Unwissen

Differenzieren | Essay und Collage

Julia hat (im März) ein Zitat aus Natalie Haynes „Divine Might” auf Instagram gepostet. Ich kenne den Rest des Buches nicht, aber hier meine unqualifizierten Thesen zum Zitat.

We're so accustomed to a dialogue which pits these two areas of study against one another - utility versus beauty - and yet the Muses wouldn't recognize this division.

Man kann sich schon fragen, ob das stimmt, dass utility und beauty gegeneinander ausgespielt werden, oder ob der Gedanke von form follows function nicht genau der ist, dass Funktion und Form (als utility und beauty, was wahrscheinlich eine Fehlinterpretation ist …) übereinstimmen. Aber man würde vergessen, dass der Punkt von Dieter Rahms und seinen Jüngern ja gerade ist, dass Form und Funktion zwei verschiedene Aspekte sind, die erst in Einklang gebracht werden müssen.

Für Platon war das Wahre das Schöne das Gute. Für uns stimmt das nicht mehr. Für uns ist das Wahre das Wahre, das Gute das Gute, das Schöne das Schöne. Das Zitat hier ist schön, aber nicht wahr oder gut. Die Mathematik, die uns die Atombombe beschert hat, ist wahr, aber das macht sie nicht gut oder schön. Der historische Materialismus will das Gute, aber das macht ihn nicht wahr …

Why wouldn't you want your scientific pursuits to be beautiful? And why wouldn't you apply forensic accuracy to your dance or song?

Wissenschaft hat nicht den Sinn, schön zu sein, sondern neues Wissen zu produzieren. Schöne Bilder oder Metaphern sind Neben- oder Abfallprodukte, nicht Ergebnis der Sache. Man produziert Artikel mit Erkenntnisinteresse. Was ist schöner, die Schöpfungsgeschichte oder die Evolutionstheorie?

Und Kunst verwendet aus ihren Gründ keine wissenschaftliche Methodologie — es wäre langweilig, würde nicht etwas schönes produzieren — und es geht ihr ja nicht einmal mehr darum, schönes zu produzieren, sondern (ich habe die Kunst der Gesellschaft noch nicht gelesen) darum, das ausgeschlossene wieder einzuführen, umthematisiertes zu thematisieren und natürlich (haha) auch um Neuheit!

I couldn't write much without scientists designing my computer. And some of them must want to read about Greek myth after a long day at work.

Das sagt uns gar nichts darüber, ob Kunst und Wissenschaft in ihrer Funktion etwas miteinander zutun haben. Dass eine Wissenschaftlerin in ihrer Freizeit etwas anderes macht ist (meistens) völlig egal für ihre Arbeit.1 Dass ich Schach spiele interessiert an der philosophischen Fakultät höchstens die anderen Schachspieler und ab und zu einen Semiotiker.

These Muses always remind me that scientists and artists should disregard the idiotic attempts to separate us.

Wer sind denn diese bösen Mächte, die uns trennen wollen? Wer hindert denn KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen an der Zusammenarbeit? Doch sie selbst, ihre verschiedenen Interessen (die aber in der Suche nach Beobachtungsmöglichkeiten und Neuheit konvergieren — und sich genau dort befruchten können), ihre unterschiedlichen Existenzweisen, ihr Sein als geschiedene Funktionssysteme.

Um noch ein bisschen zu polemisieren — es ist ahistorisch, die Geschichten der Musen oder die Ideen von Platon oder Aristoteles in die heutige Zeit zu übertragen, als hätte sich in 2000 Jahren nichts verändert. Was interessiert uns, was die Musen sagen? Und wenn der Faschismus ein Versuch der Entdifferenzierung ist, dann ist es wohl auch faschistisch, die Vereinigung von Kunst und Wissenschaft zu fordern.

Essay und Collage

Vielleicht sind wir alle Nerds. Aber eben Nerds in einer funktional differenzierten Gesellschaft. Oder in der Nächsten …

Zwar ist [die Trennung von Wissenschaft und Kunst […] irreversibel. Bloß die Naivetät des Literaturfabrikanten nimmt von ihr keine Notiz […]”, doch [d]er Abscheu vor der anachronistischen Vermischung heiligt nicht eine nach Sparten organisierte Kultur. (Adorno, Der Essay als Form, 13f)

Der (oder das?) Essay als Form (Adorno) formuliert den Zusammenhang des Unterschiedenen, den Einschluss des Ausgeschlossenen. Sein Medium ist die Differenziertheit, er beharrt auf Nichtidentität. Er folgt seiner eigenen Logik, beginnt und endet, wo er möchte; Es geht ihm um Kontext und Koordination, nicht Prinzipien oder Einzelbeobachtungen. Der Essay ist Bild (Adorno, 32) — ich möchte sagen, Collage. Sie und er sind Rhythmus, Dynamik, Ähnlichkeit, Zeitgeist und Kritik (Höch). Sie und er sind Montage,

[…] die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene – und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt. (Ernst)

Im Essay und in der Collage, den randständigen, abseitigen, distanzierten Formen von Wissenschaft und Kunst (ist das Geschreibsel überhaupt Wissenschaft, ist das Geschnipsel überhaupt Kunst?) begegnen sich die Existenzweisen: Der Essay nimmt literarisch Abstand und kann (im Abstand) Kunst und Wissenschaft mischen, die Collage bedient sich der Analyse, der Zerlegung (DER wissenschaftlichen Methode). Vielleicht trifft man sich eher auf dem Boden der Kunst als auf dem Boden der Wissenschaft, aber irgendwo muss man sich ja treffen.


Das Nebeneinander von Essay und Collage wird mit der Freizügigkeit der elektronischen Medien (Baecker, 4.0, 63f) — man würde wohl sagen, mit dem Internet (im Krieg und im Internet ist alles erlaubt) — zum Grundprinzip der Kultur. Die Plattformen und Hyperlinks2 können keine Löcher in den Teppich brennen, der aus sich Tweets und Tiktoks und Kommentaren webt und die Errungenschaften der letzten Gesellschaft zudeckt.

  1. Luhmann schreibt in seinem Text über die Praxis der Theorie (Soziologische Aufklärung 1, 255): „Die persönlichen Präferenzen des Forschers sind für die Entstehung von Theorien mitwirkende Ursachen – so unerlässlich wie Tabletten und Bücher. Für die Wahrheit seiner Theorien sind sie ebenso irrelevant wie Tabletten und Bücher“ … Es gibt viel mehr zu sagen dazu – und zum Verhältnis von Wissenschaft und Kunst (Parallelpoesie …, Phallogozentrismus) bei Luhmann.

  2. Die ja den Verweisungen eine Form geben und sie einteilen in verfolgenswerte und nicht verfolgenswerte.