Drei mal Meta – 0002
War ein bisschen überrascht, wie gut ich mich gestern nach den 1000 Wörtern gefühlt habe. Hatte direkt im Anschluss auch ganz viele Ideen, die ich am liebsten gleich noch mit aufgeschrieben hätte – natürlich habe ich das alles wieder vergessen.
Aber die Motivation ist geblieben, dabei ist das Ergebnis ja wirklich furchtbar und wirklich nichts worauf man stolz sein könnte. Habe auch schon überlegt ob es nicht besser wäre, das ganze einfach nicht zu teilen, aber das scheint mir auch nicht wirklich Sinnhaft zu sein, wenn das Ziel die Konditionierung des Prozesses ist. Da braucht es schon ein (sehr kleines) Publikum, an dessen (wie auch immer imaginierten) Ansprüchen man seinen Text ausrichten kann.
Frage mich auch, ob man die Posts irgendwie vorbereiten kann, darf oder muss? Einerseits ist die Idee ja schon den Worten freien Lauf zu lassen, andererseits möchte ich schon über spezifische Dinge schreiben und mich nicht ständig in Metakommentaren verfangen.
Habe heute Vormittag darüber nachgedacht, dass sich die Bedeutung von Texten mit ihrer Masse ändert. Irgendwann tritt wahrscheinlich eine Art der Inflation ein, mit der die einzelnen Texte – einfach weil es so viele andere gibt – deutlich an Relevanz abnehmen. Was konkret das für denjenigen heißt, der die Texte schreibt, kann ich mir jetzt noch nicht vorstellen – vielleicht (hoffentlich) wird man mit der Zeit ein bisschen mutiger, weil nicht mehr alles an diesem einen Text hängt.
Es gibt ja auch Leute, die ihr ganzes Leben lang fast nichts schreiben, und im Prinzip nur lesen. Peter Gente, der Gründer des Merve Verlags, ist so einer. H. sagt, dass sie sich da auch sieht – und ich kann das schon nachvollziehen, dass eben nicht 1000nde, sondern zwei oder drei (dann wahrscheinlich deutlich umfangreichere) Texte schreibt und veröffentlicht. Aber die Bedeutung, die diese Texte dann haben ist ja extrem. Das könnte auch eine Art negativer Feedback-Loop sein, der einfach verhindert, dass man schreibt:
Man hat extrem hohe Ansprüche an seine Texte, arbeitet deswegen sehr lang und intensiv an ihnen, schafft es aber nicht irgendetwas fertig zu stellen, weil die Ansprüche an die eigene Arbeit so hoch sind. Das fängt ja schon mit der einfachen Feststellung an, dass Texte begrenzt sind und man nicht alles in sie aufnehmen kann. Natürlich kann man dann auf Abstraktionen zurückgreifen, aber ob die reichen, um dem eigenen Anspruch auf – das bietet sich hier jetzt an – Vollständigkeit – gerecht zu werden?
In diesem Sinn kann das hier auch als Versuch verstanden werden, die eigenen Ansprüche zu schleifen, oder wenigstens ein bisschen zu feilen, in Form zu bringen.
Einen anderen Gedanken zum Sinn des Ganzen hatte ich noch: es geht auch darum, Ideen (im Sinne von Einfällen, oder Gedanken eben) schneller zu formulieren. Meine Notiz mit Post-Ideen wächst bisher deutlich schneller als ich Blogposts schreibe(n kann), und eine Wörter-kotzen-Routine wirkt dem vielleicht entgegen.
Ich hatte dann auch kurz Angst, dass das alles ein bisschen dümmlich wirkt – was natürlich selbst dümmlich ist, denn niemand kann von einer Übung verlangen, dass sie gute, vernünftige, intelligente oder intelligible Resultate produziert. Ich glaube, gestern Abend habe ich bei Visa etwas über die Wichtigkeit der Dummheit beim Texteschreiben gelesen, aber präsenter ist mir gerade die Idee Latours (in der neuen Soziologie für eine neue Gesellschaft), dass der Forscher immer dumme Fragen stellen (können) muss, und kurzsichtig sein.
