Gedanken zur Diagrammatisierung der Begriffe
Heute komme ich mir besonders wirr vor, ich weiß nicht ob das an zu viel Sonne liegt oder an dem unten Erwähnten gespräch mit H. und K. – wohlmöglich an beidem. Wie immer sind alle Angaben ohne Gewehr und ohne Gewähr. [16/1000]
Ich habe heute in der Cafeteria für Entrüstung gesorgt, als ich gesagt oder gefragt habe, ob ein Begriff mehr ist als die Gesamtheit der Sätze, in denen er benutzt wird – und dabei behauptet, dass das nicht so ist.
Ein Begriff ist soetwas wie ein Link, der Textstellen – Sätze eben, in einem ganz alltäglichem Sinn – miteinander verbindet. Das impliziert natürlich, dass es nicht reicht, einen Begriff als Generalisierung zu verstehen, die dann in verschiedenen Kontexten eingesetzt werden kann, und das impliziert auch, dass ein Begriff unabhängig von einem Kontext, in dem er etwas begreift, gar nichts bedeutet.
Dieser Versuch, den Begriff zu fassen (der dann aber auch immer mehr ist, als der Kontext, in dem er konkret aufgerufen wird), ist natürlich sehr Strukturalistisch. Das Zeichen als Loch in der Struktur, die Schachfigur, die nur im Zusammenhang mit allen anderen Figuren ihre Bedeutung als Schachfigur gewinnt. Neu ist diese Idee nicht.
Ein Begriff ist dann das, was er nicht ist – obwohl die Idee, dass er durch die Sätze bestimmt wird, in denen er vorkommt, mehr impliziert als eine bloße Bestimmung über Negation. Das Loch ist nicht einfach nichts, sondern es hat Ränder – man kann ja durchaus Fragen, in welchem Kontext die Sätze (also die Kontexte – und, das fällt mir gerade ein – man darf hier durchaus von KonTEXT sprechen) vorkommen – und auch diese Ränder haben Ränder, sodass sich a) eine Art Kontrast festmachen lässt zwischen dem, was relevant ist und dem, was nicht relevant ist und b) das Bild eines, wie H. vorhin für Deleuze behauptete, gravitationalen Strukturalismus entsteht, in dem Begriffe bestimmtes, sich in ihrer Nähe befindliches, in ihr Loch (oder ihre Krümmung, denn Löcher sind hier etwas anderes) Raumzeit ziehen.
Mir gefällt das Bild des Lochs nicht. Eher stelle ich mir die Gesamtheit des Textes oder der Kommunikationen als einen gar-nicht-euklidischen Raum vor, in dem es unzählige Linien gibt (die, denn das Parallelenaxiom ist hier ausgesetzt), zum Teil nebeneinander her laufen, sich zum Teil überkreuzen, und die Kreuzung bestimmter Linien an einem bestimmten Ort lässt sich mit einem Begriff bezeichnen. Was genau diese Linien sind weiß ich nicht, vielleicht Sinn? Vielleicht ist dieser Raum oder das Diagramm dieses Raumes der Gesamtzusammenhang der Verweisungen.
Vielleicht saß ich zu lang in der Sonne heute. Aber der Raum, wenn ich das weiterspinnen darf, müsste eher eine Raumzeit sein, denn viele – vielleicht die meisten der Verweisungen, liegen ja in der Zeit. Das ist die Dimension der Anschlusskommunikationen. Ich weiß nicht, ob das so funktioniert.
Luhmanns Rede von den Sinndimensionen mit ihren drei Unterscheidungen impliziert aber auch so eine Art Diagramm, oder wenigstens Vektoren, die an jedem Sinnpartikel festgestellt werden können:
- die Zeitdimension verweist auf ein Vorher oder Nachher
- die Sachdimension verweist auf dieses Thema oder ein Anderes
- und die Sozialdimension verweist auf Alter oder Ego
Zentral ist dabei natürlich die Dimensionalität dieser Dimensionen, das heißt ihre Inkommensurabilität. Dass ich und meine LeserInnen uns nicht einig sind, ändert nicht den Bezug meines Satzes.
