Unwissen

Das magische Dreieck

Wenn Theorie brutalistische Theorie sein möchte, will sie abstrakt und technisch sein und sich selbst dekonstruieren. Nur stellt sich die Frage, ob sie (sich) wirklich (selbst) dekonstruieren kann – dass der Beton zerfällt ist ja unbeabsichtigt, wird behoben – oder ob nicht ihr Abstraktionsgrad der (selbst-)Dekonstruktion entgegenstrebt? Und es stellt sich die Frage, ob Theorie nicht auch noch andere Dinge sein will oder soll, verständlich vielleicht.

Mir ist (noch) nicht klar, ob diese Ansprüche Ansprüche sind, die ich Theorien entgegenbringe oder ob sie objektive Ansprüche; Ziele sind, die jede Theorie verfolgt. Vielleicht lohnt es sich, für die zweite Option zu votieren und davon auszugehen, dass jede Theorie die Möglichkeit und das Ziel hat, so (Verständlich, Technisch, Dekonstruktiv) zu sein. Vielleicht kann man davon ausgehen, weil das Ziel von Theorieproduktion überhaupt ist, weitere Theorien zu produzieren – Theorien also so gebaut werden müssen, damit die autopoietische Theorieproduktionsmaschine reibungslos läuft.1

Es geht also um Ziele, die jede Theorie in Geistes- und/oder Sozialwissenschaften – in den humanities – erfüllen muss, weil sie Theorie ist. Aber dabei — und das wäre zu prüfen — tauchen Zielkonflikte auf: die Theorie kann technisch und dekonstruktiv sein, wird dadurch aber unverständlich. Oder sie kann verständlich sein, muss dann aber weniger technisch sein …

Die Problemlage ist ähnlich in der Wirtschaftspolitik, in der (man erinnere sich an seinen Politikunterricht) verschiedene Staatsziele konkurrieren. Dargestellt werden diese Ziele in einem magischen Viereck — magisch deshalb, weil nicht alle Ziele gleichzeitig verwirklicht werden können. Wahrscheinlich löst sich die Paradoxie in der Wirtschaftspolitik durch Oszillation, also durch Zeit: mal herrscht außenwirtschaftliches Gleichgewicht, mal sind die Preise stabil. Und auch für Theorie gibt es hier Möglichkeiten — man kann Einleitungen schreiben oder Glossare und didaktisch vorgehen. Aber das soll uns nicht davon Abhalten, uns außerhalb der Zeit zu positionieren und ein magisches Dreieck von Theoriezielen auszudenken.

Die ideale (…) Theorie wäre also 1. verständlich, 2. technisch, und 3. (de)konstruktiv.

Verständlichkeit kann dabei konzipiert werden als das Verhältnis der Theorie zu ihrem Leser. Negativ kann sie vielleicht über Steiners schwierige Texte2 erschlossen werden. Verständliche Theorie würde demnach

Verständlichkeit positiv zu bestimmen ist aufwendiger, es sei hier aber auf das hermeneutische Konzept der Verstehensvoraussetzungen (bei Zorn im Gegensatz zu Geltungsvoraussetzungen) verwiesen, die niedrig zu halten wären — vielleicht ist dieser Verweis auch Tautologisch.

Dass Verständlichkeit überhaupt ein Anspruch an Theorie ist, sieht man vielleicht gerade an Luhmanns Versuch3, sich ihr als Kriterium zu entledigen. Offensichtlich ist es ein Problem, wenn Theorie schwer verständlich ist und zwar unabhängig davon, wie Verständlichkeit zu verstehen (oder nicht zu verstehen) ist. Dass Luhmann sich gegen Verständlichkeit – und für Technizität und Dekonstruktivität entscheidet — spricht jedenfalls für die These vom Zielkonflikt.

Dass es wissenschaftsspezifische Anforderungen an Sprache gibt, ist nicht abzustreiten, dass die Sprache der Theorie die Alltagswelt überfordert ist klar. Aber vielleicht müssen diese Anforderungen verstanden werden als eine wissenschaftsspezifische Form von Verständlichkeit?

Komplikationen (für die These vom Zielkonflikt) ergeben sich, wenn man bedenkt, dass ein gewisses Maß an Technizität es erleichtert, mit der Theorie oder mit Theoriestücken zu arbeiten. Man reduziert Komplexität, in dem man Begriffe festlegt, die als Symbol für bestimmte Elemente (Sätze, Argumente …) fungieren. Die Arbeit an der Theorie gewinnt so an Genauigkeit und Tempo (Luhmann), weil die Theorie technischer UND SO verständlicher wird.

