Unwissen

Blog oder Garten

Ich bin der Idee eines digitalen Gartens nicht abgeneigt. Ich mag Idee von living documents, (persönlichen) Wikis, dem Teilen von idiosynkratischen Texten, der Verbindung von Texten durch Links … Ich bin, anders gesagt, ein Freund des Hypertextes.

Geschichten dieser Idee haben andere geschrieben. Wichtig ist da vor allem, dass der "Garten" im Vergleich zum Blog die ältere (und vielleicht auch näherliegende) Form des Publizierens im Internet ist.1

Aber ich weiß nicht, ob ich die Metapher (wenn es eine Metapher ist) des Gartens mag. Sie klingt einerseits zu sehr nach Idylle, nach Hollywoodschaukel und Erdbeeren, und andererseits zu sehr nach Arbeit.

Ich habe vor einer Weile mal drei Thesen zum Garten aufgeschrieben, das hier ist vielleicht der Ort, sie endlich loszuwerden.

1

Der Garten ist ein Mikrokosmos, in den Vorstellungen eines Makrokosmos projiziert werden. Abdel-Wahed El Wakeel sagt über den Garten im Innenhof, er sei das hineinlassen Gottes in das Haus. Vielleicht kann er dann verstanden werden als re-entry der Natur in die Kultur.

Dann dürften sich an Gärten verschiedene Ordnungsbegriffe zeigen lassen. Im Übergang vom barocken französischen Garten mit seinem objektiven, streng formalen Aufbau zum englischen Garten mit seinen windenden Wegen, in denen das den Garten durchlaufende Subjekt im Vordergrund steht, zeigt sich eben auch eine neue Kosmologie. Man muss den Garten als Kosmogramm verstehen.

2

Die andere Seite des Gartens ist immer die Arbeit, die in seine Ordnung investiert wird. Aber diese (oft weibliche) Arbeit, die in die Pflege des Gartens, in das Gießen und Jäten und die Schneckenbekämpfung fließt, bleibt meistens [[Notizen zur (Un)-Sichtbarkeit von Prozess|unsichtbar]]. Das Bild des Gartens ist (fast) immer ein idyllisches (in genau diesem Sinn).

Das ist das besondere am Garten Eden, das macht ihn zum Paradies. In ihm muss nicht gearbeitet werden, er erhält sich von selbst. Erst nach dem Fall aus dem Paradies beginnt die Maloche.

In der Apple-TV Serie zu Asimovs "Foundation" sieht man im Palastgarten des Imperators immer Personen arbeiten, eine Instauration des Imperators verliebt sich sogar in eine Gärtnerin. Verbindet man das mit der These, dass Gärten immer auch eine repräsentative Funktion haben, sollte man hier im kleinen das Problem der Stabilität des Imperiums wieder sehen. Aber was es dann bedeutet, dass der Imperator von einer Gärtnerin verführt wird?

3

Neben diesem Problem der Entropiebewältigung hat der Garten als Idyll offensichtlich auch ein utopisches (vielleicht heterotopisches) Moment. Nicht nur die Freiheit von Arbeit, sondern auch die Naturnähe sind hier wichtig. Ich frage mich, ob sich eine Genealogie des Solarpunk schreiben lässt, die bei der englischen Gartenstadtbewegung beginnt.


Keine Ahnung, was uns das über die digitalen Gärten verrät, aber das ist vielleicht ein nützliches Raster, um die "Ideologien" ihrer Gärtner zu untersuchen? Welche Vorstellung von Ordnung sind in der Organisation des Gartens implizit? Wie wird die Arbeit am Garten (un)sichtbar? Was ist das (politische) Ziel der Gärtner, warum wird gegärtnert? Da bekommt man ja fast Lust, noch einen nächsten Post zu schreiben. Arbeitstitel: Digital Gardens and their Magic.

  1. Es stellt sich natürlich die Frage, warum sich der Blog (oder die Timeline) dann trotzdem durchgesetzt hat. Hier ist nicht der Platz, das zu diskutieren, aber meine Vermutungen sind: erstens, dass das etwas mit der Erfindung des extensiven Lesens durch die Drucker im 16. Jahrhundert zu tun hat, weil sukzessiv publizierte Inhalte unser Bedürfnis nach Neuheit befriedigen; zweitens, dass durch den Blog eine einfache Übertragung des Autor/Text Verhältnisses auf das Internet möglich war; und drittens, dass regelmäßige Updates, die per RSS oder Mail gepusht werden, zu mehr Besuchern und einen bequemeren Zugang zu Inhalten führen, was Blogs (und Newsletter) leichter monetarisierbar macht.