanns Paradoxie hat aber nicht nur den Vorteil, dass sie sich nicht auflösen muss. Der Begriff betont – stärker als der Widerspruch (denn der Widerspruch scheint fast immer ein objektiver Widerspruch zu sein) die Beobachterabhängigkeit der Differenz. Paradoxien müssen immer von einem Beobachter gesetzt, konstruiert werden, und zwar immer dann, wenn er Versucht, beide Seiten einer Unterscheidung, also die Einheit der Unterscheidung zu Beobachten.

Wenn dieser Satz falsch ist, ist er entweder wahr, dann ist er falsch, oder er ist falsch, dann ist er wahr. Die Paradoxie hat also die Form A, weil nicht A. Weil es unmöglich ist eine Seite zu bezeichnen, ohne die andere zu bezeichnen, beginnt ein Beobachter zu oszillieren.

Der Versuch der Entparadoxierung – also Widerspruchsfreiheit zu erzeugen, zum Beispiel, in dem man nach den impliziten Voraussetzung des Satzes fragt – erzeugt immer neue Folgeprobleme, also andere Unterscheidungen, die ihrerseits auf ihre Widersprüchlichkeit (Paradoxidität klingt seltsam) beobachtet werden können. Man kann fragen, wer den Satz warum geschrieben hat, ermöglicht damit aber die Frage nach der Einheit (der Differenz von) von Satz und Enunziator und so weiter. Die von Luhmann vorgeschlagene Funktion der Paradoxie ist hier (meine Notizen dazu beziehen sich entweder auf SoSys oder GdG, aber sicher bin ich mir nicht) das Blockieren von Beobachtungen. Operationen verlaufen blind, für den Fortgang der Autopoiesis eines Systems ist nur nötig, dass eine weitere Operation an die vorhergehende anschließt.

Paradoxie und Widerspruch setzen eine Differenz voraus. Ich bin immer geneigt, Differenzen als Form (im Sinne Spencer-Browns) zu denken, aber ich weiß nicht, ob die Formalität der Differenz schon dazu führt, dass nur eine bestimmte Form von Differenzen beobachtet wird – die nämlich, die Deleuze als große Differenz bezeichnet und damit Unterscheidet von der kleinen, infinitesimalen Differenzen, über die Leibnitz nachdenkt.

Die Form der Form ist eine Grenze zwischen zwei Seiten. Jedes Unterscheiden ist zugleich das Bezeichnen einer Seite dieser Unterscheidung. Um auf die andere Seite der Unterscheidung zu wechseln, muss die Grenze zwischen den Seiten überschritten werden, dieses crossing verbraucht Zeit.

Die große Differenz ist eine, deren Seiten in einem Negationsverhältnis stehen, kleine Differenzen sind eben kleiner, widersprechen oder negieren sich nicht. Ein wahrer Satz kann neben einem falschen Satz stehen, ohne dass das irgendwie Problematisch wäre.

Die Form der Form aber führt dazu, dass eine Seite – ein Satz, wenn man an diesem viel zu abstrakten Beispiel festhalten will – zuerst bezeichnet wird, und damit wird die kleine Differenz in eine große Differenz überführt. Denn die Seiten stehen, wenn eine bezeichnet wurde (und sowohl Spencer-Brown als auch Luhmann halten die Bezeichnung für instantan mit der Unterscheidung) in einem Verhältnis der Negation zueinander. Es ist unmöglich, es wäre paradox, beide Seiten gleichzeitig zu bezeichnen. Das ist nur möglich in Abgrenzung zu einer anderen Unterscheidung, in der Unterscheidung der Unterscheidung von ihrer Einheit, zum Beispiel.

Es liegt also nahe – um sich wieder auf einen Weg zurück zur Ausgangsfrage zu begeben – zu vermuten, dass Luhmanns Systemtheorie vor allem mit Differenzen operiert, die man mit Deleuze als "groß" bezeichnen könnte.

Die Studien Latours wären vielleicht ein Beispiel für eine Beobachtungsweise, anders verfährt. Gerade an seinem Umgang mit der Differenz, vielleicht könnte man sagen, dem Widerspruch, von Kultur und Natur wird die Bewegung deutlich, zwischen den zwei Seiten der Unterscheidung nicht eine grundlegende Asymmetrie einzubauen (bei Luhmann werden diese Asymmetrien ja noch verstärkt durch die Figur des re-entry), sondern weitere Unterscheidungen einzuschieben, deren Aufgabe sich als "Verkleinerung" beschreiben lassen könnten.

Betrachtet man die ökologische Motivation Latours könnte man vielleicht den Verdacht bekommen, sein Ziel sei die Verwischung oder Auflösung der Differenz von Kultur und Natur. Das wäre sicher nicht unproblematisch (wie oben hoffentlich deutlich geworden ist halte ich nicht viel vom Streben nach Einheit), ich vermute aber, dass man sein Projekt – und das Projekt der gesamten Strömung, die sich als neuer Materialismus bezeichnet – eher beschreiben kann als Versuch des re-entrys der Kultur in die Natur (sozusagen als Gegenbewegung zu dem, was die luhmannsche Systemtheorie vorschlägt).

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