Unwissen

Das Flugzeug der Theorie

Im Lesekreis wurde neuerdings Hegel gelesen, und dabei ist nicht nur eine Parallele zu Whitehead aufgefallen. Erstmal aber diese:

Hegel schreibt in der Einleitung zur Phänomenologie des Geistes, dass

ohne die genaue Bestimmung seiner Natur und Grenze [des Vermögens der Erkenntnis] Wolken des Irrtums statt des Himmels und der Wahrheit erfaßt werden. – Hegel, Phänomenologie des Geistes (50)

1928 muss zum Erreichen des Himmels der Wahrheit dann nicht mehr die Dialektik genutzt werden, stattdessen kann auf technische Hilfsmittel zugegriffen werden. Whitehead vergleicht den Gang der Theorie mit dem Flug eines Flugzeuges:

The true method of discovery is like the flight of an aeroplane. It starts from the ground of particular observation; it makes a flight in the thin air of imaginative generalization; and it again lands for renewed observation rendered acute by rational interpretation. – Whitehead, Process and Reality (5)

Die Metapher funktioniert fast ein bisschen zu gut. Der Boden der Tatsachen, von der aus sich das Flugzeug der Theorie (durch die Wolken des Irrtums hindurch?) in die Höhe der Abstraktion erschwingt, um dann mit nützlichen Generalisierungen ausgestattet wieder zu landen.

1987 wird dann schon Luftbetankung möglich gewesen sein, denn Luhmanns Flugzeug hält sich durchgehend über den Wolken.

Die Theorieanlage erzwingt eine Darstellung in ungewöhnlicher Abstraktionslage. Der Flug muß über den Wolken stattfinden, und es ist mit einer ziemlich geschlossenen Wolkendecke zu rechnen. Man muss sich auf die eigenen Instrumente verlassen. Gelegentlich sind durchblicke nach unten möglich – ein Blick auf Gelände mit Wegen, Siedlungen, Flüssen oder Küstenstreifen, die an Vertrautes erinnern; oder auch ein Blick auf ein größeres Stück Landschaft mit den erloschenen Vulkanen des Marxismus. Aber niemand sollte der Illusion zum Opfer fallen, daß diese wenigen Anhaltspunkte genügen, um den Flug zu steuern. – Luhmann, Soziale Systeme (13)

Der Flug wird jetzt durch die eigenen Instrumente gesteuert. Der Boden der Tatsachen interessiert nur noch aus sentimentalen Gründen, die einfache Beobachtung reicht nicht, um sich über den Wolken des Irrtums zu orientieren.

Reinhard Meys "Über den Wolken" erscheint zwar schon 1974, also 13 Jahre vor Soziale Systeme, zeigt aber schon sehr gut die Ambivalenz des Flugs über den Wolken. Zwar

Muss die Freiheit wohl Grenzenlos sein / Alle Ängste, alle Sorgen / Blieben darunter verborgen
Und dann / Würde was uns groß und wichtig erscheint / Plötzlich nichtig und klein

Für die Theorie ist die Freiheit von der Welt natürlich erstmal ein Vorteil, nur durch die Überwindung der Schwerkraft wird ihr Flug möglich. Aber durch ihre Höhe verliert sie den Blick auf das, was uns groß und wichtig erscheint – die erloschenen Vulkane des Marxismus, zum Beispiel.

Man würde sich Theorien mittlerer Höhe wünschen, Helikopter vielleicht – würden sie nicht dauernd abstürzen oder sich in den Wolken des Irrtums verfangen. Jeder Flug hat seinen Preis (und Kerosin ist teuer, momentan).