Unwissen

Das Gespenst des Mediendeterminismus

Wie immer übernehme ich keine Verantwortung für die folgenden Wörter, denn nicht nur wurden sie sehr schnell geschrieben, mir ist außerdem (mal wieder) sehr warm. Einen Titel für diese Posts zu finden ist schwieriger – darüber habe ich mich schon beschwert – hier nur einmal die Warnung, dass es erst in der zweiten Hälfte um das Gespenst geht. [15/1000]


Ich frage mich, wie viele von den empathischen Nachrichten von Demokraten zum Tod von Lindsey Graham dadurch erklärbar sind, dass sie von seinen Kollegen kommen, die mit ihm "von Angesicht zu Angesicht" interagiert haben. Das ist das, was ich in der Logik der Guillotine als so eine Art Entfremdung durch Verbreitungsmedien beschrieben habe. Es ist im Internet und in der Kommunikation unter Abwesenden deutlich einfacher sich zu streiten als unter Anwesenden, und natürlich hat man für seinen rassistischen Kollegen – trotz allem – eher versöhnliche Worte übrig als für einen rassistischen alten Sack auf Twitter.

Ich habe gestern ein Youtube-Video geschaut, zu dem ich einige Fragen habe.

  1. Kann und muss man gegen die Beobachtung des Bedeutungsverlust von Begriffen oder Wörtern nicht auch einen Bedeutungsgewinn hervorheben? Dass bestimmte Wörter oder Phrasen deutlich häufiger verwendet werden heißt ja auch, dass sie mit mehr Bedeutung aufgeladen und in mehr Kontexten genutzt werden können. Dieser Prozess wird ja auch im Video beobachtet, aber nur als Komplexitätsreduktion. Die andere Seite, das Potential für neue Komplexität, das so entsteht (indem zum Beispiel völlig disparate Erfahrungen auf einmal miteinander kompatibel werden, weil ein Begriff diese Erfahrungen und ihre Beschreibungen subsumiert), wird dabei einfach unterschlagen.
  2. Problematisch an dem oben verlinkten Video ist natürlich auch das Beharren auf einem Begriff von objektiver Wahrheit und von substantieller Wortbedeutung. Es war noch nie völlig unproblematisch möglich, ein Wort zu sagen von dem dann alle wussten was gemeint ist. Bedeutung war schon immer aufgeschoben und vermittelt, was man heute beobachten kann ist nur, dass die Garanten von Bedeutung – symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien zum Beispiel, vielleicht naturalisierte und verdinglichte Phänomene (im Sinne Butlers, dey spricht in diesem Zusammenhang von der Konstruktion des Vorkonstruktiven) – sich auflösen.
  3. Und noch schlimmer finde ich diese Klage über den Sprachverfall. Sicher kann man das irgendwie dem Internet zuschreiben, aber meisten Menschen, die Englisch sprechen, sprechen Englisch als Zweit- oder Dritt-, nicht als Muttersprache. Variationen (im evolutionären Sinn, das finde ich eine angenehme rediscription des "Fehlers") sind da quasi vorprogrammiert.

Was mich daran stört – neben dem impliziten Aristotelismus – ist die Pendanterie, die im der Klage über Sprachverfall und Bedeutungsverlust usw. mitschwingt. Es würde doch gar nichts ändern, wenn alle die (vermeintlich) richtigen Begriffe verwenden würden? Die Angst, dass sich Diskussionen nicht weiterbewegen könnten, wenn nicht alle das selbe meinen ist doch völlig unberechtigt, viel schlimmer wäre doch ein totaler Konsens – denn dann könnte man aufhören zu diskutieren, und dann würde die Kommunikation einfach abbrechen – aber zum Glück ist so ein Zustand praktisch unerreichbar.

Das heißt natürlich nicht, dass Theorie und Beschreibung nicht kleinlich oder kleinteilig sein darf, vielleicht muss sie das sogar sein. Aber pedantische Kritik halte ich für ein Oxymoron, wenn Gesellschaftskritik emanzipatorisch sein soll oder will, dann muss sie Fehler und Widersprüche aushalten können oder sogar bejahen. Wer ®Evolution will, darf die kleinen Mutationen nicht unterdrücken, sondern muss sie befeuern.

Ist das schon akzelerationistisch? Mein Punkt ist jedenfalls, dass emanzipatorische Bestrebungen nicht an etwas vermeintlich Bewahrenswertem festhalten dürfen (und müssen), und erst recht nicht an der Einheit der Begriffe.

