Unwissen

Führerscheinerwerbungsprozess I

Alle freuen sich, dass ich mich doch dazu durchgerungen habe. Vor allem L., natürlich, weil sie nicht selbst fahren will. H. gratuliert und sagt sie hätte da keine Lust drauf. Mich interessiert vor allem wie es ist etwas mit Mitte zwanzig zu machen, was viele mit 16, 17, 18 tun und ob ich diese Autofahrer-Ideologie übernehme, wenn ich selbst einer werde.


16.06.

Sitze im Seminarraum 4 der örtlichen Johaniter und warte auf den Dozenten vom erste Hilfe-Kurs, bisher bin ich ganz alleine. Im Hof sind mir drei Frauen begegnet, die vielleicht auch einen Kurs machen könnten, für die Firma oder so? Vor der Tür versammeln sich Leute, aber die trauen sich nicht rein zu kommen. Das Gebäude sieht sehr nach 70er Jahre Zweckarchitektur aus, hässlich also. Seminarraum 2 ist gesperrt, wahrscheinlich wegen Asbest. Der Fahrstuhl ist winzig.

Der Kurs war zu lang, der Kursleiter hat sich zu gern reden gehört. Durchgestanden habe ich es trotzdem, obwohl ich kurz davor war mich zu verweigern, als ich meinem Sitznachbarn ein Pflaster auf die Glatze kleben sollte.

24.08.

Sehtest, ich hatte das Gefühl gar nichts zu sehen und habe geraten. Ich weiß nicht, ob ich nicht ohne Brille mehr gesehen hätte? Bestanden habe ich seltsamerweise trotzdem, vielleicht, weil die Optikerin gesehen hat, dass ich schon eine Brille trage und sie mir keine neue verkaufen darf. Ich hätte gern mein Ergebnis gewusst, also wie viele der Drehungen dieser kleinen Cs ich richtig identifiziert habe, aber ich habe mich nicht getraut zu fragen.

01.09.

Habe inzwischen richtig Bock aufs Autofahren. Habe einen Beratungstermin in einer Fahrschule ausgemacht, die verspricht einen sehr schnell zum Führerschein zu bringen. Niemand war da, als ich da war. Morgen versuche ich es nochmal.

02.09.

Der zweite Versuch war erfolgreich, die Reise zu dem anderen Standort war zwar weiter, dafür habe ich den Grundbetrag geschenkt bekommen – vielleicht als Entschuldigung dafür, dass gestern niemand da war? Ich konnte direkt im Anschluss die Fahrschulapp herunter laden, die – wie scheinbar alles – dem Springer-Fachmedien-Verlag gehört. In zwei Wochen geht es los mit der Theorie.

14.09.

Meine Balatro-Sucht habe ich gegen eine Führerschein-App-Sucht getauscht. Mit den normalen Fragen war ich relativ schnell fertig, seitdem spiele ich die Prüfungssimulation, inzwischen habe ich sieben bestanden. Das Spektrum der Fragen ist Lustig, meine liebsten sind die, die nach dem Schema "willst du lieber diesen Fahrradfahrer töten oder langsamer fahren" funktionieren. Nachher habe ich die ersten Theorie-Stunden.

Es waren erstaunlich viele erstaunlich alte Leute da, ich habe mich bei weitem nicht so alt gefühlt wie ich erwartet habe. Bei meinem letzten (ersten) Führerscheinversuch waren wir alle 16, vielleicht lag das am Dorf, aber es machen auch nicht alle einen Klasse-B Führerschein. Auch sonst ist die Gruppe ziemlich gemischt, ein Querschnitt durch die Gesellschaft würde man vielleicht sagen.

Es gibt drei oder vier die alle Fragen der Fahrlehrerin beantworten, eine ältere Frau ist im Laufe des Abends dazu übergegangen, gar nicht mehr zu warten ob jemand anderes etwas zu sagen hat und einfach immer selbst zu sprechen.

Die Diskussionen waren enttäuschend erwartbar, natürlich sind sich alle einig dass illegale Drogen mehr Menschen töten als Alkohol (das stimmt nicht, aber ist ja egal), und auch als der Tuner sich mit Tränen in den Augen darüber beschwert, dass jede Veränderung am Auto abgenommen werden muss (in Amerika ist das nicht so!), herrscht ziemliche Einhelligkeit über die schlimme deutsche Bürokratie.

Auch schön: Ralph Caspers erzählt in einem Video, dass Aufmerksamkeit teilbar sei, danach wird in der Simulation des Fahrens während man aufs Handy schaut die Windschutzscheibe geschwärzt und der Ton ausgeblendet …

24.09.