Aber wie stellt man sich ein dreidimensionales Feld – schon das scheint ja ein widerspruch zu sein – vor, dass seinerseits gekrümmt ist? Das ist ja auch das Problem der Raumzeit von Einstein – ihre Vierdimensionalität ist nicht vorstellbar, weshalb das Universum immer Verflacht wird, damit man Gravitation durch die Krümmung einer Ebene darstellen kann.
Ist die Zweidimensionalität eine notwendige Eigenschaft des Diagramms? Die metaphorischen Karten, die Latour in seinen Studien zeichnet, zeigen ja auch einen nicht-euklidischen Raum, der verflacht wird, ohne wiederum gekrümmt, also in eine dritte Dimension gelagert zu werden.
Die ANT, schreibt John Law, ist eine "machine for waging war on Euclideanism: as a way of showing, inter alia, that regions are constituted by networks". Das Netzwerk ist in diesem Sinn eine ganz neue Form von Räumlichkeit.
[…] in a network, elements retain their spatial integrity by virtue of their position in a set of links or relations.
Das Netzwerk kann so verstanden werden als Projektionsprinzip eines Raumes, der selbst – zum Beispiel aufgrund seiner Multidimensionalität – nicht mehr als Raum zu erfassen ist. Die in diesem Raum enthaltenen Elemente werden nicht durch eine Position im Raum, sondern durch ihr Verhältnis zu den anderen Elementen bestimmt. Das Netzwerk verflacht einen Raum in zwei Dimensionen, erhält dabei aber – anders als die Verflachung der Raumzeit von vier auf drei Dimensionen oder die Verflachung des Hauses in der Skizze der Architekten von drei auf zwei Dimensionen – die Dimensionalität dieses Raumes.
Noch einmal. Im Netzwerk – im Diagramm – wird es möglich, hochdimensionale Räume darzustellen, ohne sie ihrer Dimensionalität zu berauben. Das Diagramm eines Netzwerkes hat keine Achsen, sondern kennt nur die Relationen zwischen den Elementen, die die Dimensionen – zum Beispiel durch die Art oder Farbe der Linie, die die Relation darstellt, oder selbst als Element, wie auch immer – einholt.
Problematisch ist nur, dass das Netzwerk eine so praktikable und leicht anwendbare Darstellungsform ist, dass die topologischen Annahmen, die der ANT vorausgehen (hier ist nicht der Ort, das auszuführen), selbst naturalisiert werden. Und – diesem Problem widmen sich Latours "Existenzweisen" – die Metaphorik des Netzwerkes homogenisiert den Charakter jeder (möglichen) Verbindung und jedes (möglichen) Elements. Welche Dimension zum Beispiel eine Relation bedient, verliert in einem Raum, der der Dimensionalität ihre Bedeutung nimmt (denn die Dimensionen werden dann kommensurabel), jede Bedeutung.
Zu überlegen ist auch, ob die Form des Netzwerkes tatsächlich "strong restrictions on the conditions of topological possibility" legt. Denn wie oben ausgeführt, ermöglicht das Netzwerk durch seine Reduktion des alltäglichen Raumerlebens auf Elemente und Relationen die Entfaltung jeder möglichen Räumlichkeit, das heißt beliebiger Dimensionalität. Komplexitätsaufbau durch Komplexitätsreduktion könnte man das mit Luhmann nennen. Man darf der Naturalisierung der Konstruktionsprinzipien des Netzwerkes nicht folgen und muss sie als das begreifen, was sie sind – Konstruktionen, die auch anders möglich wären. Die Relation von Element und Relation ist nie notwendig, sondern immer Beobachterabhängig. Dass damit verschiedene Netzwerke desselben Sachverhalts gezeichnet werden können, ist klar. Dass Elemente ihrerseits in Elemente und Relation aufgelöst werden können, auch.
Die Möglichkeit einer Diagrammatisierung von Begriffen ist offensichtlich, aber es wird – hier kann ich meinen Vorschlag von oben jetzt anpassen – weder nur ein Diagramm eines Begriffs (oder das Diagramm mehrerer Begriffe, also die Darstellung von Begriffsnetzen) geben, noch nur eine Möglichkeit, die Begriffe überhaupt zu Diagrammatisieren. Das Verhältnis von Stelle und Verweisung könnte auch umgekehrt werden, Relationen könnten als Elemente, Elemente als Relationen dargestellt werden.