Das darf aber nicht heißen, dass man sich keine Gedanken um die negativen Effekte von social media und KI und so weiter macht – das Verhältnis einer emanzipatorischen Bewegung zur Technik wird ein dialektisches sein (müssen). Dass diese Dialektik schwer fällt, wenn die negativen (oder positiven) Effekte von technischen Entwicklungen auffallen, ist klar.

Den Luddismus kenne ich nur als abstraktes Konzept, und sicher ist diese Form der Technikkritik sehr daran interessiert, die negativen Seiten des ganzen zu betonen – aber auch hier ist die Negation ja eine bestimmte, es geht nicht um die Ablehnung von Technik überhaupt, sondern um die Ablehnung von Technik, die den Menschen schadet. Schade nur, dass sich die technische Entwicklung für die Einwände der Menschen nicht besonders interessiert.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie genau das Verhältnis von Medien und Technik auf der einen, und Gesellschaftstruktur und Semantik auf der anderen Seite ist. Die Unterscheidung von Medium (medialem Substrat) und Form denkt man normalerweise ja durchaus hierarchisch, die Medien (vor allem die Verbreitungsmedien, in den anderen Kontexten, in denen Luhmann diesen Begriff nutzt ist die gegenseitige Angewiesenheit von Medium und Form deutlich stärker hervorgehoben) gehen der Kommunikation, die sich ihrer Bedienen, ja voraus. Die Struktur der Gesellschaft ist eine Medienfrage, schreibt Luhmann irgendwo, aber das heißt ja nicht, dass die Verbreitungsmedien der einzige Grund der Gesellschaft sind.

Spezifische Verbreitungsmedien eröffnen einen Möglichkeitsraum, aus dem – unter Berücksichtigung aller anderen Gründe (die zu vielfältig sind, um sie aufzuzählen, der Übergang von Faktor- zu Systemtheorien kann durchaus durch das bessere Angebot der Systemtheorie zur radikalen Komplexitätsreduktion verstanden werden) – eine Möglichkeit selegiert wird. Dass der Faktor "Verbreitungsmedium" im Übergang zu einer Systemtheorie als besonderer erhalten bleibt, lässt sich durch die Bedeutung des Kommunikationsbegriffs erklären.

Dass die Gesellschaft aus Kommunikationen besteht macht es so schwer für den Menschen, auf sie einzuwirken. Das Kommunikationssystem ist durch Bewusstseine nur bedingt (das heißt schlecht) beeinflussbar, die Etablierung neuer Kommunikationsmedien hat einfach ein höheres Änderungspotential.

Sicher kann man dieses Hervorheben von Medien als Mediendeterminismus bezeichnen, allerdings wird so die Offenheit dieser Figur übersehen. Es ist eben gar nicht klar, zu welcher Gesellschaftsform, zu welchem Reproduktionsmodus der Kommunikation die Einführung eines neuen Verbreitungsmediums führt. Es gibt hier keinen Determinismus, sondern einen Zusammenhang, in dem sich Möglichkeiten für aktive Gestaltung – zum Beispiel durch die Entwicklung neuer Techniken – finden lassen können.

Sicher wird erst durch die Dezentralität des Internets die massive Zentralisierung durch Plattformen möglich und nötig (das Internet als WWW ist ja selbst schon eine Platform), aber diese Zentralisierung war und ist nicht unumgänglich.

Davon Abgesehen stellt sich die Frage, wie viel die Beobachtung von Kausalität, die ja immer im Nachhinein diagnostiziert wird, überhaupt mit einem Determinismus zu tun hat, der Kausalitäten im Vorhinein bestimmen würde (die Angst davor, in irgendeiner Weise ein Determinist zu sein, sitzt tief bei mir).

Der Begriff des Mediums lässt sich mit Luhmann ohnehin nur schwer zu einem Determinismus verbiegen, denn es ist ja klar, dass in einem Medium immer auch andere Formen möglich sind und sein müssen.

Der Fußabdruck im Sand, also die Form im medialen Substrat, der die lose gekoppelten Körner zur Form fest koppelt, wäre auch anders Möglich – als Handabdruck, zum Beispiel – und er ist flüchtig. Nach einiger Zeit oder einem Moment – durch Wind oder Wasser oder andere Fußabdrücke – verschwindet die Form wieder, die Körner liegen wieder lose gekoppelt vor. Und hier wird auch klar, dass das Medium (oder das mediale Substrat) die Form, also den Fußabdruck braucht, um Substrat zu werden (leider weiß ich nicht mehr, woher ich dieses Beispiel habe …, von mir kommt es jedenfalls nicht).

#wordvomit