Es war nicht unanstrengend, jeden Abend drei Stunden dem gelangweilten Fahrschulpersonal zuzuhören, aber ich habe es geschafft. Gelernt habe ich zum Beispiel, dass man Kinder nicht überfahren sollte und dass man auch auf Radfahrer Rücksicht nehmen sollte, obwohl ein Fahrrad natürlich "gar nichts richtiges" ist.

Derselbe Fahrlehrer hat dann auch festgestellt, dass Menschen (Frauen UND Männer) wie Autos sind, alle Unterschiedlich nämlich. Als jemand der immer überall Differenzen sucht kann ich das natürlich nur unterschreiben.

Bei einer Fahrlehrerin habe ich mich ein bisschen unbeliebt gemacht, als ich auf die Frage, warum es so viele Unfälle gibt geantwortet habe, dass es viele Verkehrsteilnehmer gibt. Dass die hohe Anzahl von 60-70 Jährigen unter den Unfallopfern sich vor allem dadurch erklärt, dass es viele 60-70 Jährige gibt, ist ihr dann aber auch aufgefallen. Insgesamt wurde über Unfälle immer geredet, als wären die allein durch die persönliche Einstellung zum Straßenverkehr vermeidbar ("meine Mutter fährt immer vorsichtig und hatte noch nie einen Unfall"). Ich kenne mich mit Verkehrspsychologie nicht aus, aber auch hier wird guter Wille wohl nicht reichen, um Unfälle zu verhindern. Auch mit guten Willen über- oder unterschätzt man sich, auch mit viel Erfahrung wird man (vielleicht sogar eher) unaufmerksam sein. Dass eine Unfallstatistik vor allem eine Statistik ist, die mit der persönlichen Einstellung von Fahrern wenig zu tun hat, müssen doch gerade auch Fahrschulen wissen. Dass man den Leuten "ins Gewissen scheißt" ist doch eher eine Reaktion darauf, dass das Gewissen der Einzelnen eben das einzige ist, was man beeinflussen kann. An der Unfallstatistik wird das wenig ändern.

Der letzte Termin gestern Abend war auch nochmal besonders aufschlussreich. Der "Mensch ist so konzipiert, dass er fragt, warum verbietest du mir das?" – besser kann man den Grundgedanken der Aufklärung gar nicht zusammenfassen. Das beste Beispiel für diesen aufklärerischen Geist ist die ältere Frau von oben, die kurzen, 20 Minuten darüber gerantet hat, dass es zu viele Straßenschilder gibt, die gar nichts bringen, denn der Amazon-Fahrer hat die Katze der Nachbarn totgefahren.

28.09.

Ich habe heute meine theoretische Prüfung bestanden, vorher hatte ich eine – meine dritte – Fahrstunde. Ich habe das Gefühl ganz gut klarzukommen mit dem Auto, es fällt mir jedenfalls nicht besonders schwer. In meiner ersten Fahrstunde war habe ich vor lauter Aufregung das Lenkrad trotzdem so sehr festgehalten, dass ich danach einen Krampf in der rechten Hand hatte.

Die Theorieprüfung war ok, nach meiner Fahrstunde wurde ich beim TüV abgesetzt, bin in den containerartigen, wellblechverkleideten Bau eingetreten und habe mir eine Wartemarke gezogen. Zum Hinsetzen bin ich nicht gekommen, ich war sofort dran. Die Aufseherin war unfreundlich und wollte mir nicht so richtig glauben, dass ich mein Handy schon vor der Tür ausgeschaltet hatte, danach durfte ich die Prüfung absolvieren. Aus irgendeinem Grund hatte ich mir vorgestellt, dass die Prüfung an Tabletts (mit Touchdisplay) absolviert wird, dem war nicht so. Ich saß stattdessen vor einem Sichtschutz, hinter dem sich ein Bildschirm mit einer Maus befand. Warum man den Sichtschutz nicht seitlich, zum Nachbarn, sondern vor die Prüflinge stellt hat sich mir nicht erschlossen. Naja. 15 Minuten habe ich gebraucht, jetzt habe ich es geschafft.

Ich bin – um meine Frage von oben zu beantworten – der Autofahrer-Ideologie bisher noch nicht anheimgefallen. Vielleicht passiert das erst nach einer Weile, nach der Prüfung im Bus habe ich mich jedenfalls nicht unwohl gefühlt, und als der Fahrlehrer sich vor der Möglichkeit einer flächendeckenden Einführung von Tempo 30 in der Innenstadt gefürchtet hat, habe ich – zu seinem Unmut – geantwortet, dass das doch praktisch wäre. Bisher erscheinen mir die Regeln, die Autofahrenden so auferlegt werden im Allgemeinen ganz sinnvoll, wenn überhaupt wird mir unverständlicher, dass jemand nach ein paar Stunden Unterricht fähig sein soll, einen zwei Tonnen schweren, 200km/h schnellen Metallquader durch die Gegend zu bewegen.