Unwissen

Gegen jede Pedanterie

Es gibt wenig was mir so schlechte Laune macht wie Pedanterie, und aus irgendeinem mir unbekannten Grund fällt mir in den letzten Tagen sehr viel auf, was ich als pedantisch empfinde.

Mit Pedanterie meine ich nicht, etwas Genau zu nehmen. In vielen Fällen ist Genauigkeit, Präzession usw. sehr wichtig. Niemand möchte zum Beispiel Missverstanden werden, und deswegen muss man ab und zu darauf achten, wo ein Komma gesetzt wird.1 Aber in vielen Sätzen macht ein fehlendes Komma eben keine Bedeutungsverschiebung aus, sondern nur eine ganz kleine.

Und wo wir schon beim Schreiben sind: Wie genau im deutschen zum Beispiel An- und Ausführungszeichen gesetzt werden ist völlig egal. Wichtig ist, dass sie gesetzt werden. Ob sie oben oder unten, gerundet oder gerade sind ist für (fast) alle völlig egal – vor allem, weil viele moderne Schreibprogramme (Google Docs zum Beispiel) gar keine Möglichkeit bieten, Anführungszeichen nach unten zu setzen. Nach mehr als 60 Jahren digitaler Textverarbeitung könnte man meinen, dass die gerundeten (ich weigere mich das "smart-quotes" zu nennen) Zeichen endlich aussterben, aber meine Hoffnungen bleiben bisher enttäuscht.

Deutlich schlechtere Laune macht mir aber mir aber eine Form von Pedanterie, die auf ursprüngliche Wortbedeutungen fixiert ist. In diesem Video befürchtet Ash Callaghan, dass der Bedeutungswandel von Wörtern (Beispiel ist hier das Wort whimsy, in einem anderen Video wird dasselbe für das Wort chic/chique durchexerziert) zum "soziolinguistischen Kollaps" führen wird.

Dass man sich ärgert, wenn Worte plötzlich anders gebraucht werden als gewohnt finde ich nachvollziehbar, aber darauf kann man doch keine Gesellschaftskritik aufbauen? Dass sich Trends an bestimmte Wörter und die mit ihnen assoziierten Eigenschaften heften ist eine Beobachtung, die man machen kann. Dass sich dadurch ihre Bedeutung verschiebt und ausweitet auch. Aber Angst haben, dass es irgendwann keine Wörter mehr gibt muss man nicht. Es werden ja ständig neue erfunden, und Wörter können nicht nur Bedeutung gewinnen, sondern auch verlieren. Und sich darüber zu beschweren, dass ein Wort falsch verwendet wird, ändert nichts an der falschen Verwendung des Wortes.

Pedanterie ist, wenn man das so sagen kann, Aufmerksamkeit auf Unterschiede, die keinen Unterschied machen. Vielleicht ist das aber eine Form, ein Gefühl von Kontrolle zu erzeugen, wenn über die Unterschiede, die einen Unterschied machen, keine Kontrolle mehr da ist. Algorithmische Selektion macht es immer schwieriger selbstbestimmt zu entscheiden, was wichtig ist, was uns betrifft, schon im 19. Jahrhundert konnte man den Kontrollverlust über die eigenen Lebensbedingungen als Entfremdung beschreiben.

Aber mit Pendanterie bleibt es eben bei einem Gefühl von Kontrolle. Sie trägt nichts bei, sie kann nichts beitragen. Sie kommuniziert entweder eine Beobachtung, die ohne jede Folge bleibt und ist damit eine völlige Verschwendung von Aufmerksamkeit. Oder sie verleiht etwas sonst völlig irrelevantem Relevanz, veredelt das Banale.

Ich weiß nicht was zu sehen ist, wenn man Pedanterie zu einer Persönlichkeitsstörung erklärt. Die Bestimmung als "Wille, Kleinigkeiten der Umwelt das Gesetz der eigenen Person aufzuerlegen" (Allers) erinnert aber vielleicht nicht ohne Grund an das, was ich vor einiger Zeit Entdifferenzierung genannt habe.

  1. Das klassische Beispiel dafür ist sowas wie "Komm wir essen, Opa" und "Komm, wir essen Opa" …