Edgelands der Ökologie
Von drauß vom Walde komm ich her; ich muß euch sagen … (Theodor Storm)
Gerade Herausgebrochen: Man kann sich nicht gleichzeitig auf beiden Seiten der Unterscheidung befinden. Aber es liegt in der … Natur … jeder Unterscheidung, dass man auch auf ihre andere Seite gehen kann. Man muss sich entscheiden. Die erste Unterscheidung bleibt fatal, außer man setzt neu an.
Auf die andere Seite der Unterscheidung gehen zu können heißt, andersherum zu denken. Hier also von außen?
- Der Borkenkäfer, die Dürre (die Wüste) sind die Rache der Natur an den Menschen. Die Natur lässt sich, so sehr man es versucht, nicht zählen, beherrschen, kontrollieren. Das Polygoptikon kann die Bäume beobachten, aber die Gräser, Büsche, Insekten?
- Die Natur lässt sich nicht verdrängen, sie bricht immer wieder ein. Die Heuschreckenplagen, biblisch, lassen sich nicht verhindern durch Pestizide, die Viren werden multiresistent …
- Freud erfindet den Todestrieb um mit dem Sterben seiner Tochter zu copen und projiziert noch dieses coping auf seinen Enkel (vgl. Bronfen …). Das ist kein gutes Beispiel, eigentlich gelingt die Verdrängung ja?
- Aber der Garten! Er lässt sich nicht beherrschen, immer muss man gießen, jäten, zupfen, die Ratten mit konventionellen oder Chemiewaffen vernichten.
- Stadt und Land sind Stadt und Land in der Natur, bleiben immer ausgeliefert, immer angebunden an die Bedingungen ihrer Möglichkeit — Produktion und Gentrifizierung, vor allem aber den Dreck (Wann wird der Sand knapp, aus dem wir die brutalistischen Schlösser bauen?) — und gemäßigtes Klima und Gravitation — sie sind im Humus (Harroway) …
- Wenn Call und Gus die Wildnis vernichten bleibt etwas von ihr. Sie wird Gespenst, das uns heimsucht, und gerade deshalb, weil man heimgesucht ist, muss man immer weiter in die Wildnis gehen und das Unberührte Berühren …
[W]ie man weiß, endet alles, was […] verdrängt oder eliminiert wird, in einer bösartigen viralen Infiltrierung des Sozialkörpers wie des individuellen Körpers. (Baudrillard, Warum ist nicht alles schon verschwunden?, 18)
- Die Natur wird überflüssig, hyperfluide, gasförmig, wir atmen sie ein und werden krank. Gott muss nicht in das Haus gelassen werden, wir können ihn nicht aussperren, er ist die eine unendliche Substanz und wir in ihm und er in uns.
Was bleibt, ist (auch hier) die Immanenz. Man entkommt der Natur nicht, befindet sich immer im Kampf, einmal im Jahr muss man zum Zahnarzt, manchmal muss man Aufräumen … Ordnung schaffen gegen die immer drohende Unordnung, das Rauschen …
Man findet die Wildnis dort, wo man sie nicht sucht, weil sie überrascht, sie ist Zufall, vom System nicht synchronisierbar. Sie ist die Evolution, der neuerdings auch die Gesellschaft unterliegt. Sie ist das nicht beobachtete — und das ist immer auch man selbst. Das sind die Edgelands der Ökologie. Sie ist Menschenwissenschaft (Amery) und gerade deswegen interessant.
Man kann nie ganz drinnen sein, sich nicht entziehen. Die Fliegengitter bringen nichts, wenn das Eis schmilzt und die Felder versanden.
Aber was hinter dem Außen liegt?