Garantiert ist dieser Zusammenhang aber nicht. Man kann Autopoiesis sagen und vorher schon erklärt haben, was damit gemeint ist. Oder man kann es später erklären und den Begriff trotzdem verwenden, sodass die Theorie zirkulär wird. Sie lässt sich dann nicht mehr linear darstellen und macht am Anfang Voraussetzungen, die sich (noch) nicht explizieren lassen.

Theorien komplexer Systeme müssen selbst komplex sein, aber anders (sonst wären sie keine Theorie). Dazu nutzen sie das Mittel der Abstraktion — im Abstand zum Gegenstand können Formen entstehen, mit denen mehr Information gewonnen und verarbeitet werden kann. Abstraktion ist, das ist die These Luhmanns (in SoSys 103f), erkenntnistheoretische Notwendigkeit — und Technizität ist der Umgang mit den Abstraktionen.

Man weiß (von Derrida oder Irigaray), dass Begriffe und Definitionen zu einer Verhärtung ;) beitragen, die Dekonstruktivität verhindert. Ein Extremfall ist vielleicht die mathematische Formulierung von Theorie, die so abstrakt ist, dass ihre Ergebnisse (dem Uneingeweihten) als absolut erscheinen — die Form mathematischer Gleichungen plausibilisiert und rationalisiert — aber der Theorieproduktionsmaschine sind Theorien dienlicher, die sich (durch sich selbst) entplausibilisieren lassen.

Die technische Sprache ist nur eine Seite einer Unterscheidung, auf deren anderer Seite die Poesie (deswegen Parallelpoesie) haust. Die beiden Seiten brauchen sich; es braucht (?) zu jeder Theorie eine Parallelpoesie, die alles noch einmal anders sagt – das gemeinte entphallofiziert, vermetaphert, es horizontal macht und atmosphärisch.

Dekonstruktivität wünscht man sich für das Verhältnis der Theorie zu ihrem Gegenstand. Im besten Fall setzt sie ihren Gegenstand nicht (nur) voraus, findet ihn in ihrer Umwelt vor, sondern leistet einen Beitrag zur Erklärung seiner Konstitution oder Konstruktion. Dass sie zu ihm in einem Verhältnis der Differenz steht ist selbstverständlich (man sitzt am Schreibtisch, während man die Gesellschaft beobachtet), dass sie ihn kritisiert, hinterfragt, kontingent setzt und vielleicht sogar auflöst, nicht.

Der Konstruktivismus, das ist nämlich immer schon die De-Konstruktion. Niemals wird man die Wege der Wahrheit rekonstruieren können, sondern nur Dekonstruieren. [……] Die Vorteile des Konstruktivismus […]: Alles ist hier zusammengebaut, alles kann auseinandergebaut werden.4


Während man die Forderung nach Selbstdekonstruktion (nach einer Steigerung des Auflöse- und Rekombinationsvermögens, Luhmann) im Dreieck irgendwo zwischen Technizität und Dekonstruktivität verorten kann, erfordern andere, weitere Ansprüche eine Erweiterung des Dreiecks.

Es lohnt sich zum Beispiel die Frage, ob Theorie umfassend sein, also jedes Phänomen in ihrem Gegenstandsbereich beschreiben können soll oder will. Meistens ist beides zu verneinen — die Theorien, die sich universal nennen sind selten — aber es gibt sie, und vielleicht wäre nur deswegen die Erweiterung zum magischen Viereck angebracht. Man würde damit deutlich eine theoriepolitische Dimension berücksichtigen. Universalität würde nicht nur heißen Allgemeingültigkeit, sondern vielleicht auch alleiniger Gültigkeitsanspruch im Vergleich zu anderen Theorien. Oder, im Fall der Systemtheorie Luhmanns, den Anspruch, alle anderen Theorien auffressen zu können.

  1. Aber auch sonst läuft die Maschine weiter – unverständliche, zu konkrete oder naturalisierende Theorie führt ja ebenfalls zu weiterer Theorieproduktion …

  2. On Difficulty (1978), dazu die Folge „Was macht Texte schwierig” von Mittelweg 36.

  3. Deutlich und (wie immer) sehr überzeugend in Unverständliche Wissenschaft. Probleme einer Theorieeigenen Sprache. In Soziologische Aufklärung 3 (1981).

  4. Latour, Existenzweisen (2014), 169 und 305.