Ich versuche hier […] so dumm wie möglich zu sein (352)
Der Kontext ist eine Diskussion über das Verhältnis von Lokalität und Globalität. Die Idee ist, dass das Globale auch im Lokalen verortet – man könnte sagen, lokalisiert – werden muss. Die (gar nicht so dumme) Frage ist, wie der Eindruck von Globalität überhaupt entstehen kann, und aber auf diesen ersten Schritt folgt ein zweiter, in dem das Lokale entlokalisiert wird. Einzelne Akteure – Orte – stehen dann immer im Zusammenhang mit anderen und nie für sich selbst. Eine ganz ähnliche Figur gibt es bei Whitehead mit dem subject-superject (das ich leider noch nicht kannte, als ich über die -jekte geschrieben habe) und der damit einhergehenden (darüber bin ich mir aber nicht mehr sicher) Figur der Umkehrung von Universellem und Partikulärem:
[E]very so-called 'universal' is particular in the sense of being just what it is, diverse from everything else; and every so-called 'particular' is universal in the sense of entering into the constitutions of other actual entities.
Mir fällt gerade noch ein, dass Latour, wenn es um gesellschaftliche Strukturen geht, oft von Kontext spricht – negativ konnotiert natürlich, denn Kontext ist ja völlig abstrakt (der Kapitalismus ist so ein Kontext, der da in Beispielen auftaucht) und die Strukturen müssen irgendwie lokalisiert werden. Und bei Luhmann gibt es eine ganz ähnliche Figur: Kontext ist nur Kontext, solang er unberücksichtigt, Horizonthaft bleibt. Wird er in den Blick genommen, müsste er eigentlich Text werden – insofern ist die Forderung, Kontext zu berücksichtigen, irgendwie paradox.
Luhmann geht es an der Stelle darum, dass in Kommunikationen und in der Forschung immer berücksichtig werden muss, "was nicht gesagt wird, wenn etwas gesagt wird" – das ist dann die Form der Beobachtung zweiter Ordnung, die eben nicht nur sieht, was der beobachtete Beobachter sieht, sondern auch (und gerade), was er nicht sieht – seinen blinden Fleck, sozusagen.
Ich muss gleich zur Arbeit, deswegen schreibe ich jetzt ganz schnell noch 100 Wörter zum Begriff der Metamoderne, der mir heute über den Weg gelaufen ist und irgendwie ein bisschen unsympathisch erschien (gut gefallen hat mir nur der Ausdruck der "glocalized perception", den Vermeulen und Van Den Akker nutzen).
Mein größtes Problem war jedenfalls, dass mir nicht so richtig klar geworden ist, wie die beiden (eben Vermeulen und Van Den Akker) ihren Begriff meinen. Ist er Zeitdiagnose oder Ideologie oder Weltanschauung? In ihrem Aufsatz sprechen sie die ganze Zeit von Feeling – ja auch ein whiteheadscher Begriff – aber was soll das sein?
Und ich habe mich gefragt, ob das Bild, das dort vom Postmodernismus (und vom Modernismus) gezeichnet wird, wirklich passt. Finde diese Gleichsetzung mit Optimismus und Pessimismus, Fortschritt und Relativismus … sehr einfach, besonders wenn man die Begriffe irgendwie analytisch nutzen will. Nur noch ein Beispiel: man könnte – wenn es einem eben um Epochen oder Zeitabschnitte oder ähnliches geht – und dieser Eindruck wird ja durchaus erweckt (in diesem Artikel zum Beispiel) – ja gerade auch Verfallsnarrative (die eben nicht optimistisch sind und trotzdem ein integraler Bestandteil der Moderne – egal ob bei Cioran, MacIntyre oder im Faschismus) für spezifisch modern halten.